Dusche

This entry is also available in English


Photo & Edtiing: GOTOX, 2011

Heute ein Ergebnis einer Schreibaufgabe, die ich mal im Zuge einer meiner Kurse machen musste. (Dies hier ist nur die Übersetzung, da das Original auf englisch verfasst wurde und bis heute unübersetzt blieb)
Die Aufgabe war Folgende: Normalerweise dosiert man Adjektive und Vergleiche eher vorsichtig, genau wie Stereotypen, aber diesmal sollten wir an etwas denken, das wir an dem Tag gemacht haben und es mit irgendwas vergleichen und viele Adjektive benutzen, wirklich übertreiben. Übertreibung hilft eine Achtsamkeit gegenüber Stilmitteln zu entwickeln.

Dusche

Heute morgen stand ich auf und mein Rücken schmerzte wie die Hölle. Ich fühlte mich, als sei ich von einem Lastwagen überfahren worden.
Ich wusste, dass die einzig mögliche Schmerzlinderung, die ich bekommen konnte, eine heiße Dusche war, also nahm ich mein Handtuch und meine Peeling-Handschuhe, die mich an Gänsehaut auf einem Körper erinnern, wenn ich sie berühre und öffnete meine Tür, die ein ähnlich schrilles Kreischen von sich gab wie ich selbst, nachdem ich den heftigen Schmerz in meinem Rücken bemerkte. Ich lief auf Zehenspitzen über den blauen Teppich, der mir meinen Weg zur Dusche von einem Ende des Korridors zum anderen wies, ganz so, wie dieser Tunnelblick, den Menschen haben bevor sie sterben. Ich konnte sogar das weiße Licht am Ende des Korridors sehen. Während ich auf Zehenspitzen lief, kitzelte der blaue Teppich meine Füße und es fühlte sich so gemütlich an wie das Gras aus meinen Kindertagen, als ich über das Grün unseres Gartens rannte.
Als ich endlich die Badezimmertür erreichte, öffnete ich sie so leise wie ich nur konnte um nicht wieder an das schrille Geräusch erinnert zu werden. Ich betrat den Duschraum und schloss die Tür, hing mein Handtuch über die Türklinke und begann mich auszuziehen wie in Slow-Motion. Auch wenn es sich für mich anfühlte, als bewege ich mich wie eine alte Frau, die an einer schweren Krankheit litt, stellte ich mir vor, dass ich mich mit einer attraktiven Langsamkeit auszog als wäre ich dabei, jemanden mit diesem Striptease zu verführen. Ich ließ meine Kleidung fallen wie der Baum die Blätter im Herbst und betrat die Dusche. Dann schloss ich die Duschtür und auch wenn dieser Duschraum eher an eine Zelle in einer psychiatrischen Klinik erinnert und ganz sicher nicht für Klaustrophobiker geeignet ist, fühlte ich mich beschützt wie eine Perle in ihrer Muschel.
Ich stellte das warme Wasser an und ließ es über meinen schmerzenden Körper laufen, steckte meine Arme und griff nach dem oberen Ende der Duschtür und stand nun in einer Position da, die mich an eine willkürliche SM-Geschichte erinnerte, in der das Opfer gefesselt und hochgebunden ist, kurz bevor es ausgepeitscht wird.

Gina Laventura © 2012

witzige Anekdote: Ich las diese Geschichte laut im Kurs vor und mein Dozent sagte “Also, deine Geschichte scheint zu funktionieren, denn alle Jungs, je weiter du vorgelesen hast, sind errötet und haben angefangen ihre Füße anzustarren.”

FAQ Freitag: Über autobiographische Bezüge

This entry is also available in English


Photo & Editing: GOTOX, 2011

Zugegeben, es ist nicht immer leicht, Autor und Werk zu separieren.
Wie oft ist es mir selbst passiert, dass ich für das Literaturstudium Bücher oder Kurzgeschichten lesen musste und ich mich während des Lesens fragte, was zum Kuckuck der Autor wohl zum Frühstück zu sich genommen haben mag, dass er etwas derartiges produziert.
Dementsprechend kann ich es absolut nachvollziehen, dass es einem als Leser schwer fällt, das Werk losgelöst vom Autor zu betrachten.

Wie Fabio Volo in seinem Roman Zeit für mich und Zeit für dich es so schön auf Seite 51 beschreibt:
“Ideen klauen gehört irgendwie zur kreativen Arbeit dazu. Nicola und ich tun das auch. Man klaut aus Filmen, Songs und Gesprächen, die man in der Schlange vor der Supermarktkasse oder im Zug belauscht hat. Wie Vampire saugen die Kreativen alles aus, was ihren Weg kreuzt. Sie schnappen irgendein Wort, einen Satz oder einen Gedanken auf, plötzlich geht ihnen ein Licht auf, und sie wissen: Das ist es, wonach sie die ganze Zeit gesucht haben. Und dabei ist es ihnen nicht mal bewusst, dass sie etwas stehlen. Sie glauben, alles stände zu ihrer freien Verfügung. Darum sind die Worte von Jim Jarmusch die Bibel der Kreativen: ‘Entscheidend ist nicht, woher man die Dinge nimmt, sondern was man daraus macht.'”

