#sundaystory: Fotograf

#sundaystory: Fotograf

Für Norbert Josefsson
Die vorgegebenen Elemente waren:
a) Deutsch
b) Fotograf
c) Sonne, Tod, Theater
d) dramatisch

Es war ein heißer Tag. Die Sonne brannte unerbittlich und jeder von seiner Stirn fallende Schweißtropfen verdunstete sofort auf dem Asphalt.
Er hatte sich dazu hinreißen lassen, die Vorbereitungen für das Fest auf dem Vorplatz des Theaters fotografisch festzuhalten, damit es beworben werden konnte und hoffentlich dementsprechend viel Zulauf erhalten würde. Überredet dazu hatte ihn die nicht mehr ganz so junge, aber junggebliebene Hauptdarstellerin des neuen Stücks, das am Vorabend der Festeröffnung Premiere feierte. Raffaela war nach ihrer Ausbildung in der Gegend über Umwege und viele Serpentinen auf ihrem Lebensweg zu einer doch relativ bekannten Größe im Theater aufgestiegen und kehrte nun an ihren ersten Spielort zurück.
Er, seines Zeichens gelernter Fotograf, hatte Raffaela zu Beginn ihrer Karriere in der Umkleide eines kleinen Hinterhoftheaters kennengelernt, als er zum Zwecke der Erstellung einer Fotomappe für seine Abschlussarbeit die ungeschminkte Wahrheit portraitieren wollte. Damals noch mit einer Tasche voller Filmrollen bewaffnet und Tagen, die in der Dunkelkammer zu nächtlichen Gleichnissen verschwammen, hatte er sich mit der ausdrucks- und willensstarken Künstlerin in der Umkleide nach der Vorführung bei starkem Tee mit süßer Milch angefreundet und sie hatten noch stundenlang bis spät in die Nacht geredet.
Die daraus erwachsene Freundschaft hielt nun schon mehr als 30 Jahre an und hatte geographische Distanzen und verschiedene Lebenswege durchstanden. Auch wenn sie sich manchmal jahrelang nicht sahen, stellten sie immer sicher, sich Briefe und Postkarten zu schreiben. Noch heute, nach all den Jahren, zierten viele bunte Ansichtskarten von allen Spielstätten, die Raffaela mit ihrem Ensemble bespielt hatte, seinen Kühlschrank. Und noch heute, nach all den Jahren, befand sich auf Raffaelas schnörkelverzierter Schminkkommode eine mit Muscheln und Perlen besetzte Holzbox, in der sie all seine Briefe und Karten aufhob. Hin und wieder, während der präzise gezogene Lidstrich auf einem Auge noch trocknen musste, nahm sie willkürlich einen Brief oder eine Karte aus der Box und las mit dem geöffneten Auge die Zeilen, die sich vor ihr wie ein Band der vergangenen Jahre zu einer Perlenkette aufreihten und manches Mal musste sie schmunzeln. Weinen wäre auch undenkbar gewesen, immerhin hätte dies verheerende Auswirkungen auf das Make-up gehabt. Dann küsste sie die Karte oder den Brief mit den Lippen, auf denen sich der frisch aufgetragene und noch nicht getrocknete Lippenstift befand und legte sie zurück in die Box.
Wenn es ihnen möglich war, hatte sie seine Ausstellungen und Veranstaltungen und er sie an ihren Spielstätten besucht.
Nie ohne diese Begegnungen fotografisch festzuhalten, nie ohne starken Tee mit süßer Milch als Abschluss eines außergewöhnlichen, von Lachen erfülltem Abend.
Und nun trafen sie sich wieder. Das letzte Treffen musste mittlerweile fünf Jahre her sein, eine lange Zeit, die sich bei der Verbindung der beiden und durch den Briefkontakt jedoch nie nach einer Ewigkeit anfühlte.
Sie trafen sich vor dem Seiteneingang des Theaters, der hinunter zu den Umkleideräumen der Darsteller führte. Während er über den Vorplatz schlenderte und die sengende Sonne die Luft vor seinen Augen zum Flimmern brachte, konnte er schon ihr altbekanntes breites Lächeln ausmachen. Das einzig wahre Lächeln, das Lächeln, das anders war als jenes, das sie auf der Bühne und in Interviews und bei Fotoshootings zur Schau stellte. Das Lächeln, das er manches Mal sogar bei ihren gemeinsamen Tagen geschafft hatte fotografisch für die Ewigkeit einzufangen. Auch wenn sie es hasste und ihm drohte die Fotos zu zerreissen.
Sie empfing ihn mit einer überschwänglichen Umarmung und er drückte sie und hob sie hoch, sodass ihre Füße ein paar Zentimeter über dem Boden baumelten. Alles wie immer.
