#sundaystory: Alles wird gut

Die vorgegebenen Informationen waren:
a) Deutsch
b) Alles wird gut
c) Pferd, Polizist, Eis
d) kindgerecht

für Mathias und Lilly

Es war laut, es war bunt, die Welt stand Kopf, es war Karneval.
Die kleine Mia sprang freudig in ihrem Prinzessinnenkostüm an der Hand ihres Vaters auf und ab, während sie auf dem Weg zum Umzug waren.
Auf dem Weg dahin trafen sie den Polizeipräsidenten, der sich als Sträfling verkleidet hatte, Nachbar Heinrich hatte den Kittel seiner Frau an und seine Frau trug Schnurrbart und die Latzhose ihres Mannes.
Mias Papa hatte sich als König verkleidet, mit einem roten Samtumhang und einer Krone, die Mia selbst noch mit bunten Steinen besetzt hatte. Aus dem gleichen roten Samtstoff hatten sie sich Beutel geschneidert, in denen sie die gefangenen Kamelle nach Hause tragen wollten. Es war sonnig und Mia freute sich schon unglaublich auf den Umzug, der immer einer Parade glich. Sie liebte die ausgelassene Stimmung und bestaunte die einfallsreichen Kostüme der Anderen. Aber am Allermeisten liebte Mia die Pferde, die von Polizisten beritten immer den Umzug säumten. Sie war jedes Mal beeindruckt von den würdevollen Schritten, die diese Tiere machten während sie ihrer Aufgabe nachgingen und wie brav sie waren, obwohl es so unglaublich laut und verrückt um sie herum zuging. Ihr Papa und sie ergatterten noch einen Platz an einem Baum, von wo aus man einen guten Blick auf den Umzug hatte.
Die ersten prächtigen Wagen zogen mit lauter Musik vorbei, die Leute klatschten im Takt und sangen die Lieder mit. Alle waren munter und fröhlich und es regnete neben Bonbons und Schokolade auch Socken und Popcorn in Tüten.
Als gerade der zweite Wagen vorbeigefahren war, musste Mias Papa nötig zur Toilette.
„Mia, wir müssen mal ganz kurz hier zu den Toiletten gehen, komm!“ sagte er.
„Aber Papa!“, rief Mia entrüstet, „Dann verpassen wir doch den ganzen Zug! Kann ich nicht hier bleiben und auf dich warten?“
Mias Papa überlegte kurz. „Na gut, wenn du versprichst genau hier auf mich zu warten… Die Toiletten sind ja gleich hier um die Ecke und ich brauche nur fünf Minuten. Aber du musst versprechen genau hier an diesem Baum zu bleiben, Mia, hörst du?“
Mia war froh, dass sie bleiben durfte und strahlte. „Ja, Papa, ich warte hier.“
Da zog Mias Papa rasch los, da er es mittlerweile sehr eilig hatte.
Mia blieb bei dem Baum zurück und schaute zu, wie der nächste bunte Wagen vorbeifuhr und breitete ihre Tüte aus um ein paar Kamelle zu ergattern. Sie ging ein paar Schritte nach vorn um eine Tüte Bonbons aufzuheben, die dort gelandet war. Als sie den Blick wieder hob, konnte sie vor Staunen den Mund kaum schließen. In würdevollem Gang schritt das schönste Pferd, das sie je gesehen hatte, daher. Ein Rappe mit glänzendem Fell und wallender Mähne, die ordentlich gekämmt und aufwendig festgesteckt war. Stolz und anmutig schritt er voran, mit dem Polizisten in gerader Haltung auf seinem Rücken sitzend. Mia war fasziniert, sie konnte den Blick nicht von dem prächtigen Tier abwenden, dessen kurzes Fell im Sonnenlicht einen rötlichen Schimmer hatte. Und dann geschah das Unglaubliche: Der Rappe, der vorher seinen Blick brav und konzentriert nach vorn gerichtet hatte, wendete seinen Blick zu ihr und schaute sie an! Seine warmen goldbraunen Augen blickten sie direkt an. Da war es um Mia geschehen, keine Sekunde konnte sie ihn aus den Augen lassen, sie versuchte sogar nicht zu blinzeln um keinen Augenblick zu verpassen. Sie konnte sich nicht sattsehen an diesem Wesen, das ihr, und nur ihr, seine Aufmerksamkeit zukommen lassen hatte, bevor es sich wieder auf seine Choreographie konzentrieren musste und mit einer leicht schüttelnden Kopfbewegung seinen Blick nach vorn wandte und weiter voranschritt.
„He da! Pass doch auf, Prinzessin!“, rief plötzlich ein Mann, der als Mönch verkleidet war. Mia war ihm auf den Fuß getreten.
Wie aus einem Traum gerissen schaute sie ihn entgeistert an. Sie schaute sich um, aber die Leute sahen nicht aus, wie die, die sie vorher umgeben hatten. Da war ein Baum, aber es war nicht der gleiche, an dem ihr Papa sie zurückgelassen hatte. Sie musste, fasziniert von dem Rappen, wie in Trance den anmutigen Schritten des Pferdes gefolgt sein. Nun bekam Mia ein flatteriges Gefühl im Magen und ihr wurde mulmig zumute. Wo war sie hier? Wo war Papa?
Sie drehte sich um und konnte in einiger Entfernung den Baum ausmachen, an dem sie hatte warten sollen, doch die Menschen standen so dicht an dicht, grölend und lachend und singend und Bonbonbs kauend. So einfach kam sie da jetzt nicht mehr zurück. Sie schaute wieder nach vorn. Da vor der Kneipe waren das Rettungszelt des Roten Kreuzes und die Tränke für die Pferde aufgebaut. Dort gab es etwas mehr Platz, die Leute wurden etwas ferngehalten, da es sich um einen Rettungsweg handelte und dieser frei bleiben musste, falls dringend ein Verletzter zu den Helfern gebracht werden musste.
Mias Kehle schnürte sich zu und sie bekam es mit der Angst zu tun. Wie sollte sie wieder zurück zum Baum kommen? Wo war Papa? Er musste sich bereits schreckliche Sorgen machen!
Sie lief ein paar Schritte weiter bis zu dem Platz, auf dem die Rettungszelte aufgebaut waren. Dort konnte sie ein Mal tief Luft holen, doch dann stiegen ihr die Tränen in die Augen.
„Na, na, na“, hörte sie jemanden neben sich schnalzen. „So eine hübsche Prinzessin sollte aber nicht weinen.“
Sie schaute auf und da stand ein junger Mann vor ihr, ein Pilot. Groß war er und starke Arme hatte er und ein sehr freundliches Lächeln. Er ging in die Hocke und schaute sie mit seinen freundlichen Augen an.
„Was ist denn passiert?“, fragte er.
Mia fing an zu schluchzen, sodass der Pilot Schwierigkeiten hatte, sie zu verstehen.
„Ich sollte am Baum auf Papa warten, aber dann hab ich das schwarze Pferd gesehen und als ich mich wieder umsah, war ich plötzlich ganz woanders und jetzt weiß ich nicht, wo mein Papa ist.“
Der Pilot lächelte.
„Haha, das schwarze Pferd, meinst du das dort?“, fragte er und zeigte auf den schönen Rappen, der da vorn bei der Tränke stand und sich ausruhte während er Wasser zu sich nahm.
Mias Augen weiteten sich und sie nickte.
„Das“, sagte der Pilot. „ist Arabas, er ist ein Freund von mir. Komm, wir gehen mal hin und schauen, ob wir dir nicht helfen können.“
Er stand auf, nahm Mia bei der Hand und ging mit ihr zur Pferdetränke.
Da stand sie nun, die kleine Mia, nur ein paar Zentimeter vom schönsten Wesen dieses Erdbodens entfernt und als es sie anblickte, seinen Kopf zu ihr neigte und ihr aus seinen Nüstern warme Luft entgegenschnaubte, versiegten auch ihre Tränen.
Sie streckte ihre Finger nach ihm aus und legte ihre Hand auf seine Blässe. Arabas schloss die Augen und genoss es.
„He, Felix.“, rief der Pilot.
Ein Polizist, der grad eine Bratwurst aß, wandte den Kopf. Mit vollem Mund fing er an zu grinsen und rief „Markus, das ist ja schön dich zu sehen.“
Der Polizist kam näher, schmatzend und kauend, blieb bei ihnen stehen und beobachtete die kleine Prinzessin, die da seinen Rappen streichelte, der es ganz offensichtlich toll fand.
„Diese kleine Prinzessin hier“, fuhr der Pilot fort. „scheint sich in Arabas verliebt zu haben und hat nun ihren Vater aus den Augen verloren.“
„Einen Augenblick“, sagte der Polizist, leckte den Rest Senf von seinem Finger und schluckte das letzte Stück Bratwurst hinunter. „So, also, wir suchen deinen Papa, ja?“ Mia nickte und die Tränen stiegen ihr wieder in die Augen.
„Keine Sorge Prinzessin, nicht weinen, alles wird gut! Wie sieht er denn aus? Was hat er an?“, fragte der Polizist.
Mia runzelte die Stirn, schaute an ihrem Kostüm hinunter und antwortete „Na, wenn ich die Prinzessin bin, dann ist er wohl der König.“
Da lachten der Pilot und der Polizist und der Pilot sagte: „Ja, Felix, das hättest du dir eigentlich ausrechnen können!“
„Na gut, Prinzessin, dann mach mal einen Schritt beiseite.“ sagte der Polizist und schwang sich auf den Rücken des Rappen. „Arabas, mein Freund, wir haben einen Auftrag.“
Als er fest im Sattel saß, breitete er die Arme aus und sagte zu dem Piloten „Gib sie mir mal an.“
Eh sich Mia versah, hatte der Pilot sie mit seinen starken Armen gepackt und ihre Füße baumelten in der Luft. Keine zwei Sekunden später saß sie vor dem Polizisten im Sattel. Sie konnte es nicht fassen, sie saß tatsächlich auf dem Rücken des wunderschönen Tieres, das sie zuvor so bewundert hatte und konnte seinen Hals streicheln.
„Gut festhalten!“, rief der Polizist. „Wir gehen jetzt den König suchen.“
Mia warf einen letzten Blick zu dem Piloten und rief ihm ein „Danke“ zu. Dann ritten sie davon.
„Da vorn an dem Baum“, sagte Mia. „Da sollte ich warten.“
Der Polizist saß mit aufrechtem Rücken da und spähte in die Gegend. Es waren so viele Menschen da. Es war schwer überhaupt jemanden auszumachen zwischen all den bunten Hüten, dem fliegenden Konfetti und den zum Bonbons fangen aufgespannten Regenschirmen.
Also räusperte er sich und rief ganz laut „Der König! Der König! Wo ist der König? Ich bringe ihm seine verlorene Tochter zurück! Die verlorene Prinzessin will zum König!“
Da sahen sie eine rote Samtrobe, die sich aufgeregt hin und her bewegte. Da war Mias Papa!
„Mia! Mia!“, rief er.
„Da“, schrie Mia. „Papa!“
Geradewegs ritten sie auf den König zu. Mias Papa staunte nicht schlecht, seine kleine Prinzessin da oben auf dem schönen Rappen zu sehen, als sie vor ihm hielten.
„Ich war krank vor Sorge, wo warst du denn?“, fragte Papa.
Doch bevor Mia etwas sagen konnte, ergriff der Polizist das Wort.
„Ich denke, ihre Tochter hat sich ein kleines bisschen verliebt.“ schmunzelte er und deutete mit seinem Blick auf das Pferd.
„Das ist Arabas.“, strahlte Mia. „Er ist jetzt mein Freund.“
Da musste selbst Mias Vater lachen und man konnte ihm die Erleichterung ansehen.
Er streckte die Arme aus und nahm Mia von Arabas’ Rücken entgegen, als der Polizist sie herunterhob.
„Ich freue mich,“ sagte Mias Papa „dass du einen neuen Freund gefunden hast, aber das nächste Mal warte bitte dort, wo wir es ausgemacht haben. Ich habe mich fürchterlich gesorgt!“
„Ja, Papa.“, sagte Mia. „Es tut mir leid, ich habe nicht gemerkt, dass ich mitgelaufen bin. Ich hatte auch Angst.“ Da war er wieder, der Kloß in ihrem Hals und sie fing an zu weinen, weil sie so froh war wieder bei ihrem Papa zu sein. Die Leute um sie herum fingen an zu klatschen und riefen „Der König hat seine Prinzessin wieder!“
Mias Papa schaute auf und sagte zum Polizisten: „Vielen, vielen Dank, dass Sie sie mir wiedergebracht haben!“
„Aber klar doch.“, antwortete der Polizist zufrieden lächelnd. „Die Polizei, dein Freund und Helfer.“ Und er zwinkerte Mia zu.
„Zum Dank“, fuhr Mias Papa fort, „würde ich Sie gerne auf ein Eis einladen.“
„Und den Piloten auch!“, rief Mia.
Mias Papa verstand nur Bahnhof aber nickte und sagte „Ja, den Piloten auch.“
„Und ein Stückchen Zucker für Arabas!“, rief Mia erneut.
„Ja auch das.“, entgegnete ihr Papa.
Und so kam es, dass Mia das schönste Karnevalsfest überhaupt verbrachte. Nachdem der Umzug vorbei war, saß die Prinzessin mit ihrem Vater, dem König, dem Polizisten und dem Piloten bei Spaghetti-Eis und Milchshakes und Kakao draußen bei der Eisdiele, während Arabas die Zuckerwürfel aus ihrer Hand schleckte und dabei wohlig warme Luft ausstieß.
An diesem Abend, als der König seine Prinzessin zu Bett brachte, schlummerte diese mit einem zufriedenen Lächeln ein und er nahm ihr die Krone ab und gab ihr einen Gutenachtkuss auf die Stirn.
Sie murmelte noch ein „Das glaubt mir keiner.“, dann schlief sie ein.

