#writerswednesday: Inspirationen, Musen und Impulse

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#writerswednesday: inspirationen, musen und impulse

Hey, meine Lieben,

eine der Fragen, die mir oft gestellt werden, ist folgende:
“Was inspiriert dich?”
oder auch
“Wo findest du Inspiration, wenn du dich absolut nicht kreativ fühlst?”

Dem Klischee folgend, müsste ich nun sagen: Ich finde in allem Inspiration, die Welt ist voller Wunder, wenn du nur die Augen öffnest.

Und auch wenn da eine tiefe Wahrheit drin liegt, bin ich nicht klischeehaft genug, um es einfach so, ohne weitere Informationen dabei zu belassen.
Außerdem denke ich, dass es an der Zeit ist, denjenigen Wertschätzung entgegenzubringen, die die Inspiration entzünden, die mich zum Schreiben bringt.

Also ja, dieses Leben, diese Welt bietet allerhand, aus dem man Inspiration ziehen kann, angefangen von einem frischen Wind am Morgen, der Gerüche mit sich trägt, die das Gedächtnis bewegen und dafür sorgen, dass man an einen bestimmten Menschen oder Moment aus seiner Kindheit denkt, worüber man dann reflektiert. Die Katze, die elegant aufs Sofa springt und die man beobachtet und von der man lernt. Es kann das Wetter sein, eine Blume, die Nachrichten, etwas, was man sieht, hört, berührt oder mit einem oder vielen seiner Sinne wahrnimmt.
Die Liste würde tatsächlich seeeeehr seeehr lang werden und das menschliche Gehirn ist komplex genug, um dafür zu sorgen, dass man oftmals gar nicht mehr so genau weiß, woher denn nun dieser inspirierende Impuls kam, wisst ihr.
Aber manchmal kann man auch sehr genau bestimmen, woher die Inspiration kam.
Und ich würde sagen, es gibt bestimmte Aspekte, die in mehr oder minder regelmäßigen Abständen die kreativen Ecken des Gehirns durchströmen.
Unter anderem:
* Menschen
* aufgeschnappte Gespräche und Gesprächsfetzen
* Emotionen
* Umgebungen
* gesellschaftliche Beobachtungen

Gehen wir der Reihe nach vor: Menschen

Es gibt Menschen, die mit ihrer Weltanschauung, Einstellung, ihrer physischen Präsenz und ihrer Aura einfach dafür sorgen, dass man abrupt alles stehen und liegen lässt, was man gerade tut und die einen in eine Sphäre voller Ideen und Kreativität ziehen. Man will einfach nur zuhören, beobachten, ja man will sie einatmen, ein Stück davon sich einverleiben, diese Energie verschlingen.
Es gibt diese Ansicht, Kreative seien wie Vampire, die die kreative Energie aus ihrer Umgebung und den Menschen saugen.
Oder diese Pullis mit dem Aufdruck “Vorsicht, du könntest in meinem Roman landen” (Ich gestehe: Ich wollte immer einen davon haben, haha)
Und es ist tatsächlich nicht zu weit hergeholt, dass wir oft aus dem Zusammentreffen und dem Austausch mit anderen Inspiration ziehen.
Was mir an dieser Vampir-Idee missfällt, ist der Eindruck, dass wir die anderen etwas berauben würden, ihnen etwas wegnehmen würden. Also ja, tun wir, irgendwie, aber ich persönlich versuche zu vermeiden, einen leeren Tisch zu hinterlassen. Deswegen bemühe ich mich immer sicherzustellen, dass ich genügend selbst mitbringe, damit es ein fruchtvoller und beidseitig inspirierender Austausch für beide Parteien wird.
Ich möchte diesen Moment hier gern nutzen, um meine Dankbarkeit gegenüber den Menschen auszudrücken, die ich treffen durfte und die meine Gedanken und mein Gemüt bewegt haben, mich zum Nachdenken brachten und dafür sorgten, dass ich in kreativer Ekstase explodierte.
Ich bin dankbar und ich will, dass ihr wisst, dass ihr etwas besonderes seid.