Gemeinsam stiegen sie hinab in den wohltuend kühlen Keller und steuerten ihre Umkleide an. Ihr Lachen hallte von den Wänden zurück und die Freude über das Wiedersehen erfüllte den Gang. Als sie die Umkleide betraten lief ebenfalls alles wie immer ab. Ihre Bewegungen waren zwar über die Jahre langsamer, jedoch nie weniger grazil oder elegant, geworden. Sie nahm vor dem Schminktisch Platz und legte ihr breites Haarband an, um die Strähnen aus dem Gesicht zu halten, während er sich auf einem mit Samt bezogenen Schemel niederließ und die Kamera aus der Tasche kramte.
“Danke für die Einladung, ich freue mich so dich zu sehen!”, murmelte er, während er den Akku überprüfte.
“Ach, Dummkopf, seit wann bedankst du dich denn dafür? Es war doch klar, dass ich dich einladen würde, wenn ich hierher zurückkehre.”, lachte sie.
“Ja, hier hat alles begonnen.”
“Naja, nicht genau hier, aber in dieser Stadt, da hast du Recht. Gibt es das kleine Hinterhoftheater eigentlich noch? Ich hätte zu gern dort gespielt. Um der alten Zeiten Willen, weißt du?”
“Ach nein, leider nicht, daraus haben sie vor zwei Jahren eine Bar mit angeschlossener veganer Küche oder sowas gemacht. Aber vielleicht könnten wir dort gemeinsam essen. Um der alten Zeiten Willen, weißt du?”, grinste er.
“Pah! Ich bin Italienerin! Wenn meine Mamma hören würde, dass ich ausgerechnet mit dir, ausgerechnet in dieser Stadt mein Essen in einem veganen Restaurant einnehme, ich sag dir, sie würde sich im Grab herumdrehen! Das kann ich ihr nicht antun. Dann biete mir lieber Pommes Currywurst Mayo an. Das würde sie zwar auch ärgern, aber immerhin wäre Fleisch dabei.”, empörte sie sich scherzhaft.
Endlich hatte er die Kamera einsatzbereit und fing an ein paar Probeaufnahmen zu machen und die Einstellungen den gegebenen Lichtverhältnissen anzupassen während sie ihr Gesicht mit einer dicken Schicht Feuchtigkeitscreme eincremte.
“Ich möchte, dass du dir heut besonders viel Mühe gibst, mein Lieber. Du musst alles festhalten. Das wird der Auftritt meines Lebens! Dieses Stück habe ich noch nie gespielt, es ist eine absolute Premiere!”
Er runzelte die Stirn, irgendwas lag in ihrer Stimme, das er nicht genau definieren konnte. Er schaute sie prüfend an.
Sie atmete kurz ein und setzte ein Lächeln auf.
“Na, was ist?”, lachte sie und schmierte ihm mit der Fingerspitze einen dicken Klecks Creme auf die Nase.
“Hey!”, machte er und wischte sich die Creme mit dem Handrücken ab. “Ja, natürlich! Es scheint dir ja sehr wichtig zu sein.”
“Absolut. Es ist wie gesagt eine absolute Premiere und du weißt, man hat nur ein Mal die Chance, da alles im Detail festzuhalten.”
Sie drehte sich zu ihm und nahm seine beiden Hände in die ihren. Ihr Blick wurde ernster und sie schaute ihm direkt in die Augen.
“Es bedeutet mir wirklich sehr viel, dass du heut gekommen bist und dass du derjenige bist, der die Momente der Premiere einfängt. Du musst alles festhalten. Alles! Es ist mir wirklich wichtig. Und ich weiß, dass du es verstehst.”
Überrascht über ihren plötzlichen Ernst drückte er ihre Hände ein kleines bisschen fester und versicherte ihr, dass er sich die allergrößte Mühe geben würde, die großartigen sowie die kleinen Momente des Abends einzufangen und festzuhalten.
Dann bat sie ihn, sie noch für die letzte Stunde vor der Show allein zu lassen, wie sie es immer tat, um sich komplett auf ihr Spiel vorzubereiten.
Währenddessen ging er ins Foyer und machte ein paar Detailaufnahmen und ging dann hinaus auf den Vorplatz, passte die Kameraeinstellungen wieder den Lichtverhältnissen an und dokumentierte fotografisch die immer größer werdende Schar von Menschen, die sich zusammenfand. Trotzdem fand er auch hier und da Zeit mit alten Bekannten, wie dem Kartenverkäufer Johann und der Choreographin Christina zu plauschen.
Dann war es endlich so weit und die Platzanweiser baten das Publikum auf den vorgesehenen Plätzen, errichtet aus Paletten und bestückt mit bunten Kissen Platz zu nehmen.
Er positionierte sich so, dass er die ganze Bühne, die im Eigentlichen die Stufen des Theatereingangs waren, gut im Blick hatte.
Es wurde ruhig und das Stück begann.
Durch den Sucher seiner Kamera verfolgte er das ganze Stück, hielt jedes Lachen, jeden dramatischen Moment, jeden Kuss, jede Ohrfeige und jeden Tanz fest.