Gina Laventura ©2014

Kreativ bleiben Tipp #2

This entry is also available in English

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Photo & Editing: Ralph Wietek

Setzt euch in ein Café und beobachtet die Umgebung und die Leute!

Und damit mein ich nicht unbedingt, trefft euch mit Freunden in einem Café, sondern nehmt euch wirklich ein wenig Zeit und geht allein in ein Café, ordert euer Lieblingsgetränk und vielleicht ein Stück Kuchen oder dergleichen und schaut euch um.
Lasst die Umgebung auf euch wirken und schaut euch die Menschen an.
Was eine Freundin und ich früher gemacht haben war Folgendes: Wir haben uns gemeinsam in ein Café gesetzt (da war es Sommer und wir konnten draußen sitzen, aber es funktioniert ebenso gut wenn man drinnen sitzt und nach draußen schauen kann). Die Passanten, die vorbeiliefen inspirierten uns und wenn dann zum Beispiel ein Pärchen vollbepackt mit Tüten und mit missmutigen Gesichtsausdrücken vorbeistapfte, sagte eine von uns “Okay, ich bin der Mann, du nimmst die Frau!” und dann fingen wir an, die Passanten zu synchronisieren. Die hanebüchensten und lustigsten Dialoge sind dabei entstanden, die oftmals so fernab dessen gewesen sein mussten, was diese Leute wirklich besprachen, aber es war ein absolut amüsanter Zeitvertreib. (den ich sogar gelegentlich gern wiederholen würde^^)
Diesem Zeitvertreib liegt vermutlich ein ähnliches Prinzip zugrunde wie dem Improvisationstheater, da man alle Gesichtsausdrücke, Bewegungen und “Plot-Twists” mit einbauen musste, in das, was man da fabrizierte. Aber es funktioniert auch ohne eine zweite Partei, mit der man lustige Konversationen spinnen kann.
Aber sich zu überlegen, was diese Menschen wohl denken, was sie gerade tun, woher sie kommen, wohin sie gehen, kann durchaus die Basis für eine gute Geschichte liefern. Ebenso wie die ganze Stimmung der Umgebung dazu beitragen kann.
Gerade jetzt in der Weihnachtshektik die Leute zu beobachten, während man selbst gemütlich im Café sitzt, kann interessant sein. Sich im Sommer mit einer Decke in den Park setzen ebenfalls. Es muss natürlich nicht zwangsläufig ein Café sein, das versteht sich von selbst.
Ich spazierte mal durch einen Park und machte eine kleine Pause auf einer Bank und schaute mich um. Dort sah ich einen Mann auf seinem Fahrrad, der sowohl hinten als auch vorne einen Sitz samt Kind mit sich spazieren fuhr, ein verliebtes Pärchen in ihren Vierzigern, ein junges Pärchen, das eine Auseinandersetzung hatte in einer fremden Sprache, an einen Baum gelehnt einen jungen dunkelhaarigen Mann, der seine Freundin mit gelbem Kopftuch verliebt anschaute, während sie eine SMS in ihr Handy tippte bevor sie sich ihm wieder zuwandte, eine Oma, die mit ihren Enkeln spazieren ging, eine englischsprachige schwangere Frau, die mit ihrem Töchterchen spazieren ging, das ganz aufgeregt umhersah bis sie ihren Vater in einer auf sie zusteuernden Menschenmasse ausfindig machte und dann Anlauf nahm und mit einem langgezogenen “Daddy” auf ihn zurannte und er es hochnahm. Alles Basis für Geschichten, vor allem wenn man den Fokus auf Ähnlichkeiten, Unterschiede und Gemeinsamkeiten legt, denn alles was ich sehen konnte war nur eins: Liebe. Egal in welcher Form, die Menschen waren unterschiedlichen Aussehens, unterschiedlicher Altersklassen, sprachen unterschiedliche Sprachen, waren unterschiedlicher Herkunft und die Beziehung zwischen ihnen war unterschiedlich, aber eins hatten sie gemeinsam: die zugrundeliegende gemeinsame emotionale Verbindung.
Wenn das mal keinen Boden für eine Geschichte bietet!
Und selbst wenn ihr euch gemeinsam mit jemandem irgendwo hinsetzt und ihr beide das gleiche seht, so werden eure Geschichten, die ihr nachher schreibt trotzdem nicht die gleichen sein.
Und das macht es spannend und aufregend und so enorm inspirativ.
Also kann ich euch nur ans Herz legen, es mal auszuprobieren, selbst wenn ihr keine Geschichten schreibt, sondern ein anderes kreatives Ansinnen verfolgt, sei es nun Malen, Zeichnen, Musik, Fotografie, Schreiben von Kurzgeschichten, Gedichten, Büchern, TV-Formaten, Kurzfilmen, Spielfilmen oder sonst etwas, was mir ad hoc nicht eingefallen ist, ich halte es für eine wunderbare Methode in Bewegung und kreativ zu bleiben.
Sei kreativ. Sei du selbst.