Kleiner Exkurs:
Oftmals gibt es zwei Typen von Menschen: Diejenigen, die denken, dass das, was sie mit an den Tisch bringen niemals für eine Inspiration reichen würde. Und jene, die denken, sie seien so inspirierend, dass man bereits ein komplettes Buch für sie verfasst haben müsse.
Lasst mich euch was sagen: An diejenigen, die denken, es reiche nicht: Wenn ein Künstler euch ein Gedicht, einen Text, ein Bild sendet, das ihr inspiriert habt oder was durch eine Interaktion mit euch erst den nötigen Zündstoff bekommen hat, wertet es nicht als Kompliment. Wertet es als Ausdruck der Wahrheit, dass ihr besonders seid, dass ihr inspiriert und dass ihr vermutlich mehr Kraft in euch tragt als euch gerade bewusst ist.
An jene, die denken, sie verströmten so viele großartige Impulse: Wenn ihr die Werke eines Künstlers, den ihr getroffen habt, anschaut, hört doch bitte auf euch ständig in jedes winzige Detail selbst hineinzulesen und für euch zu beanspruchen, ja? Das führt nur zu Frustration, wenn sich herausstellt, dass nicht ihr sondern jemand anders es war, der den Künstler zu diesem Werk inspirierte. Und wenn ihr jemals einen Künstler inspiriert, dann seid euch bitte bewusst, dass das etwas besonderes ist.
Tut mir leid, wenn ich das hier mal kurz anführen musste, aber manchmal macht mich diese Arroganz wahnsinnig. Außerdem tut sich dadurch auch eine weitere Frage auf:
Würdet ihr auch ein Werk für euch beanspruchen, wenn es hässlich, roh, rau, gemein und schmerzhaft ist?
Jeder will die Blumen und die bezaubernden Blüten der Schönheit, aber wisst ihr was? Selbst wenn ihr ein kritisches, gemeines Gedicht voller Schmerz lest, das ihr inspiriert habt, dann ist es immer noch etwas besonderes, vielleicht eine Ehre, weil ihr die Gefühle des Künstlers so sehr berühren konntet, dass er darüber geschrieben hat.
(Ich weiß, klingt seltsam, aber nehmt euch mal einen Moment Zeit, um darüber zu reflektieren)

Zurück zur Dankbarkeit: Gibt es bestimmte Menschen, zu denen man immer gehen und sicher sein kann, dass man mit neuen Ideen nach Hause geht?
Ja und Nein.
Es gibt Leute, die die Tendenz haben, einen wieder und wieder zu inspirieren. Das sind die Menschen, die ich Muse nennen würde. Und ich bin mehr als dankbar, dass ich die Chance hatte, solche Menschen zu treffen.
Nicht viele, einen bestimmten, aber es ist ein sehr wertvoller Schatz, den ich besonders schätze.
Aber ich käme nicht auf die Idee, diese Person für den reinen Zweck der Inspiration auszunutzen.
Entweder kommt es natürlich oder eben nicht.
Zumindest ist das meine Einstellung dazu. Und es hat auch mit der Verbindung zur Muse zu tun, dass man sie schätzt und respektiert, indem man sie nicht ausquetscht wie eine Zitrone.

Bedeutet das nun, dass wenn enge Freunde von mir mich nicht zu einem Gedicht oder Text inspirieren, ich sie weniger liebe?
Ganz klar: Ja, natürlich! Wozu sind sie gut, wenn sie keine Eingebungen liefern?!
Ich mache selbstverständlich nur Spaß. Natürlich sagt die Anzahl an Gedichten, die ich für, über oder an euch schreibe etwas über unsere Verbindung aus, aber es sagt nicht unbedingt etwas über die Intensität der Liebe, die ich für euch oder andere empfinde, aus.
Es gibt Millionen Gründe und Milliarden Arten jemanden zu lieben, und ja, es ist eine spezielle Verbindung, die man mit seiner Muse hat, aber nichts davon “stiehlt” die Liebe aus meinem Herzen für Leute, für die ich noch nie etwas geschrieben habe.
So wie man sagt “Die Schönheit einer anderen Frau, nimmt dir nicht deine weg” oder wie auch immer dieser Spruch im Original exakt heißt, so ist es auch mit der Inspiration.
Es gibt also keinen Grund, sich in einem Wettbewerb zu ereifern oder sich mit anderen Leute, die Werke inspiriert haben, zu vergleichen.
Da werden Prozesse in Gang gesetzt, die der Künstler selbst manchmal gar nicht im Detail beschreiben kann. Es ist. Einfach so. Es ist.
Nichtsdestotrotz sollte man es nicht als selbstverständlich hinnehmen, wenn einem ein Werk gewidmet wird, auf der anderen Seite sollte man es ebenfalls nicht persönlich nehmen, wenn es nur eins oder kein Werk gibt, das man selbst inspiriert hat.
Das bedeutet nicht, dass ihr keine Bedeutung habt und vor allem bedeutet es nicht, dass ihr nicht geliebt seid.