Die Kostüme waren atemberaubend und das Spiel aller Darsteller überragend. Raffaela spielte als ginge es um ihre Karriere, ihre Existenz, ja ihr ganzes Dasein und Leben. Sie war überwältigend. In all den Jahren hatte sie nichts von ihrer Anmut, ihrer Eleganz, ihrem Ausdruck, ihrer Stärke eingebüßt. Das Leben hatte seine Spuren in kleinen Fältchen um die Augen- und Mundwinkel und auf der Stirn, die sie sehr gut zu kaschieren wusste und in silbernen Haarsträhnen, die nun in der Abendsonne schimmerten, hinterlassen. Aber nichts davon nahm ihr etwas von ihrer Schönheit, von ihrer Präsenz.
Dem Spannungsbogen folgend wurde auch das Spiel immer intensiver, die Fotos eindrucksvoller, das Publikum ruhiger. Man hätte eine Stecknadel auf den Pflastersteinen fallen hören können.
Mitten auf dem Höhepunkt, der Klimax, als Raffaela in ihrer Rolle die wichtigsten Worte des Stückes sprechen sollte und sich dazu dem Publikum mit einer weit ausholenden Geste zuwandte, hielten alle den Atem an. Sie fasste sich an die Brust, ihre Hand ballte sich über ihrem Herzen zu einer Faust und sie streckte die andere Hand sehnsüchtig aus.
Er lies die Kamera sinken und blickte ihr direkt in die Augen. Dann brach sie zusammen.
Unsicher, ob es sich noch um einen Teil des Stückes handelte oder nicht, blieb es stumm im Publikum. Als jedoch die Darsteller anfingen, hilfesuchend nach den Platzanweisern und dem Regisseur zu schauen, wurde allen klar: Das hier war nicht mehr Teil des Stücks. Dies war bittere Realität.
Dann ging alles fürchterlich schnell. Der Krankenwagen wurde gerufen, alle rannten wie wild durcheinander, ein Sanitäter versuchte Erste Hilfe zu leisten, Christina die Choreographin koordinierte die fassungslosen Schauspieler und wies ihnen Aufgaben zu und Johann beruhigte das Publikum.
Er stand regungslos in der hektischen Masse, unfähig sich zu bewegen. Dann erinnerte er sich an Raffaelas Worte: “Du musst alles festhalten. Alles!”
Als wenn ihn plötzlich ein Blitz durchfahren hätte, riss er die Kamera hoch und fing an, alles zu fotografieren, die Hektik, die Menschen, das Abendrot, die weinenden und unter Schock stehenden Kollegen, dann sie. Wie schön sie dalag. Regungslos und doch noch voller Leben. “Du musst alles festhalten. Alles!” Er ließ die Kamera sinken und beugte sich über sie. Selbst der Tod stand ihr gut, mit ihrem perfekt gezogenen Lidstrich, den expressiven, rot bemalten Lippen. Selbst der Tod konnte ihr nichts nehmen. Außer dem Leben.
Er hielt sie fest bis der Krankenwagen kam und die Rettungskräfte sie aus seinen Armen nahmen.
Dann Ruhe. Stille. Leere.
Alles um ihn herum nahm er nur als schemenhaft, surreal war. Er saß da. Sonst nichts.
Es mussten Stunden vergangen sein, denn es war schon dunkel, die Straßenlaternen gingen an und der Mond brach hinter den Wolken hervor.
In der Zwischenzeit waren Bühne und Sitzplätze abgebaut worden, nur Reste von Glitzer und Konfetti, Teile des Bühnenbildes, gaben den Anschein, dass etwas stattgefunden hatte.
Ein Schatten näherte sich ihm. Es war Melina, die kleine Tochter von Johann. Sie blieb vor ihm stehen und streckte ihm etwas entgegen.
Den Nebel vor den Augen durch eine Geste wegwischend besann er sich.
“Was ist das?”, fragte er.
“Die Tante Raffaela hat mir das gegeben. Es ist ein Brief. Glaube ich. Also die Tante Raffaela hat mir das gegeben und sie hat gesagt es ist ganz geheim und ich soll dir das geben, wenn das Stück vorbei ist und alle nach Hause gehen. Also, sie hat gesagt das ist ganz ganz geheim und ich darf das niemandem sagen. Hab ich auch nicht!”, sprudelte Melina los und hob zwei Finger schwörend in die Luft.
Mit regungsloser Mine nahm er den Brief entgegen und starrte das Mädchen an.
“Willst du nicht aufmachen?”, fragte sie neugierig und beugte sich dabei leicht nach vorn und scharrte mit der Fußspitze über den Boden.
“Melina? Melina! Komm jetzt, es ist spät genug, wir müssen nach Hause, Mama wartet.”, das war Johann.
“Och, man! Du, sagst du mir, was drin steht, wenn du ihn gelesen hast?”, sie sah ihn erwartungsvoll an.
“Es ist doch geheim.”, brachte er hervor.
“Hm, ja stimmt.”, sagte Melina enttäuscht, bevor sie sich aufmachte, um ihrem Vater zu folgen.