#sundaystory: Hautfarbe

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Die vorgegebenen Informationen waren:
a) Deutsch
b) Hautfarbe
c) Unbewusster Rassismus, Vorurteil, Unterschied
d) traurig

für Christian

Ich wandle durch die Straßen der Stadt. Einer Stadt der zivilisierten, aufgeschlossenen, westlichen Welt.
Ich schaue mich um. Und ich spüre die Blicke der Leute, wie sie an mir haften, sich nur schwer lösen, oder wie ich zufällig in ihr Blickfeld gerate und sie schnell den Kopf wenden um mich wieder auszublenden.
Ich wandle durch die Straßen eines Landes, das so viel zu bieten hat, das ich mag, in das ich gekommen bin, weil ich kommen wollte.
Ich wandle durch die Straßen eines Landes, deren Menschen mit dem Spiel “Wer hat Angst vorm schwarzen Mann” aufgewachsen sind. Und genauso starren mich manche an. Als seien sie ertappt worden. Nun müssen sie auf der Hut sein.
In ihren Blicken kann ich die Vorurteile förmlich sehen. Da steht es geschrieben: “Achtung, der ist gefährlich!”, “Mädchen, pass auf, der ist aggressiv!”, “Stell den bloß nicht ein, der ist bestimmt faul und vielleicht stiehlt er sogar. Seine Familie hat bestimmt nichts.”
Naja, also zum Einen kann ich keiner Fliege etwas zu Leide tun, zum Anderen bin ich so schüchtern, dass ich mich kaum traue Mädchen anzusprechen und wenn doch, dann käme ich im Leben nicht auf die Idee, ihnen etwas anzutun, und meiner Familie geht es gut, aber weil ich hier das Metier gefunden habe, in dem ich arbeiten möchte, das mich reizt und in dem ich gut bin, habe ich mich dazu entschlossen hierher zu kommen. Um mich selbst zu verwirklichen und das zu tun, was ich wirklich gerne tu, worin ich gut bin.
Aber das interessiert nicht.
Ich will nicht sagen, dass ich durch die Straßen eines rassistischen Landes wandle, um Himmels Willen, nein. Ich habe hier sehr nette Menschen getroffen, aufgeschlossene Menschen, die mich herzlich empfangen haben. Ich habe an der Uni mit Mädchen Kaffee getrunken, die keine Angst vor mir hatten, ja, die mich vielleicht sogar mochten. Ich habe Kinder getroffen, die mich angelacht haben und mir stolz ihr Kuscheltier entgegen hielten und mir sogar verrieten, wie es hieß. (Allgemeinhin sollte man anmerken, dass viele Kinder bei “Wer hat Angst vorm schwarzen Mann” überhaupt nicht an die Hautfarbe schwarz denken, sondern an einen großen unheimlichen Mann mit weißer Haut, der aber dunkle Kleidung trägt)
Aber ich kann mich des Eindrucks trotzdem nicht erwehren, dass ich hin und wieder, dann und wann und auch mal öfter mit unbewusstem Rassismus konfrontiert werde. Die Leute merken es vielleicht noch nicht mal. Aber wenn ich Zug fahre und neben mir ein Sitz frei ist, dann merke ich das kurze Innehalten der Einsteigenden, die einen freien Platz suchen, den neben mir betrachten, mich anschauen und dann doch weiterziehen. Interessant sind dann auch die, die sich doch widerwillig neben mich in den Sitz fallen lassen, weil sie denken, sie müssten es tun, damit ich sie nicht als Rassist abstempel.
Das ist doch verrückt.
Überall heißt es “Embrace Diversity”, Unterschiede machen das Land und das Leben bunter. Nur meins anscheinend eben nicht.
Es heißt, wir integrieren uns nicht, wir blieben eh nur in unseren Gemeinschaften. Und ja, ja ich treffe Freunde, deren Familien aus fast der gleichen Gegend stammen wie ich und wir kochen Gerichte von Zuhause und tauschen uns über Gemeinsamkeiten aus. Denn in dieser bunten Welt des Unterschieds ist es manchmal ungemütlich. Und einsam. Und Zuhause ist es warm. Zuhause ist weit weg. Das war, was wir alle in Kauf genommen haben um hier unsere Chancen wahrzunehmen; dass nun zwischen uns und unseren Familien wahrhaftig Welten liegen. Aber bitte, wie gern hätte ich die Mädchen vom Kaffeetrinken oder die Kommilitonen zu so einem Abend mal eingeladen, damit sie die Gerichte kosten können, die ich von meiner Mutter gelernt habe? Aber so groß ist die Freude am Unterschied dann wohl doch nicht, als dass sie das mal gern probieren würden. Leider, denn es schmeckt wirklich gut und ich würde gern meine Welt mit den Menschen teilen, in deren Welt ich mich bewege. Aber keins der Mädchen vom Kaffeetrinken und kein Kommilitone, dem ich bei seinen Aufgaben geholfen habe, hatte mal Lust mitzukommen. Weil sie dann ja doch recht einsam im Raum auffallen würden, mit ihrer anderen Hautfarbe. Haha, ja, das würden sie wohl. Einen Abend lang.
Und das, was sie dann einen Abend lang erleben würden, von dem herzlichen Empfang bis hin zu den komischen Blicken, eben weil sie anders wären, das ist das, was ich jeden Tag erlebe. Bienvenue dans ma vie. Willkommen in meinem Leben.
Aber so groß ist der Spaß am Unterschied und an der bunten Welt wohl nicht. Den hat man nämlich nur dann, wenn man selbst die Farben aussuchen und mischen darf.
Ich wandle durch die Straßen der Stadt. Einer Stadt der zivilisierten, aufgeschlossenen, westlichen Welt.
Einer Welt, die mich anscheinend nicht will. Oder wenn, dann nur bedingt.
Und wenn ich dann mal mit einem Menschen warm laufe, ihn beim Reden an die Schulter fasse oder wenn ich diese Person mit Wangenküsschen links und rechts verabschiede, dann schauen sie mich an, als hätte ich soeben den kompletten Teppich des guten Benehmens besudelt. Weil sie sie vielleicht befremdlich finden, diese Wärme, die ich von Zuhause kenne und die mich in manchen Momenten überkommt, in denen ich dann vergesse, dass man das hier meistens eher nicht so macht. Zaghaft setze ich wieder Fuß vor Fuß und bemühe mich, ordentlich auf dem vorgezeichneten Plan zu laufen. Ich sage artig “Guten Tag” und erkundige mich nach dem Befinden der Frau Mama, weil ich das als gutes Benehmen von klein auf beigebracht bekommen habe. Ich sage “Grüß deine Mutter”, weil sich das bei uns so gehört, als Antwort bekomme ich ein schallendes Lachen und ein “Aber du kennst sie doch gar nicht”. Wie oft habe ich mich gefragt, ob sie die Grüße wohl jemals ausrichten.
Es ist auch nicht so, als würden die Leute mich nicht mögen, manche sind sehr nett zu mir und laden mich sogar zu ihrem Geburtstag ein. Es ist auch nicht so, als wüsste mein Chef meine Arbeit nicht zu schätzen, ganz im Gegenteil, er ist sehr erfreut über meine Erkenntnisse und meinen Beitrag zum Firmenwachstum. Ein Kommilitone aus dem ersten Semester, den ich nach einiger Zeit wiedertreffe, freut sich mich zu sehen und komplimentiert meine sprachlichen sowie beruflichen Fortschritte. Ich arbeite viel, ich lerne viel, ich lese viel, ich übe die Sprache und setze mich mit der hiesigen Kultur auseinander. Möchte ein Teil davon sein und einen Teil von meiner Kultur, von mir, zurückgeben.
Embrace Diversity, Unterschied macht bunt. Aber anscheinend malen wir leider nicht gemeinsam.
Denn wenn das Verhältnis der Farben sich ändert, dann würdet ihr wohl im Raum auffallen, mit eurer anderen Hautfarbe. Einen Abend lang.
Und das, was ihr dann einen Abend lang erleben würdet, das ist das, was ich jeden Tag erlebe. Bienvenue dans ma vie. Willkommen in meinem Leben.