Es gibt diese Aussage, man kann von jedem lernen, zur Not wie man nicht sein oder es nicht machen will.
Dementsprechend kann Inspiration sowohl aus den “positiven” als auch den “negativen” Erlebnissen und Begegnungen gezogen werden.
Aber oftmals bevorzugen wir natürlich das gute und positive Gefühl des Wortes Inspiration, als dass wir die Möglichkeit in Erwägung ziehen wollen, dass Momente und Menschen, die uns nicht ein Gefühl von einem Leben voller honigsüßer Milch vermitteln, ebenfalls zu Kreativität führen können.
Aber lasst mich euch was verraten: De Profundis von Oscar Wilde wäre niemals geschrieben worden, wäre er nicht von jemandem, den er geliebt und als Partner betrachtet hat, verraten und verkauft worden.
Heißt das nun, dass wir Leiden und Schmerz suchen sollten, um ein großartiger Künstler wie Oscar zu werden?
Naja, wir könnten darüber diskutieren und ich hab dazu echt viele Gedanken, aber ich denke dazu eignet sich ein separater Post oder ein anderes Format besser.
Wollt ihr darüber reden? Also meine Antwort ist ja.

Damit dieser Post nun aber nicht zu lang wird, empfehle ich euch, mich auf meinem Balkon zu besuchen, damit wir da dieses Gespräch fortführen können.
Ich sag Bescheid, wenn der Gedankenwust dort seinen Ausdruck findet.

Wie seht ihr das? Was ist eure Meinung?
Was inspiriert euch? Was inspiriert euch an Menschen?
Könnt ihr es wirklich auf den Punkt bringen und an bestimmten Charakterzügen, Ausdrücken und Bewegungen festmachen, was euch inspiriert?
Teilt eure Gedanken mit mir in den Kommentaren.

Auf bald, meine Lieben

xx

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#sundaystory: Fotograf

#sundaystory: Fotograf

Für Norbert Josefsson
Die vorgegebenen Elemente waren:
a) Deutsch
b) Fotograf
c) Sonne, Tod, Theater
d) dramatisch