“Danke!”, rief er ihr hinterher.
Als alle gegangen waren und nur die nächste Straßenlaterne den Vorplatz in schummriges Licht tauchte, öffnete er den Brief und las:
“Mein lieber, lieber Freund,
wenn du das hier liest, habe ich die größte und schwerste Rolle meines Lebens bereits gespielt, habe abgedankt und die Bretter, die die Welt bedeuten und immer meine Welt waren, würdevoll verlassen. Da du der beste Freund bist, den ich habe und du mich verstehst, wirst du alles, ja alles eingefangen haben, so wie ich dich drum gebeten habe. Es tut mir leid, dass ich dir das zugemutet habe, aber es ging nicht anders. Es war unser letzter gemeinsamer Tanz und ich wollte, dass du so viele Erinnerungen wie nur möglich davon festhältst.
Ich danke dir für jahrzehntelange Freundschaft. Es ist jedoch Zeit, dir mehr zu sagen als ich je vermochte. Zeit blieb mir keine mehr, und ich wusste es, ich wusste, dass es eine Premiere und ein Abschied sein würde. Daher nehme ich mir nun die Zeit, all die unausgesprochenen Dinge niederzuschreiben. Denn du, ja du hast noch Zeit. Zeit, diese Zeilen zu lesen.
Amore mio,
es gibt so viel zu sagen und so vieles, das du nicht weißt. Du kennst mich lang genug, gut genug und doch hast du so manches nicht verstanden, mein liebenswerter Dummkopf.
Ich hab dich immer geliebt. Vom ersten Tag an.
Ich hab dich geliebt als du als Lehrling mit zerzaustem Haar das Interview für deine Abschlussmappe und die fotografischen Arbeiten dazu mit mir erstellt hast. Ich hab dich geliebt, als wir uns in den niederländischen Grachten auf einen Kaffee trafen, weil ich dort spielte und du deine Ausstellung dort hattest. Ich hab dich geliebt als du mir Postkarten aus Rom schriebst, einzig mit Fotos von Gebäuden darauf, weil du wusstest, wie viel mir die Architektur bedeutet. Ich hab dich geliebt bei jeder Karte, die ich dir schrieb, von jedem Spielort dieser Welt, den ich bereisen und bespielen durfte.
Ich hab dich geliebt als ich Giovanni auf Wunsch meines Vaters heiratete, nachdem er und meine Mamma mir klarmachten, dass außer einem Italiener ihnen kein Mann an meiner Seite ins Haus käme und ich auch bei all meinen Mitspielern auf der Bühne ja nicht auf die Idee kommen sollte, etwas anderes zu denken. Ich hab dich geliebt als du die Hochzeitsfotos von unserer Hochzeit so liebevoll erstellt und überreicht hast. Ich hab dich geliebt, als du schließlich Beatrice gefunden und geheiratet hast. Ich hab dich geliebt, als ich dein freudestrahlendes Gesicht sah als du Vater von Zwillingen wurdest, einem Jungen und einem Mädchen. Ich hab dich geliebt als ich selbst erfuhr, dass ich schwanger war und ja auch als ich meinen Jungen unter Schmerzen auf die Welt brachte und ihn das erste Mal in den Armen hielt und Giovanni meine Stirn küsste, hab ich dich geliebt. Ich hab dich geliebt als du kreative Blockaden hattest, überlegt hast, alles hinzuwerfen, die Fotografie aufzugeben, ich hab dich geliebt, als deine Ehe zu scheitern begann, als deine Kinder sich gegen dich wandten, als du deine Freizeit vor dem Scheidungsgericht verbringen musstest. Ich hab dich geliebt als ich in einer Phase war, in der ich wieder und wieder abgelehnt wurde, die Rollenangebote ausblieben, Leute sich von mir abwandten und ich anfing an mir selbst zu zweifeln und du mir, obwohl ich nie darum bat, Mut zugesprochen hast und meintest, es kämen wieder bessere Zeiten. Ich hab dich geliebt als diese besseren Zeiten kamen und die Leute zurückkamen. Ich hab dich in jedem Wort, in jeder Zeile eines jeden deiner Briefe geliebt. Ich hab dich in jedem verschwommenen Foto und auch in den gestochen scharfen geliebt. All die Jahre, all die Zeit. Ich hab dich geliebt als ich erfuhr, dass meine Zeit begrenzt ist und wie begrenzt genau. Ich hab dich geliebt als du eingewilligt hast, diese eine, diese letzte Premiere festzuhalten. Und ich liebe dich während ich diese Zeilen hier schreibe.
Amore mio, um einen letzten Gefallen muss ich dich dennoch bitten und ich weiß, du wirst ihn mir nicht abschlagen: Bitte vergiss mich nicht und küsse diesen Brief bevor du ihn zurück in den Umschlag steckst, ja? Danke.”