Gina Laventura © 2015

#sundaystory: Einsamkeit

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The information given was:
a) English
b) Einsamkeit
c) death, music, dance
d) sarcastic

dedicated to Benjamin

Ein-sam-keit. German for Lone-li-ness.
Did you ever feel lonely? By all respect, I don’t mean alone, I said lonely.
You ask where the difference is?
Ok, let me try to explain. Alone is when you feel a lack of company, when you wish being surrounded by people. No, no, when you wish for a particular person to stick around, that is called missing. That’s not the same! Lonely is when you even feel alone, lost, misunderstood or not understood amongst a mass of people, say, you dance and swing and sway to the music in a club, surrounded by all your friends, but somehow there is still this hollow place inside your chest and you feel a lack of something, but you can’t really define it. That comes closer to feeling lonely, yeah.
Okay, now that we have discussed the formalities, I ask you again: Have you ever felt lonely? Alone? Ever missed someone?
‘Yes’ you say? Good.
‘No’, you say? Well, I’ve met people like you before. People who didn’t know loneliness, who never felt alone, who never knew missing. Let me tell you, I taught them missing of the worst kind. I taught them loneliness of the bitterest kind. They were never more alone than at that moment I came around.
Whether I felt sorry for that? Hell, no! Why should I? That’s my job! Plus, call me mean or nasty or unfair, but, it’s not my decision you know?! That is something that you have to understand. I’m not the one writing the book, I’m not the one setting the time and once the timer rings it’s over. I’m just there when the timer rings. I’m there when it’s over. And looking back over my shoulder I see the pain start for those who remain. But if you ask me whether I feel sorry for it, no, really, I don’t. Why should I? I’m as old as time and it has always been that way.
See, now you call me nasty and cold hearted. (Funny enough my friends, who ever said I had a heart, huh?)
But in fact it’s you who are so nasty and egocentric. You ask the wrong questions. You ask whether I feel sorry for it and I answer honestly, honestly no. And you condemn me. But you never ask whether I feel happy about it or whether I feel joy. Because, guess what, the answer is also no. No, I neither feel sorry, nor do I feel joy.
Okay, okay, I have to admit, sometimes I feel a little satisfied. Especially when meeting people who never knew missing, who never knew loneliness. Because, I think it’s unfair, you know. No one ever asked me whether I felt lonely. I mean, yes it is my job, and I do not complain, and it’s been like that since forever, basically. But guess what, walking the streets and wandering the paths until another timer goes off, rings, and I know another job’s awaiting me, can become quite a lonely journey. And then, when it’s over and the ones who remain are taught the lesson of loneliness and missing, at that very moment, we share something. And you know what? That makes me feel less lonely.
So, now you start calling me an egotistic and nasty bastard, you see, there we are again. It’s always me. I’m always the bad guy.
But you failed to ask the right questions!
I do not particularly enjoy it and I’m not sadistic, I just say, sometimes, rarely ever but sometimes it gives me a little satisfaction. But more often than not, it’s just a job.
And sometimes, when meeting those cocky, stupid numpties who don’t know shit about missing and loneliness, I teach a lesson. That’s also part of my job.
On the other hand, let me be clear about one thing.. If you belong to those who say they knew missing and loneliness.. we have to have a word or two as well…
What you call missing or loneliness sometimes, my friends, is purely ridiculous! I mean, hello-ho, you miss someone? Don’t you all have those cute little or big devices for communicating? Tell them. Meet them. Oh, oh, yeah, I see, not possible, yeah, sure. Screw it! The only thing not possible here, is you getting over your close minded assumptions of what is possible and what is not! I never thought it would be possible to hold someone in my hands and suddenly they would slide away and vanish from my fingers, where they had been lingering a minute before, but hey, it happened! Yeah, okay, okay, you do not miss a particular person, but you miss “the old times”, got it. Well, erm, how do I put it nicely… get over it!
I urge you, don’t wait for me to come around to teach you the true and honest meaning of missing and loneliness. It’s harder to get over that one, believe me!
You know, you call me egotistic and nasty, but actually, I’m more generous than you are. I embrace you all, the cocky numpties and the ones who exaggerate and complain a lot, the ones who fight me (by the way, sometimes I even like it when they win, keeps me in shape), the ones who wave ‘hello’ to me, the ones who jump into my arms, the kind ones, the nasty ones. You are all the same in front of me. When you meet me, there is no difference. And I embrace you all. See, I’m generous. Why can’t you embrace me as a matter of fact? Why can’t you embrace the fact that I will be there when your timer rings? We could listen to some sweet music, maybe I’d even let you choose the tune, and we could dance together. Both not lonely for the short rush of a moment that we share.
But yeah, I think, this gap is not so easy to be bridged and I will always be on the darker end of the scale. I mean, I’m competing with bright life, huh. That’s a tough competitor. On the other hand, sometimes some of you don’t appreciate my competitor as much as he deserves, really, I mean it. I know a good man when I see one! And I know a good competitor. You guys really should love him a little more. He gives a whole lot to you, offers you so many possibilities. In comparison to what he offers, what do I have to offer?
Open arms for you and a lesson about missing and loneliness for those who remain.
Your choice, my friends. I will be waiting, anyway.

Gina Laventura © 2015

(inspired by and in honour of Markus Zusak’s The Book Thief, whose approach towards narration through Death’s perspective was an extraordinary piece of art to work with.)

FAQ Freitag: Über autobiographische Bezüge

This entry is also available in English


Photo & Editing: GOTOX, 2011

Zugegeben, es ist nicht immer leicht, Autor und Werk zu separieren.
Wie oft ist es mir selbst passiert, dass ich für das Literaturstudium Bücher oder Kurzgeschichten lesen musste und ich mich während des Lesens fragte, was zum Kuckuck der Autor wohl zum Frühstück zu sich genommen haben mag, dass er etwas derartiges produziert.
Dementsprechend kann ich es absolut nachvollziehen, dass es einem als Leser schwer fällt, das Werk losgelöst vom Autor zu betrachten.

Wie Fabio Volo in seinem Roman Zeit für mich und Zeit für dich es so schön auf Seite 51 beschreibt:
“Ideen klauen gehört irgendwie zur kreativen Arbeit dazu. Nicola und ich tun das auch. Man klaut aus Filmen, Songs und Gesprächen, die man in der Schlange vor der Supermarktkasse oder im Zug belauscht hat. Wie Vampire saugen die Kreativen alles aus, was ihren Weg kreuzt. Sie schnappen irgendein Wort, einen Satz oder einen Gedanken auf, plötzlich geht ihnen ein Licht auf, und sie wissen: Das ist es, wonach sie die ganze Zeit gesucht haben. Und dabei ist es ihnen nicht mal bewusst, dass sie etwas stehlen. Sie glauben, alles stände zu ihrer freien Verfügung. Darum sind die Worte von Jim Jarmusch die Bibel der Kreativen: ‘Entscheidend ist nicht, woher man die Dinge nimmt, sondern was man daraus macht.'”