Es war ein heißer Tag. Die Sonne brannte unerbittlich und jeder von seiner Stirn fallende Schweißtropfen verdunstete sofort auf dem Asphalt.
Er hatte sich dazu hinreißen lassen, die Vorbereitungen für das Fest auf dem Vorplatz des Theaters fotografisch festzuhalten, damit es beworben werden konnte und hoffentlich dementsprechend viel Zulauf erhalten würde. Überredet dazu hatte ihn die nicht mehr ganz so junge, aber junggebliebene Hauptdarstellerin des neuen Stücks, das am Vorabend der Festeröffnung Premiere feierte. Raffaela war nach ihrer Ausbildung in der Gegend über Umwege und viele Serpentinen auf ihrem Lebensweg zu einer doch relativ bekannten Größe im Theater aufgestiegen und kehrte nun an ihren ersten Spielort zurück.
Er, seines Zeichens gelernter Fotograf, hatte Raffaela zu Beginn ihrer Karriere in der Umkleide eines kleinen Hinterhoftheaters kennengelernt, als er zum Zwecke der Erstellung einer Fotomappe für seine Abschlussarbeit die ungeschminkte Wahrheit portraitieren wollte. Damals noch mit einer Tasche voller Filmrollen bewaffnet und Tagen, die in der Dunkelkammer zu nächtlichen Gleichnissen verschwammen, hatte er sich mit der ausdrucks- und willensstarken Künstlerin in der Umkleide nach der Vorführung bei starkem Tee mit süßer Milch angefreundet und sie hatten noch stundenlang bis spät in die Nacht geredet.
Die daraus erwachsene Freundschaft hielt nun schon mehr als 30 Jahre an und hatte geographische Distanzen und verschiedene Lebenswege durchstanden. Auch wenn sie sich manchmal jahrelang nicht sahen, stellten sie immer sicher, sich Briefe und Postkarten zu schreiben. Noch heute, nach all den Jahren, zierten viele bunte Ansichtskarten von allen Spielstätten, die Raffaela mit ihrem Ensemble bespielt hatte, seinen Kühlschrank. Und noch heute, nach all den Jahren, befand sich auf Raffaelas schnörkelverzierter Schminkkommode eine mit Muscheln und Perlen besetzte Holzbox, in der sie all seine Briefe und Karten aufhob. Hin und wieder, während der präzise gezogene Lidstrich auf einem Auge noch trocknen musste, nahm sie willkürlich einen Brief oder eine Karte aus der Box und las mit dem geöffneten Auge die Zeilen, die sich vor ihr wie ein Band der vergangenen Jahre zu einer Perlenkette aufreihten und manches Mal musste sie schmunzeln. Weinen wäre auch undenkbar gewesen, immerhin hätte dies verheerende Auswirkungen auf das Make-up gehabt. Dann küsste sie die Karte oder den Brief mit den Lippen, auf denen sich der frisch aufgetragene und noch nicht getrocknete Lippenstift befand und legte sie zurück in die Box.
Wenn es ihnen möglich war, hatte sie seine Ausstellungen und Veranstaltungen und er sie an ihren Spielstätten besucht.
Nie ohne diese Begegnungen fotografisch festzuhalten, nie ohne starken Tee mit süßer Milch als Abschluss eines außergewöhnlichen, von Lachen erfülltem Abend.
Und nun trafen sie sich wieder. Das letzte Treffen musste mittlerweile fünf Jahre her sein, eine lange Zeit, die sich bei der Verbindung der beiden und durch den Briefkontakt jedoch nie nach einer Ewigkeit anfühlte.
Sie trafen sich vor dem Seiteneingang des Theaters, der hinunter zu den Umkleideräumen der Darsteller führte. Während er über den Vorplatz schlenderte und die sengende Sonne die Luft vor seinen Augen zum Flimmern brachte, konnte er schon ihr altbekanntes breites Lächeln ausmachen. Das einzig wahre Lächeln, das Lächeln, das anders war als jenes, das sie auf der Bühne und in Interviews und bei Fotoshootings zur Schau stellte. Das Lächeln, das er manches Mal sogar bei ihren gemeinsamen Tagen geschafft hatte fotografisch für die Ewigkeit einzufangen. Auch wenn sie es hasste und ihm drohte die Fotos zu zerreissen.
Sie empfing ihn mit einer überschwänglichen Umarmung und er drückte sie und hob sie hoch, sodass ihre Füße ein paar Zentimeter über dem Boden baumelten. Alles wie immer.