Er starrte auf die Zeilen vor ihm, atmete flach, der Kloß in seinem Hals drohte ihm die Luft abzuschnüren und die Zeilen begannen zu verschwimmen, weil ihm Tränen in die Augen stiegen.
Er holte tief Luft und erfüllte Raffaela ihren letzten Wunsch.
Dann brach er zusammen.

Gina Laventura © 2019

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#modelmonday: Der Karneval der Charaktere

#modelmonday: Der Karneval der Charaktere

Helau und Alaaf, meine Lieben!

Eigentlich war für diesen #modelmonday ein anderes Thema vorgesehen, aber da heute Rosenmontag ist, habe ich mich spontan umentschlossen.
Wer seid ihr heute? Als was habt ihr euch verkleidet?

Gina, wenn du ein Fotoshooting planst und umsetzt, fühlst du dich dann verkleidet?
Bist du dann auch jemand für den Moment, der du eigentlich nicht bist?
Ist Modeln wie Rosenmontag, nur vor der Kamera?

Ich persönlich würde meine Arbeit vor der Kamera nicht mit Rosenmontag gleichsetzen, aber ich kann definitiv bestätigen, dass ich mich bei einigen Fotoshootings verkleidet gefühlt habe, bzw. wie eine Schauspielerin, die die Rolle eines fremden Charakters einnimmt.