Ganz so schlimm, wie er es beschreibt, ist es dann vielleicht doch nicht, oder vielleicht schon, ich weiss es nicht. Aber ich stimme schon zu, dass man Dinge aufschnappt oder nichtsahnend am Bahnsteig steht und plötzlich sieht man eine Bewegung, hört einen Satz, sieht ein Lächeln oder sonst was und da ist er, schnapp!, der Moment, den man brauchte und dann läuft es plötzlich, wie von allein, es spinnt sich weiter, manchmal so schnell, dass man gar nicht fix genug Zettel und Stift zur Hand haben kann. Und in anderen Momenten schnappt man es auf und legt es wohlgehütet in ein Kästchen und man denkt “Du wirst ein Mal Teil einer Geschichte, aber noch fehlt etwas.” und irgendwann kommt der nächste Aspekt und Stückchen für Stückchen setzt es sich wie ein Puzzle zusammen und es muss ein wenig köcheln, bis es gar ist, bis es reif ist und dann plötzlich weiss man, nun ist der Moment gekommen, nun kann und will die Geschichte geschrieben werden. Und das kann auch mal ohne Weiteres unter der Woche nach Mitternacht im Halbschlaf passieren und es bleibt einem nichts anderes übrig, als aufzustehen und das zu tun, was verlangt wird.
Dementsprechend: Nicht jede Konversation, die in meinen Geschichten gesprochen wird, hat wirklich stattgefunden. Vielleicht hat sie das, irgendwo, weit weit weg, aber ich meine, ich muss sie nicht selbst erlebt haben. Natürlich, alles, alles hilft, manchmal ist es etwas von dem eine Freundin mir erzählt, oder ein Freund, manchmal sind es Ansätze, die aus anderen Texten stammen, die ich gelesen habe gemischt mit einem Wort aus einem Film, das meine kreative Maschinerie angeheizt hat. Manchmal ist es pures Gedankenspiel und beruht weder auf etwas, das ich, noch auf etwas, das irgendjemand, den ich kenne, erlebt hat. Ich will nicht leugnen, dass hier und da mal ein Satz fallen kann, den ich selbst gehört oder gar selbst gesprochen habe.
Also wenn ich nur für meine Texte sprechen muss, dann: Ja, ja, man findet mein Herzblut, meine schlaflosen Nächte, die Wortspiele, die mir unerwartet in kuriosen Augenblicken durch den Kopf schießen, meine Zeit, meine Energie, meinen Schweiß, meine Liebe, meine Verzweiflung ob der Schwierigkeit für das, was man ausdrücken will, die richtigen Worte zu finden, ja einen Teil von mir darin.
Aber: Meine Texte sind nicht mein Leben! Das, was ihr lest, ist keine eins-zu-eins Konservierung und Dokumentation meines eigenen Lebens.
Natürlich gibt es Texte, gerade hier auf dem Blog, die persönlicher sind, wie dieser hier, oder wie “Tiswitis“, aber auch hierbei handelt es sich nicht um eine pure autobiographische Dokumentation meiner eigenen Erlebnisse, sondern eine Portion eigener Erlebnisse und Emotionen und Gedanken werden wie Sahne unter fiktive Elemente gehoben und behutsam umgerührt.
Aber ich schreibe weder zur Selbst-Therapie (was mir mal in charmantem Ton vorgeworfen wurde), noch um mein eigenes Leben minuziös festzuhalten (dazu gibt es Tagebücher). Ich will gar nicht, dass der Leser mich in den Seiten und zwischen den Zeilen und in den Buchstaben findet. Vielmehr wünsche ich mir, dass er sich selbst dort finden kann, oder etwas, das ihm vielleicht auf einer beschwerlichen Reise als Stütze dienen kann, etwas das ihm Trost spendet in traurigen Zeiten, etwas das ihm Freude bereitet an einem düsteren Tag, etwas, das ihm vielleicht auch einfach nur kurzweilige Unterhaltung beschert, etwas das ihn bewegt, berührt, ja vielleicht sogar inspiriert.
Zumindest ist das mein Wunsch, wenn es um die Frage geht, was ich mir erhoffe, was der Leser in meinen Texten findet.

Wer kurzweiliges und ein wenig anzügliches Entertainment mit dem Hintergrund der Frage zu autobiographischen Bezügen in Texten lesen möchte, dem lege ich meine Story “Sex sells” ans Herz, die mit ein wenig Humor und Sarkasmus, genau in diese Richtung deutet. Allerdings existiert dieser Text bisher nur auf englisch.

Kreativ bleiben Tipp #3

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Haltet Ordnung an eurem Arbeitsplatz!

Klingt logisch, ist auch so.
So viel Chaos, wie man manchmal im Kopf haben kann, ist es fast unerlässlich, außen Ordnung zu halten um sich dann dem inneren Chaos widmen zu können und dieses in Ordnung zu bringen.
Ich habe auch schon von Menschen gehört, es mache ihnen nichts aus, wenn es unordentlich ist, oder die sogar behaupten, sie bräuchten das Chaos.
Und ich rede ja auch nicht von übertriebener Pedanterie und einem Ort, wo alles im 90-Grad-Winkel zueinander steht und es sich steril und leblos anfühlt, aber ich persönlich empfinde ein gewisses Maß an Ordnung als sehr zuträglich für die Kreativität.
Ob es dann auch wirklich klappt, oder nicht, ist eine andere Sache.
Und das heißt natürlich auch nicht, dass man im Chaos nicht kreativ sein kann.
Aber äußere Ordnung kann dabei helfen sich an die innere Ordnung zu begeben.

#tbt Große Liebe, kleines Herz

#tbt
Heute mal ein Gedicht noch aus Schulzeiten.


Photo, Editing & MUA: J.|B.|P.

Große Liebe, kleines Herz

Große Liebe
kleines Herz
kleine Gesten
großer Schmerz.
Der großen Liebe
kleiner Gesten,
die zuletzt das Herz verpesten,
zu großer Schmerz
für das kleine Herz.
Das kleine Herz,
das so groß liebt,
für dessen Schmerz
es keine Gesten gibt.
Kleine Gesten
werden zu großem Schmerz,
die große Liebe
zerreißt das kleine Herz.
Große Liebe,
die in kleinen Gesten versinkt
bis zuletzt das kleine Herz
in großem Schmerz ertrinkt.

Gina Laventura © 2006

Ruhrpottliebe

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Ich habe meiner Freundin versprochen bei dem Relaunch meines Blogs dieses Gedicht zu posten.
Der Hintergrund: Sie ging weit weg zum Arbeiten und dieses Gedicht war ein Abschiedsgeschenk, damit sie uns nicht vergisst.
Es hängt noch heute in ihrem Wohnzimmer.

Ruhrpottliebe

Wir atmen Dunst,
Kohle fließt durch unsere Adern,
das Leben ist Kunst,
keine Zeit zu hadern.
Keiner kann uns unserer Träume berauben,
denn dort, wo Sonne, Mond und Sterne verstauben,
tief im Westen, da sind wir daheim,
egal wo wir uns befinden, so wird es immer sein,
zumindest im Herzen.
Wir trotzen den Stürmen,
überwinden die Schmerzen,
stellen uns den Gezeiten
um unseren Horizont zu weiten,
bezähmen die Gischt,
denn da, wo Krupp klackert und zischt,
kennen wir die Felder und den Asphalt,
wo das Dröhnen der Industrie in unserem Brustkorb widerhallt,
fühlen wir uns zu Haus.
Wir gehen in die weite Welt hinaus,
doch Heimat ist, wo Liebe ist
und unsere Liebe ist bei dir,
wo immer du bist.

Gina Laventura © 2013

Willkommen bei dem Relaunch meines Blogs!

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Meine Lieben,

herzlich willkommen auf ginalaventura.com.
So wie es manchmal Zeit ist zuhause aufzuräumen, auszumisten, umzudekorieren oder zu renovieren, so ist das auch in dem virtuellen Raum, den man sein Eigen nennt, ab und zu der Fall.
Deshalb begrüße ich euch heute auf meinem frisch renovierten, dekorierten und umstrukturierten Blog.
Es ist vielleicht noch nicht alles perfekt und bis ins kleinste Detail optimiert, aber Einzugsfeiern schmeißt man ja schließlich auch, obwohl irgendwo noch eine Kiste rumsteht oder ein Bild noch nicht an der Wand hängt, nicht wahr?
Also, was ist alles neu?
* zum Einen ist das Layout ein anderes
* zum Anderen ist der Aufbau strukturierter, sodass ihr nun unter den Reitern im Header, die auf englisch sind immer die Seite auch nochmal auf deutsch findet
* in den englischen Beiträgen selbst findet ihr zu Beginn den Vermerk “dieser Eintrag ist auch auf Deutsch verfügbar”, inklusive Link, sodass ihr bei Interesse den Beitrag auch auf deutsch lesen könnt (wobei nicht alle Einträge bilingual verfügbar sind, manche sind auch nur auf englisch oder nur auf deutsch verfügbar)
* generell sind mehr Verlinkungen eingefügt, sodass wenn ich in einem Beitrag oder auch auf einer Seite Bezug auf etwas nehme, ihr schnell dorthin gelangen könnt
* des Weiteren gibt es nun Einblicke in mein Model-Portfolio und eine gesonderte Seite für Videos/Filme, in denen ich mitspiele oder an denen ich mitgewirkt habe

Diejenigen von euch, die mir schon länger folgen, wissen, wie der Blog aussah, als ich ihn im September 2013 gestartet habe und ihr kennt auch bereits einige der Einträge und das Prinzip der sundaystory.
* Natürlich habe ich alle alten Beiträge konserviert und nicht endgültig gelöscht
* Dennoch habe ich beschlossen, jetzt bei dem Relaunch neue Texte und Ideen, die ich für euch vorbereitet habe, mit alten Texten, die ihr vielleicht schon kennt, zu mischen, sodass für jeden was dabei ist, für die neuen Leser sowie die, die schon länger mit dabei sind

Ich hoffe, euch gefällt das neue Layout und die neue Struktur und dass ihr es weiterhin – oder vielleicht nun noch mehr – genießt hier vorbeizuschauen.