Gemeinsam stiegen sie hinab in den wohltuend kühlen Keller und steuerten ihre Umkleide an. Ihr Lachen hallte von den Wänden zurück und die Freude über das Wiedersehen erfüllte den Gang. Als sie die Umkleide betraten lief ebenfalls alles wie immer ab. Ihre Bewegungen waren zwar über die Jahre langsamer, jedoch nie weniger grazil oder elegant, geworden. Sie nahm vor dem Schminktisch Platz und legte ihr breites Haarband an, um die Strähnen aus dem Gesicht zu halten, während er sich auf einem mit Samt bezogenen Schemel niederließ und die Kamera aus der Tasche kramte.
“Danke für die Einladung, ich freue mich so dich zu sehen!”, murmelte er, während er den Akku überprüfte.
“Ach, Dummkopf, seit wann bedankst du dich denn dafür? Es war doch klar, dass ich dich einladen würde, wenn ich hierher zurückkehre.”, lachte sie.
“Ja, hier hat alles begonnen.”
“Naja, nicht genau hier, aber in dieser Stadt, da hast du Recht. Gibt es das kleine Hinterhoftheater eigentlich noch? Ich hätte zu gern dort gespielt. Um der alten Zeiten Willen, weißt du?”
“Ach nein, leider nicht, daraus haben sie vor zwei Jahren eine Bar mit angeschlossener veganer Küche oder sowas gemacht. Aber vielleicht könnten wir dort gemeinsam essen. Um der alten Zeiten Willen, weißt du?”, grinste er.
“Pah! Ich bin Italienerin! Wenn meine Mamma hören würde, dass ich ausgerechnet mit dir, ausgerechnet in dieser Stadt mein Essen in einem veganen Restaurant einnehme, ich sag dir, sie würde sich im Grab herumdrehen! Das kann ich ihr nicht antun. Dann biete mir lieber Pommes Currywurst Mayo an. Das würde sie zwar auch ärgern, aber immerhin wäre Fleisch dabei.”, empörte sie sich scherzhaft.
Endlich hatte er die Kamera einsatzbereit und fing an ein paar Probeaufnahmen zu machen und die Einstellungen den gegebenen Lichtverhältnissen anzupassen während sie ihr Gesicht mit einer dicken Schicht Feuchtigkeitscreme eincremte.
“Ich möchte, dass du dir heut besonders viel Mühe gibst, mein Lieber. Du musst alles festhalten. Das wird der Auftritt meines Lebens! Dieses Stück habe ich noch nie gespielt, es ist eine absolute Premiere!”
Er runzelte die Stirn, irgendwas lag in ihrer Stimme, das er nicht genau definieren konnte. Er schaute sie prüfend an.
Sie atmete kurz ein und setzte ein Lächeln auf.
“Na, was ist?”, lachte sie und schmierte ihm mit der Fingerspitze einen dicken Klecks Creme auf die Nase.
“Hey!”, machte er und wischte sich die Creme mit dem Handrücken ab. “Ja, natürlich! Es scheint dir ja sehr wichtig zu sein.”
“Absolut. Es ist wie gesagt eine absolute Premiere und du weißt, man hat nur ein Mal die Chance, da alles im Detail festzuhalten.”
Sie drehte sich zu ihm und nahm seine beiden Hände in die ihren. Ihr Blick wurde ernster und sie schaute ihm direkt in die Augen.
“Es bedeutet mir wirklich sehr viel, dass du heut gekommen bist und dass du derjenige bist, der die Momente der Premiere einfängt. Du musst alles festhalten. Alles! Es ist mir wirklich wichtig. Und ich weiß, dass du es verstehst.”
Überrascht über ihren plötzlichen Ernst drückte er ihre Hände ein kleines bisschen fester und versicherte ihr, dass er sich die allergrößte Mühe geben würde, die großartigen sowie die kleinen Momente des Abends einzufangen und festzuhalten.
Dann bat sie ihn, sie noch für die letzte Stunde vor der Show allein zu lassen, wie sie es immer tat, um sich komplett auf ihr Spiel vorzubereiten.
Währenddessen ging er ins Foyer und machte ein paar Detailaufnahmen und ging dann hinaus auf den Vorplatz, passte die Kameraeinstellungen wieder den Lichtverhältnissen an und dokumentierte fotografisch die immer größer werdende Schar von Menschen, die sich zusammenfand. Trotzdem fand er auch hier und da Zeit mit alten Bekannten, wie dem Kartenverkäufer Johann und der Choreographin Christina zu plauschen.
Dann war es endlich so weit und die Platzanweiser baten das Publikum auf den vorgesehenen Plätzen, errichtet aus Paletten und bestückt mit bunten Kissen Platz zu nehmen.