Ganz so schlimm, wie er es beschreibt, ist es dann vielleicht doch nicht, oder vielleicht schon, ich weiss es nicht. Aber ich stimme schon zu, dass man Dinge aufschnappt oder nichtsahnend am Bahnsteig steht und plötzlich sieht man eine Bewegung, hört einen Satz, sieht ein Lächeln oder sonst was und da ist er, schnapp!, der Moment, den man brauchte und dann läuft es plötzlich, wie von allein, es spinnt sich weiter, manchmal so schnell, dass man gar nicht fix genug Zettel und Stift zur Hand haben kann. Und in anderen Momenten schnappt man es auf und legt es wohlgehütet in ein Kästchen und man denkt “Du wirst ein Mal Teil einer Geschichte, aber noch fehlt etwas.” und irgendwann kommt der nächste Aspekt und Stückchen für Stückchen setzt es sich wie ein Puzzle zusammen und es muss ein wenig köcheln, bis es gar ist, bis es reif ist und dann plötzlich weiss man, nun ist der Moment gekommen, nun kann und will die Geschichte geschrieben werden. Und das kann auch mal ohne Weiteres unter der Woche nach Mitternacht im Halbschlaf passieren und es bleibt einem nichts anderes übrig, als aufzustehen und das zu tun, was verlangt wird.
Dementsprechend: Nicht jede Konversation, die in meinen Geschichten gesprochen wird, hat wirklich stattgefunden. Vielleicht hat sie das, irgendwo, weit weit weg, aber ich meine, ich muss sie nicht selbst erlebt haben. Natürlich, alles, alles hilft, manchmal ist es etwas von dem eine Freundin mir erzählt, oder ein Freund, manchmal sind es Ansätze, die aus anderen Texten stammen, die ich gelesen habe gemischt mit einem Wort aus einem Film, das meine kreative Maschinerie angeheizt hat. Manchmal ist es pures Gedankenspiel und beruht weder auf etwas, das ich, noch auf etwas, das irgendjemand, den ich kenne, erlebt hat. Ich will nicht leugnen, dass hier und da mal ein Satz fallen kann, den ich selbst gehört oder gar selbst gesprochen habe.
Also wenn ich nur für meine Texte sprechen muss, dann: Ja, ja, man findet mein Herzblut, meine schlaflosen Nächte, die Wortspiele, die mir unerwartet in kuriosen Augenblicken durch den Kopf schießen, meine Zeit, meine Energie, meinen Schweiß, meine Liebe, meine Verzweiflung ob der Schwierigkeit für das, was man ausdrücken will, die richtigen Worte zu finden, ja einen Teil von mir darin.
Aber: Meine Texte sind nicht mein Leben! Das, was ihr lest, ist keine eins-zu-eins Konservierung und Dokumentation meines eigenen Lebens.
Natürlich gibt es Texte, gerade hier auf dem Blog, die persönlicher sind, wie dieser hier, oder wie “Tiswitis“, aber auch hierbei handelt es sich nicht um eine pure autobiographische Dokumentation meiner eigenen Erlebnisse, sondern eine Portion eigener Erlebnisse und Emotionen und Gedanken werden wie Sahne unter fiktive Elemente gehoben und behutsam umgerührt.
Aber ich schreibe weder zur Selbst-Therapie (was mir mal in charmantem Ton vorgeworfen wurde), noch um mein eigenes Leben minuziös festzuhalten (dazu gibt es Tagebücher). Ich will gar nicht, dass der Leser mich in den Seiten und zwischen den Zeilen und in den Buchstaben findet. Vielmehr wünsche ich mir, dass er sich selbst dort finden kann, oder etwas, das ihm vielleicht auf einer beschwerlichen Reise als Stütze dienen kann, etwas das ihm Trost spendet in traurigen Zeiten, etwas das ihm Freude bereitet an einem düsteren Tag, etwas, das ihm vielleicht auch einfach nur kurzweilige Unterhaltung beschert, etwas das ihn bewegt, berührt, ja vielleicht sogar inspiriert.
Zumindest ist das mein Wunsch, wenn es um die Frage geht, was ich mir erhoffe, was der Leser in meinen Texten findet.

Wer kurzweiliges und ein wenig anzügliches Entertainment mit dem Hintergrund der Frage zu autobiographischen Bezügen in Texten lesen möchte, dem lege ich meine Story “Sex sells” ans Herz, die mit ein wenig Humor und Sarkasmus, genau in diese Richtung deutet. Allerdings existiert dieser Text bisher nur auf englisch.