Aber um den Relaunch gebührend zu feiern, hab ich mir noch etwas anderes für euch überlegt:
Ich verlose 3x Labelled Love als Taschenbuch + eine kleine Überraschung.

Was ihr dafür tun müsst?
Schreibt bis zum 30.8. hier in die Kommentare, warum ihr das Buch gewinnen solltet.
Die Gewinner werden ausgelost und bis zum 5.9. bekannt gegeben.

Schaut euch um, macht es euch gemütlich und ich wünsche euch viel Freude beim Lesen und Rumstöbern.

Sei kreativ. Sei du selbst.

Gina.

#sundaystory: Was ist die sundaystory?

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Es ist ein Spiel.

So funktioniert’s:
Ihr gebt mir grundlegende Informationen und ich schreibe eine Geschichte für euch.

Ihr gebt mir die folgenden Informationen hier in den Kommentaren oder auf Facebook:
a) Sprache: Entweder deutsch oder englisch
b) 1 Stichwort, das als Thema dient
c) 3 weitere Stichwörter, die im Text vorkommen müssen
d) Stimmung (lustig, melancholisch, traurig, sarkastisch, anzüglich…)

Es gibt eine Deadline für eure Vorschläge, dann lose ich aus, an welchem Vorschlag ich arbeiten werde und an einem der darauf folgenden Sonntage veröffentliche ich die Geschichte auf meinem Blog und widme sie euch.

Bisher habe ich dies einige Male gemacht und es schien gut angekommen zu sein. Also wird dieses Spiel höchstwahrscheinlich in regelmäßigen Abständen stattfinden.

Buchempfehlung: Der englische Patient

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Manchmal wird einem mehr oder minder auferlegt ein Buch zu lesen, sei es nun durch die Schule, die Uni, oder einen Bekannten, der einem wärmstens ans Herz legt ein Buch zu lesen, weil er gern jemanden hätte, mit dem er diese Erfahrung teilen kann.
So ging es mir mit Der Englische Patient. Ich musste es für einen Unikurs lesen und im Nachhinein war ich froh, dass es mir sozusagen aufgezwungen wurde, sonst hätte ich dieses Meisterwerk nie kennengelernt.
Mal abgesehen davon, dass es im Hinblick auf literarische Analyse ein absolut interessantes Buch ist, weil man Identität, postkoloniale Aspekte, sprachliche Stilmittel und noch vieles Weitere hinterfragen kann, ist dieses Buch ein absoluter Schatz, gefüllt mit außergewöhnlichen sprachlichen Mitteln und einer Erzählweise, die ich noch in keinem anderen Buch angetroffen habe.

Worum geht es?
“Der letzte Vorhang fällt nach dem Zweiten Weltkrieg und Hana, eine Krankenschwester, bleibt in einer leerstehenden Villa in Italien zurück um sich um ihren letzten verbleibenden Patienten zu kümmern.
Von Beduinen aus einem brennenden Flugzeug gerettet, ist dieser von englischer Herkunft, anonym, bis zur Unkenntlichkeit entstellt und wird von seinen Erinnerungen über Leidenschaft und Betrug verfolgt. Der einzige Hinweis, den Hana zu seiner Vergangenheit bekommt, ist das Buch, das er aus dem Feuer mit sich nahm – The Histories von Herodotus, gefüllt mit seinen eigenen handschriftlichen Aufzeichnungen, die eine schmerzhafte und tragische Liebesaffäre beschreiben.” (Übersetzung des englischen Klappentextes)

Die auftretenden Charaktere, die sich alle in der leerstehenden Villa zusammenfinden, sind alle unterschiedlich und doch hat jeder einzelne von ihnen seine eigene Geschichte zu erzählen.
Die Art und Weise, wie Ondaatje mit Sprache arbeitet, die Dialoge der Charaktere, die nicht immer nur auf Gesprochenem, sondern auch auf ihren Taten beruhen, die Kommunikation unter den Charakteren, aber auch das, was mit dem Leser kommuniziert wird, ist einmalig.
Meiner Ansicht nach ist dieser Mann ein wahrer Künstler, der es versteht, mit Sprache zu arbeiten und sie auf außergewöhnliche Art und Weise einzusetzen und fremde Landschaften in einer für uns fremden oder zumindest weit entfernten Zeit entstehen zu lassen, ohne die Distanz zwischen Leser und Geschichte wirklich aufkommen zu lassen.

Der Film
Allgemeinhin ist es ja selten, dass man die Verfilmung wirklich mag, wenn man das Buch kennt, da zum Teil anderthalb oder zwei Stunden eben nicht ausreichen um die ganze Fülle eines Buches wiederzugeben oder Veränderungen vorgenommen werden, oder man plötzlich ein Bild vor Augen hat, wie die Charaktere und die Landschaft aussehen, wohingegen man beim Lesen sich alles selbst ausmalen kann.
Und auch hier muss man Abstriche machen, da Veränderungen bei den Charakteren vorgenommen wurden, die ich als nicht repräsentativ empfinde, aber wenn man den Film ein wenig losgelöst vom Buch betrachtet, dann ist es ein bildgewaltiges Epos, das einen mit auf eine Reise nimmt, so wie es das Buch auch tut, nur auf eine andere Art und Weise.
Ausnahmsweise zählt hier der Film wirklich zu denen, bei denen ich getrost sagen kann, dass man ihn sich anschauen kann, allerdings unter der Prämisse, ihn nicht zu nah an der Buchvorlage zu betrachten.

Solltet ihr das Buch kennen oder es bald irgendwann mal lesen, würde ich mich freuen, wenn ihr eure Meinung mit mir teilt. 🙂

Meine Lieblingszitate aus dem englischen Original
“I believe this. When we meet those we fall in love with, there is an aspect of our spirit that is historian, a bit of a pedant, who imagines or remembers a meeting when the other had passed by innocently, just as Clifton might have opened a car door for you a year earlier and ignored the fate of his life. But all parts of the body must be ready for the other, all atoms must jump in one direction for desire to occur.”

“You have to protect yourself from sadness. Sadness is very close to hate. Let me tell you this. This is the thing I learned. If you take in someone else’s poison – thinking you can cure them by sharing it – you will instead store it within you.”

“Those who weep lose more energy than they lose during any other act.”

“I left you because I knew I could never change you. You would stand in the room so still sometimes, so wordless sometimes, as if the greatest betrayal of yourself would be to reveal one more inch of your character.”

Über das Ruhrgebiet oder Tiswitis

As this is a text about the German area I grew up in and includes some colloquialisms, this entry is not available in English, sorry.

Gina (2)
Photo & Editing: hamedphotography

Über das Ruhrgebiet oder Tiswitis

Direkt vorweg und geradeaus: Ich komme aus dem Ruhrgebiet!
So, nun ist es raus.
Um genau zu sein, ich komme tief aus dem Westen, wo die Sonne verstaubt. (Wer nicht weiss, was damit gemeint ist, ja, sorry, aber dem werd ich es auch nicht erklären.)
Da bin ich groß geworden, aufgewachsen.

Nur um eins direkt vorweg zu nehmen: Ich plädiere hier weder für Lokalpatriotismus, noch liegt mir was daran, andere Regionen zu degradieren oder in matschige und aufgeweichte Fußstapfen zu treten und eine fette Klischeespur hinter mir herzuziehen.
Sowieso, was soll dieses “Ich komme aus dem Ruhrpott und bin stolz drauf.”? Ja sicher, ich bin voll stolz auf den Zufall, dass ich hier und nicht in Rheinland-Pfalz geboren und aufgewachsen bin, oder was? Also ich mein, als wäre das mein Verdienst, der einen Orden verdiene. Pfff.
Andersrum: “Ich komme aus dem Ruhrgebiet und schäme mich nicht dafür.” ist im Übrigen genauso Quatsch, weil dies ebenfalls auf Zufall beruht. Ja, es tut mir so leid, dass ich diese Missetat begangen habe und hier groß geworden bin, meine ersten Worte vermutlich entweder “Mama”, “Papa”, “ja”, “nein” oder “Ball” und nicht “Nee, Mutti, also so schon mal gar nicht, hast du dir mal die Klischees, Vorurteile und das Bildungssystem hier angeschaut? So kann aus mir ja nie was werden, also könnten wir bitte von hier wegziehen, meiner Zukunft zuliebe?” waren. Ebenfalls: Pfff.