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justyhmakeup

Allerdings ist es in den meisten Fällen für mich persönlich doch eher so, dass ich durch das Modeln meine eigenen Facetten besser kennengelernt hab.
Ich denke, die Befürchtung einer jeden Mutter, wenn das Töchterchen (oder auch der Sohn) sagt “Mama, ich werd Model!” geht so in die Richtung “Oh nein, sie wird oberflächlich werden, sich nur noch mit anderen vergleichen, drei Mal am Tag ihre Maße nehmen und nur noch in O-Saft getränkte Wattebäuschchen zu sich nehmen!”. Ergo: Panik!
Diese Befürchtungen möchte ich hiermit auch keineswegs herunterspielen, da sie leider leider oftmals berechtigt sind und das Alter, in dem viele Mädels (und auch Jungs) mit dem Modeln beginnen, ist oftmals eins, in dem der Charakter und das Selbstbewusstsein nicht so gefestigt ist, dass man dem Vergleichswahn, dem Konkurrenzkampf und den vielen Absagen standhalten kann, ohne es auf sich persönlich und den eigenen Körper zu beziehen.
Allerdings kann man auch sagen, dass die Kids (Teens, Twens) dazu nicht unbedingt ins Modelbusiness einsteigen müssen, das schafft Gruppenzwang und Gruppendynamik auch ganz von allein.
Das kenn ich noch aus meiner instagramfreien Jugend. Heute kommen die ach so sozialen Medien als Faktor noch obendrauf.
Worauf ich aber eigentlich hinauswill, ist, dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen so oder so in einer Findungsphase landen werden, in der sie sich ausprobieren werden, in denen sie durch die Gegend titschen und heute ohne BH im Hippielook und morgen mit angeklebten Wimpern als Femme fatale durch die Gegend düsen werden.
Dass der Druck im Modelbusiness, vor allem, wenn es sich um das professionelle Business und nicht um ein Hobby handelt, nochmal eine ganz andere Dimension annimmt, will ich hiermit absolut nicht in Abrede stellen!
Wichtiger Hinweis an dieser Stelle: Egal, ob durch allgemeine Gruppendynamik oder weil eure Kinder, Freunde, etc. sich zum Modeln entschließen, lasst ihnen etwas Freilauf, um sich auszuprobieren, aber wenn ihr merkt, dass es ihnen nicht gut tut, ihr gefährliche Veränderungen im Verhalten und in Denkmustern erkennt, sprecht unbedingt mit ihnen! Das nur als meine eigene bescheidene Meinung.

Aus dem Nähkästchen geplaudert kann ich sagen, dass es definitiv Momente gab, in denen ich mich mit anderen Models, was Größe, Maße, Gewicht, etc. anbelangt verglichen habe, Körper, Ausdruck, Haare, Arbeitsweise. Das tut sicherlich jeder Arbeitnehmer, ebenso wie Amateure, die ein Hobby ausüben. Man vergleicht sich, bzw. seine Arbeit.
Und genau das ist in diesem Bereich vermutlich der große Knackpunkt: Die Arbeit vor der Kamera ist nicht so einfach von dem eigenen Körper und Aussehen zu lösen, wie vielleicht eine Arbeit, die ich produziere, ein Bericht, ein Produkt, ein Text, eine Aufgabe.
Wenn mein Auftraggeber sagt “Frau Laventura, der Text, den Sie da verfasst haben, trifft überhaupt nicht meine Vorstellungen.”, dann kann ich das natürlich persönlich nehmen, aber da ist der Text und hier bin ich. Auch wenn ich ihn produziert habe, ist er nicht ich.
Wenn ein Fotograf sagt “Gina, deine Körperhaltung ist eine Katastrophe und nach den von dir angegebenen Maßen siehst du nicht aus, du wirkst fülliger.”, dann wird es definitiv schwieriger, diese Kritik von meinem Äußeren, von meinem Körper, dem Zuhause meiner Seele, zu lösen.
Ihr versteht, denke ich.

Aber unmöglich ist es nicht. Es ist Arbeit, genauso wie es Arbeit ist, Kritik nicht immer persönlich zu nehmen und direkt an sich selbst zu (ver)zweifeln, was sicherlich ein jeder von euch kennt, egal ob nun im Beruf, im Privatleben, im Hobby oder sonst wie.

Was ich glücklicherweise sagen kann, ist, dass rückblickend betrachtet, das Modeln eher zum Erkennen meiner eigenen Facetten und meiner Vielfältigkeit beigetragen hat, als dass es mich in heftige Sinnkrisen gestoßen hat.
Im Gegenteil: An Tagen, an denen ich aufgrund anderer Arbeiten, die vielleicht nicht so rosig liefen oder aus persönlichen Umständen, an mir selbst, dem, was ich tue und sonstigen Fragen des Lebens verzweifelt bin und nicht wusste, was ich tun sollte, half sogar manchmal ein Blick auf mein buntes Portfolio um mir den Kick “Ich bin Miss fucking Laventura, und ich bin schon so vieles gewesen, eine Märchenfee im Wald, ein Nerd, ein Fashion Model, eine Kunstfigur, die starke Rockige, das sanfte Mädchen, und so vieles mehr. Wieso zur Hölle sollte ich das jetzt nicht packen?!” zu geben.