Buchempfehlung: Der englische Patient

This entry is also available in English

10867189_10205164015561062_1960347099_n

Manchmal wird einem mehr oder minder auferlegt ein Buch zu lesen, sei es nun durch die Schule, die Uni, oder einen Bekannten, der einem wärmstens ans Herz legt ein Buch zu lesen, weil er gern jemanden hätte, mit dem er diese Erfahrung teilen kann.
So ging es mir mit Der Englische Patient. Ich musste es für einen Unikurs lesen und im Nachhinein war ich froh, dass es mir sozusagen aufgezwungen wurde, sonst hätte ich dieses Meisterwerk nie kennengelernt.
Mal abgesehen davon, dass es im Hinblick auf literarische Analyse ein absolut interessantes Buch ist, weil man Identität, postkoloniale Aspekte, sprachliche Stilmittel und noch vieles Weitere hinterfragen kann, ist dieses Buch ein absoluter Schatz, gefüllt mit außergewöhnlichen sprachlichen Mitteln und einer Erzählweise, die ich noch in keinem anderen Buch angetroffen habe.

Worum geht es?
“Der letzte Vorhang fällt nach dem Zweiten Weltkrieg und Hana, eine Krankenschwester, bleibt in einer leerstehenden Villa in Italien zurück um sich um ihren letzten verbleibenden Patienten zu kümmern.
Von Beduinen aus einem brennenden Flugzeug gerettet, ist dieser von englischer Herkunft, anonym, bis zur Unkenntlichkeit entstellt und wird von seinen Erinnerungen über Leidenschaft und Betrug verfolgt. Der einzige Hinweis, den Hana zu seiner Vergangenheit bekommt, ist das Buch, das er aus dem Feuer mit sich nahm – The Histories von Herodotus, gefüllt mit seinen eigenen handschriftlichen Aufzeichnungen, die eine schmerzhafte und tragische Liebesaffäre beschreiben.” (Übersetzung des englischen Klappentextes)

Die auftretenden Charaktere, die sich alle in der leerstehenden Villa zusammenfinden, sind alle unterschiedlich und doch hat jeder einzelne von ihnen seine eigene Geschichte zu erzählen.
Die Art und Weise, wie Ondaatje mit Sprache arbeitet, die Dialoge der Charaktere, die nicht immer nur auf Gesprochenem, sondern auch auf ihren Taten beruhen, die Kommunikation unter den Charakteren, aber auch das, was mit dem Leser kommuniziert wird, ist einmalig.
Meiner Ansicht nach ist dieser Mann ein wahrer Künstler, der es versteht, mit Sprache zu arbeiten und sie auf außergewöhnliche Art und Weise einzusetzen und fremde Landschaften in einer für uns fremden oder zumindest weit entfernten Zeit entstehen zu lassen, ohne die Distanz zwischen Leser und Geschichte wirklich aufkommen zu lassen.

Der Film
Allgemeinhin ist es ja selten, dass man die Verfilmung wirklich mag, wenn man das Buch kennt, da zum Teil anderthalb oder zwei Stunden eben nicht ausreichen um die ganze Fülle eines Buches wiederzugeben oder Veränderungen vorgenommen werden, oder man plötzlich ein Bild vor Augen hat, wie die Charaktere und die Landschaft aussehen, wohingegen man beim Lesen sich alles selbst ausmalen kann.
Und auch hier muss man Abstriche machen, da Veränderungen bei den Charakteren vorgenommen wurden, die ich als nicht repräsentativ empfinde, aber wenn man den Film ein wenig losgelöst vom Buch betrachtet, dann ist es ein bildgewaltiges Epos, das einen mit auf eine Reise nimmt, so wie es das Buch auch tut, nur auf eine andere Art und Weise.
Ausnahmsweise zählt hier der Film wirklich zu denen, bei denen ich getrost sagen kann, dass man ihn sich anschauen kann, allerdings unter der Prämisse, ihn nicht zu nah an der Buchvorlage zu betrachten.

Solltet ihr das Buch kennen oder es bald irgendwann mal lesen, würde ich mich freuen, wenn ihr eure Meinung mit mir teilt. 🙂

Meine Lieblingszitate aus dem englischen Original
“I believe this. When we meet those we fall in love with, there is an aspect of our spirit that is historian, a bit of a pedant, who imagines or remembers a meeting when the other had passed by innocently, just as Clifton might have opened a car door for you a year earlier and ignored the fate of his life. But all parts of the body must be ready for the other, all atoms must jump in one direction for desire to occur.”

“You have to protect yourself from sadness. Sadness is very close to hate. Let me tell you this. This is the thing I learned. If you take in someone else’s poison – thinking you can cure them by sharing it – you will instead store it within you.”

“Those who weep lose more energy than they lose during any other act.”

“I left you because I knew I could never change you. You would stand in the room so still sometimes, so wordless sometimes, as if the greatest betrayal of yourself would be to reveal one more inch of your character.”