Machen wir uns nichts vor, es herrschen Vorurteile.
Aber, ganz großes Aber, mit diesen bin ich erst konfrontiert worden, als ich meine wunderbare Kindheit, meine anstrengenden Teenagerjahre und mein Abi bereits – ja wer hätte das gedacht – hier im tiefsten Pott hinter mir gelassen habe.
Warum? Naja, weil ich hier rede wie ich rede und mich jeder versteht. Und dazu gehört ab und zu auch ein “Alter, haste die Ische gesehen, die vor der Kijeche steht? Die sieht auch aus wie bestellt und nicht abgeholt.” (ein zaghaftes Beispiel, ich weiss, es dient auch nur zur kleinen Veranschaulichung, wir steigen später nochmal tiefer in den Sprachpott, keine Sorge)
Und nur um einem Klischee auch vorzubeugen: Meine Kindheit bestand nicht darin, kohlverschmiert aus nem geschlossenen Pütt zu klettern oder Masten im Industriegebiet hochzuklettern (auch wenn ich jetzt scharf nachdenken müsste, ob ich dies wirklich noch nie getan habe). Nein, sie bestand hauptsächlich aus auf Bäumen herumklettern, hangeln auf dem Spielplatz, Gummitwist, Brettspielen, Hüpfkästchen, Fahrrad fahren, Rollschuhlaufen und all dem anderen Spaß, den man halt so macht. Das Highlight war allerdings immer das Feld. Und nein, das musste man nicht suchen, sondern das war sogar ganz nah, da gab es Bäume und Höhlen und sogar einen kleinen Tannenwald, in den sich nur die Mutigen wagten. Im Sommer war es das absolute Highlight und im Winter konnte man ebenfalls von dort durch den kaputten Zaun auf den Sportplatz schleichen, der die besten Hügel zum Schlittenfahren hatte (ja, damals gab es noch richtige Winter, mit dick Schnee und Rodeln und so, rechnet euch aus wie alt ich bin xD ). Dort gab es auch den “Todesberg”, jawohl ja, den fuhr man nur im Tandem mit den “Großen”, weil die Abfahrt steil war.
So, das war ein kurzer Abriss aus Kindertagen im oftmals als schmutzig und grau und trist bezeichneten Pott.

Im Übrigen haben wir auch keinen Schrebergarten.
Und ich habe meine Mutter noch nie mit Lockenwicklern im Haar und im Kittel die Suppe umrühren sehen.
Und mein Vater trägt keine beschmierten Unterhemden, Joggingbuchsen aus Fliegerseide und Adiletten.
(auch wenn mich persönlich weder das eine noch das andere sonderlich stören würde, denk ich)

Ich hab im Prinzip auch kein Problem mit Klischees, gerade als Kreativer kommen die einem ganz besonders gut zu Pass, weil man wunderbar mit ihnen spielen kann.
Was mich allerdings konsterniert hat war die Reaktion, mit der ich wie gesagt erst nach dem Abi konfrontiert wurde. Naja, selbst Schuld, wieso komm ich auch auf die Idee, dass die kleine Zugfahrt von unter einer Stunde keinen Unterschied mache, wobei ich geflissentlich außer Acht gelassen habe, dass mit dieser Fahrt auch das Überfahren der Grenze von Ruhrgebiet zu Rheinland einhergeht.
Zum ersten Mal hörte ich Sätze wie “Du kommst nicht von hier, oder? Man hört das.” oder wurde mit einem schief gelegten Kopf fragend angeschaut, wenn ich Wörter wie “Ische” benutzte.
Zum ersten Mal dachte ich wirklich darüber nach, vorher gab es nie einen Anlass dazu. Plötzlich hörte ich selbst die Unterschiede heraus.
Naja, was geschieht? Man probiert sich aus, in beiden Extremen. Man probiert mal, wie es so ist, mit Klischees zu spielen und redet extra in seinem eigenen Dialekt, den man dank solcher Konversationen ja ausreichend analysiert und deduziert hat und man probiert aus, wie es ist, den ganzen Tag besonders “ordentlich” zu sprechen, aber nicht so super künstlich, sondern noch auf dem Level, wo es natürlich klingt. (im Übrigen ganz schön anstrengend, kann ich euch sagen, das erfordert eine Menge Konzentration)
Das Gute daran ist, dass sich der Blick auf das, was man sonst selbstverständlich als Zuhause angesehen hat, ändert. Man ist plötzlich wacher, aufmerksamer, geht bewusster mit Dingen um. Wie gesagt, mir liegt weder was daran eine Abscheu und eine Arroganz der Region über zu entwickeln, die mir so viele wundervolle Tage in so unterschiedlichen und abenteuerlichen Umgebungen ermöglicht hat, noch einen Lokalpatriotismus zu entwickeln, indem ich weite Pullis mit “Ruhrpott” oder “Pottgöre” oder dergleichen trage und extra mit extremer Kodderschnauze daherrede. Wozu auch? Wem beweis ich was damit? Und was beweis ich damit? Richtig, nix, eben.

Allerdings will ich auch nicht von der Hand weisen, dass manche Klischees definitiv da sind, weil sie immer und immer wieder bestätigt werden.
Ja, sicher, hier gibt es “dat” und “wat”, hier gibt es “aaaaaalter!”, hier gibt es den Mottek mit dem man mal ordentlich auf dat Dingen draufwemsen muss und manche Leute haben wirklich n Schlach mitta Wichsbürste. Aber, ganz großes Aber, die Mentalität des Malochens hat sich auch über die Püttzeit hinaus weiter fortgetragen und auch wenn die Leute hier mal schroff wirken können, so kann ich doch sagen, dass es hier herzensgute und warme Menschen gibt, die, wenn du dich im Bus langlegst und dir das Knie böse aufschlägst, dich am Arm packen, aufstellen, dir n Taschentuch in die Hand drücken und fragen “Mensch Mädel, was machst’n für Sachn? Gehtet denn?”.
Ich will nicht sagen, dass man das in anderen Regionen nicht hat, Quatsch, überall gibt es die herzlichen und warmen und halt die, die n Schlach mitta Wichsbürste haben, ne? ^^
Aber was ich meine ist, dass einfach zu sagen, die Leute hier seien alle asi, schroff, schlicht oder Proleten, ist einfach nicht wahr. Und das, worauf sich manch andere Regionen Deutschlands was einbilden ist mehr Schein als Sein.
Bei jeder Region gibt es Vorurteile, Klischees (die dann und wann immer wieder erfüllt werden).
Aber eins kann ich euch sagen, mein Ruhrgebiet ist nicht dreckig, grau und trist und asozial. Wer sagt, meine Heimatstadt sei hässlich, bloß weil er die Unigegend und die Innenstadt gesehen hat, den lade ich herzlich zu nem Rundgang zu den wirklich schönen Ecken ein. Hier gibt es Felder, Wälder, Naturschutzgebiete, Schloßparks, Theater, Industriekultur, und am Wochenende ist hier der Bock fett und das macht ziemlich Laune!

Und genau wie der Mensch nicht nur eins ist, sondern facettenreich daher kommt, so ist es auch mit Gegenden. Natürlich, wenn man nur die eine Facette des Menschen kennt oder gar nur diese eine sehen will, dann wird man den gesamten farbenfrohen Facettenreichtum womöglich nie sehen. Aber wer nur die Uni und die Innenstadt anguckt, der kann auch nicht behaupten, die ganze Stadt sei hässlich.
(kleine Randbemerkung: Fast alle Bilder hier auf meinem Blog sind mit wenigen Ausnahmen im Ruhrgebiet entstanden, sowohl die, die von Fotografen geschossen wurden, als auch die, die ich selbst gemacht habe, und ja, auch die Landschaften und der schöne blaue Himmel.)