helena behle

JimP4nsen

dw-foto-art
justyhmakeup

vanessa marie

sw-fotografie


norbert josefsson

Aber, ganz großes Aber, das kann natürlich auch sehr stark damit zusammenhängen, dass ich nie eine professionelle Karriere im Modelbiz verfolgt habe, nie von Casting zu Casting gerannt bin und mich schon recht früh auf den künstlerischen Ausdruck und späterhin sehr deutlich auf ausdrucksstarke, mit Text kombinierbare, geschichtenerzählende Darstellungen fokussiert habe, und damit vielleicht sogar dem Druck des Mainstreams (und das sage ich ganz liebevoll und meine ich absolut nicht abwertend! Ich meine damit die gängigen Aufnahmebereiche im High Fashion und Commercial Bereich wie Fashion, Lifestyle, Beauty, Kosmetik, Werbung, etc.) etwas entkommen bin.

Beschönigen möchte ich hier im Übrigen gar nichts, ich habe so viele Absagen bekommen, dass ich den Frust und die Enttäuschung und die Zweifel, die mich manches Mal dadurch einholten, gar nicht in ein paar Zeilen fassen kann. Agentur um Agentur hat mich abgelehnt, weil sie keine oder zu geringe Vermittlungschancen beim Kunden sahen, mein Gesicht mal zu speziell und mal nicht speziell genug war. Jobs, die mir durch die Lappen gingen, obwohl ich alle angegebenen Voraussetzungen offiziell erfüllt habe und und und.

Aber und dennoch kann und muss ich sagen, dass durch das Ausprobieren der verschiedenen Rollen, einem auch klar werden kann, was sich natürlich anfühlt und was nicht.
Es gab Shootings, in denen ich Kleidung und Styles trug, die sich fremder nicht hätten anfühlen können und ich kann sagen, es war eine Rolle, die ich absolut gern gespielt habe.

christian becker
visahamm

Und dann ist für mich relevant: Habe ich sie gut gespielt? Kommt der Ausdruck authentisch rüber?

Gleichfalls gab es Shootings, die für mich als eine Art Rolle begannen, weil ich mich zunächst so Null Komma Null damit identifizieren konnte, wo ich aber hinterher feststellen musste, dass es sich so verkehrt gar nicht angefühlt hat. Dadurch habe ich dann eine bislang unentdeckte oder ja vielleicht sogar verdrängte oder vernachlässigte Facette an mir selbst erkannt.

norbert josefsson

Durch dieses Experimentieren kann man enorm viel über sich selbst lernen, was wiederum sogar einen positiven Beitrag zum Selbstbewusstsein leisten kann.
Im Laufe der Zeit, wenn die Erfahrung sich häuft, weiß man auch, was eine Rolle ist, die man unbedingt spielen möchte und was eine Facette von sich selbst ist, die an diesem Termin nach vorne gekehrt werden soll. Ebenso lernt man, gewisse Projektideen kategorisch abzulehnen, weil man sich in dieser Rolle wirklich absolut nicht einfinden kann und egal, wie offen und flexibel man ist, wenn es dem eigenen Naturell absolut entgegengesetzt ist und einem widerstrebt, dann werden die Bilder meist auch nicht authentisch, expressiv und toll. Was im Endeffekt bedeutet, dass niemand der Beteiligten wirklich etwas davon hat und nur das Projekt an sich leiden würde.

Und manchmal macht es auch einfach nur Spaß, sich in die Kleidung eines anderen Charakters zu werfen und einfach mal etwas oder jemand zu sein, der man sonst nicht ist.
So wie heute, ihr seid heute Könige und Bettler, Prinzessinnen und Monster, Drachen, Polizisten, Verbrecher, Clowns und Kindheitshelden.

Wichtig ist wohl, bei allem, was man tut, dass man sich selbst im Kern immer mitnimmt.
Und dazu gehört wohl, zu allererst sich selbst zu kennen und kennenzulernen.
Und natürlich, dass man über und mit sich selbst lachen kann und im Idealfall, dass es Spaß macht, man selbst zu sein.
Mit all seinen Facetten, verrückten Attitüden, Eigenheiten.

manufaktur lichtbild
andreas trnka

Als was seid ihr heute verkleidet? Wer seid ihr heute?
Ich hänge mit einer Erkältung in den Seilen. Ich bin also heut das kleine grüne Männchen aus der Hustensaftwerbung.
Und ihr so?

xxx
Gina.