Ich mein, ja, sicher, ich kann Hochdeutsch (ist auf Dauer aber wirklich anstrengend, und mal ehrlich: wer spricht den ganzen Tag feinstes Hochdeutsch?!), aber es ist verdammt entspannend, wenn ich frei Schnauze daherreden kann und weiss, dass ich verstanden werde.
Es ist allerdings genauso amüsant mit Leuten unter einem Dach zu wohnen, die aus anderen Regionen kommen und dabei zu sein, wenn sie nach Hause telefonieren und man deren Dialekt hört, man selbst freundlich darauf aufmerksam gemacht wird, dass man gerade hört, dass ich soeben ein Gespräch nach Hause hatte und dass es “gesagt” und nicht “gesacht” heißt.
Und ja ladylike ist auch drin, aber ganz ehrlich: es gibt Tage, da geht ladylike nur so weit, sich in Schale zu schmeissen, das feinste Kleid und die hohen Hacken anzuziehen, auf dem Hinweg zur Freundin die Strumpfhose so zu schrotten, dass sie eine einzige Laufmasche ist, nur um von den Freundinnen liebevoll mit einem “Alter, was ist passiert, ich hoffe du hast noch ne andre Strumpfhose dabei, du siehst aus wie ne Crack-Hure!” begrüßt zu werden, bevor man sich aufgetakelt ins Auto setzt und fünf Minuten nach Abfahrt eine von Schimpfwörtern geschwängerte Diskussion darüber beginnt, wer zum Henker so nach Knoblauch rieche.
Sind wir deshalb jetzt asozial? Proleten?
Die passendste Antwort, die mir einfällt ist nur ein mit einem charmanten Lächeln von meiner Freundin abgekupferter Satz: “Ich geb dir gleich Prolet, du Opfer! Komm ma auf n Meter ran damit ich dir ins Gesicht rotzen kann!”
(bitte alle mal kurz durchatmen und lachen, das war n Witz! Also von mir, nicht von ihr, bei ihr müsst ihr vorsichtig sein^^ )
Eins kann ich versprechen: Es gibt hier kaum Kompromisse. Wenn ihr mal einen Abend mit mir und diesen Ladies verbringt, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder ihr wollt es direkt wiederholen, oder ihr sagt “nein, danke, ein Mal und nie wieder.”. Und das ist okay. Hier ist es ehrlich, direkt, frech und humorvoll. Und warm. Und herzlich. Aber bloß, weil man vielleicht ab und zu in anderen Gegenden aufgrund ebendieser Art unangenehm auffällt, wie Torsten Sträter es so schön in einem seiner Texte formuliert, heißt das noch lange nicht, dass es asozial und proletenhaft zugeht.

Das hier ist keine Ode an das Ruhrgebiet.
Es ist einfach nur ein Statement.
Wir kommen von hier. Tiswitis. (wer das analysieren kann, verdient ne Tüte Gummibärchen!)

Das hier ist keine Ode an das Ruhrgebiet.
Es ist einfach nur ein Statement.
Ich mein, in den großen Metropolen dieser Welt wird von “Melting Pot” geredet und “Diversity” gefeiert, und hier? Hier sitzt ein Freundeskreis bestehend aus Paul Wischnewski, Emre Öztürk, Elena Dombreva, Lena Schäfer, Mandy Schneider, Tobias Ludwig und Emma Rosental (*) an einem Samstagabend zusammen in einer Bar von der aus man die Strommasten, die Industriefassaden und den spröden Asphalt sehen kann, alle denselben Dialekt sprechend, während sie sehnsüchtig von den großen Metropolen dieser Welt träumen.
Manchmal muss man eben erst weggehen um nach Hause zu kommen.

Das hier ist keine Ode an das Ruhrgebiet.
Aber wenn man weiss, woher man kommt, ist es einfacher zu entscheiden wohin man geht.

Gina Laventura ©2014

(*) alle Namen frei erfunden

Regentropfen in meinem Kaffee

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Photo & Editing: Ralph Wietek

Normalerweise mag ich es nicht, unfertige Geschichten zu veröffentlichen, aber ich nehme an, auch unfertige Geschichten haben so ihren Charme, hm?

Mitten in der Nacht wurde ich von einem Geräusch geweckt. Es war ein Stöhnen und es wurde immer lauter. In diesem Zustand zwischen halbwach und immer noch halb schlafend, brauchte ich einige Minuten um zu realisieren, dass es mein eigenes schwerfälliges Stöhnen war, von dem ich wach geworden war.
Es war, als könne ich nicht aufhören, also drehte mich um, atmete tief ein und hoffte auf ein paar mehr Stunden Schlaf. Mit einem tiefen Seufzer schlief ich wieder ein. Nur um zwei Stunden später von einem anderen verstörenden Traum zu erwachen.
Mein Körper war immer noch müde und ich drehte mich von der einen Seite auf die andere, unentschlossen, ob ich es erneut probieren sollte, oder einfach aufstehen und damit dieser schrecklichen Nacht ein Ende bereiten sollte.
Ich entschied mich für Letzteres, stand auf und ging in die Küche um Kaffee zu machen. Ich goss das heiße Wasser in die Tasse, auf dessen Boden ein Esslöffel Instantkaffee-Granulat lag. Kleine zerbrochene Teile eines großen Ganzen.
Während ich darauf wartete, dass der Kaffee etwas abkühlte, ging ich zurück in mein Zimmer, setzte mich auf mein Bett, die Beine weit geöffnet, Ellbogen auf den Knien. Mein herunterhängender Kopf beobachtete die kleinen Bewegungen in der dunklen Flüssigkeit.
Wie Regentropfen.

Gina Laventura © 2012

#tbt das Mysterium ich

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Photo & Editing: Helena Behle

#tbt

Heute ein älteres Foto aus den Anfängen meiner Zeit vor der Kamera und ein älterer Text, noch aus Schulzeiten.

Das Mysterium Ich

Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt
Ob mir das, was ich habe, jemals genügt?
Streben nach Perfektion
Illusion?
Mag sein
Alles nur Schein
Oder wahres Geschehen?
Die Frage ist:
Wie willst du es sehen?
Die Frage gilt für jedermann
Fragst du dich nun, ob das sein kann?
Dass alles subjektiv ist
Kann es sein, dass du die Objektivität vermisst?
Und wenn es diese gar nicht gibt
Sondern alles in der Subjektivität verborgen liegt?
Alles ist relativ, subjektiv
Oder relativ subjektiv?
Vielleicht subjektiv relativ
Und objektiv?
Wenn die Objektivität gar nicht existiert
Wer hilft einem dann, wenn man sich selbst verliert?
Interessante Frage:
Wer sagt mir dann, ob es richtig oder falsch ist, was ich wage?
Ein anderes Subjekt,
Das sich nach Objektivität streckt?
Und sie doch nicht erreicht
Ist es alles zu schwer oder alles zu leicht?
Im Endeffekt kann nur jeder sich selbst die Hilfe geben
Wissen wir jemals, ob wir subjektiv, objektiv oder relativ leben?
Sei Egoist, Altruist und Utilitarist in einem
Kann man das mit dem Idealisten, Realisten und Optimisten vereinen?
Die Frage ist:
Wer bin ich, was will ich und was will ich nicht?
Schau dir im Spiegel ins Gesicht
Und frag dich:
Was bin ich und was will ich sein?
Und: Kann ich das mit meinem Charakter, meiner Persönlichkeit vereinen?
Du musst wissen, wer, wie und was du bist,
Weil du sonst immer irgendwas vermisst
Und nie individuell oder vollkommen sein wirst
Also lüfte das Geheimnis, das du in dir birgst!

Gina Laventura © 2006

Das Denken der Gedanken

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Denkst du, deine Gedanken sind noch nie gedacht worden?

Denkst du, dass du jemals einen Gedanken gedacht hast,
den noch niemand anders zuvor gedacht hat?
An den noch nie gedacht wurde
in der gesamten Geschichte der Menschheit?
Denkst du, du hast jemals eine Idee gehabt,
die noch nie jemand zuvor hatte?
Kann es wirklich etwas geben, dass deinen Kopf betritt,
was noch niemals
einen anderen Kopf betreten hat?
Und was würde das bedeuten
im Hinblick auf Sicherheit und Individualität?
Ich mein, wenn du dir deiner eigenen Gedanken nicht sicher sein kannst,
– wenn wir bei der These bleiben, dass sie ein Mal jemand anderes Gedanken gewesen sein könnten –
wessen kannst du dann sicher sein?
Vielleicht ist es wie die Indianer sagten
“Die Erde gehört uns nicht, wir haben sie nur von unseren Kinder geliehen.”
Vielleicht ist es mit Gedanken und Ideen das Gleiche?
Vielleicht dreht sich alles um den Zeitpunkt
und Gedanken und Ideen
müssen verschiedene Köpfe betreten, wieder und wieder
bis ihre Zeit gekommen ist
um umgesetzt zu werden
zum richtigen Zeitpunkt
am richtigen Ort
im richtigen Moment
in der richtigen Umgebung
und von der richtigen Person.
Denkst du, dass du jemals einen Gedanken gedacht hast,
der noch nie gedacht wurde?

Gina Laventura © 2011