Er positionierte sich so, dass er die ganze Bühne, die im Eigentlichen die Stufen des Theatereingangs waren, gut im Blick hatte.
Es wurde ruhig und das Stück begann.
Durch den Sucher seiner Kamera verfolgte er das ganze Stück, hielt jedes Lachen, jeden dramatischen Moment, jeden Kuss, jede Ohrfeige und jeden Tanz fest.
Die Kostüme waren atemberaubend und das Spiel aller Darsteller überragend. Raffaela spielte als ginge es um ihre Karriere, ihre Existenz, ja ihr ganzes Dasein und Leben. Sie war überwältigend. In all den Jahren hatte sie nichts von ihrer Anmut, ihrer Eleganz, ihrem Ausdruck, ihrer Stärke eingebüßt. Das Leben hatte seine Spuren in kleinen Fältchen um die Augen- und Mundwinkel und auf der Stirn, die sie sehr gut zu kaschieren wusste und in silbernen Haarsträhnen, die nun in der Abendsonne schimmerten, hinterlassen. Aber nichts davon nahm ihr etwas von ihrer Schönheit, von ihrer Präsenz.
Dem Spannungsbogen folgend wurde auch das Spiel immer intensiver, die Fotos eindrucksvoller, das Publikum ruhiger. Man hätte eine Stecknadel auf den Pflastersteinen fallen hören können.
Mitten auf dem Höhepunkt, der Klimax, als Raffaela in ihrer Rolle die wichtigsten Worte des Stückes sprechen sollte und sich dazu dem Publikum mit einer weit ausholenden Geste zuwandte, hielten alle den Atem an. Sie fasste sich an die Brust, ihre Hand ballte sich über ihrem Herzen zu einer Faust und sie streckte die andere Hand sehnsüchtig aus.
Er lies die Kamera sinken und blickte ihr direkt in die Augen. Dann brach sie zusammen.
Unsicher, ob es sich noch um einen Teil des Stückes handelte oder nicht, blieb es stumm im Publikum. Als jedoch die Darsteller anfingen, hilfesuchend nach den Platzanweisern und dem Regisseur zu schauen, wurde allen klar: Das hier war nicht mehr Teil des Stücks. Dies war bittere Realität.
Dann ging alles fürchterlich schnell. Der Krankenwagen wurde gerufen, alle rannten wie wild durcheinander, ein Sanitäter versuchte Erste Hilfe zu leisten, Christina die Choreographin koordinierte die fassungslosen Schauspieler und wies ihnen Aufgaben zu und Johann beruhigte das Publikum.
Er stand regungslos in der hektischen Masse, unfähig sich zu bewegen. Dann erinnerte er sich an Raffaelas Worte: “Du musst alles festhalten. Alles!”
Als wenn ihn plötzlich ein Blitz durchfahren hätte, riss er die Kamera hoch und fing an, alles zu fotografieren, die Hektik, die Menschen, das Abendrot, die weinenden und unter Schock stehenden Kollegen, dann sie. Wie schön sie dalag. Regungslos und doch noch voller Leben. “Du musst alles festhalten. Alles!” Er ließ die Kamera sinken und beugte sich über sie. Selbst der Tod stand ihr gut, mit ihrem perfekt gezogenen Lidstrich, den expressiven, rot bemalten Lippen. Selbst der Tod konnte ihr nichts nehmen. Außer dem Leben.
Er hielt sie fest bis der Krankenwagen kam und die Rettungskräfte sie aus seinen Armen nahmen.
Dann Ruhe. Stille. Leere.
Alles um ihn herum nahm er nur als schemenhaft, surreal war. Er saß da. Sonst nichts.
Es mussten Stunden vergangen sein, denn es war schon dunkel, die Straßenlaternen gingen an und der Mond brach hinter den Wolken hervor.
In der Zwischenzeit waren Bühne und Sitzplätze abgebaut worden, nur Reste von Glitzer und Konfetti, Teile des Bühnenbildes, gaben den Anschein, dass etwas stattgefunden hatte.
Ein Schatten näherte sich ihm. Es war Melina, die kleine Tochter von Johann. Sie blieb vor ihm stehen und streckte ihm etwas entgegen.
Den Nebel vor den Augen durch eine Geste wegwischend besann er sich.
“Was ist das?”, fragte er.
“Die Tante Raffaela hat mir das gegeben. Es ist ein Brief. Glaube ich. Also die Tante Raffaela hat mir das gegeben und sie hat gesagt es ist ganz geheim und ich soll dir das geben, wenn das Stück vorbei ist und alle nach Hause gehen. Also, sie hat gesagt das ist ganz ganz geheim und ich darf das niemandem sagen. Hab ich auch nicht!”, sprudelte Melina los und hob zwei Finger schwörend in die Luft.
Mit regungsloser Mine nahm er den Brief entgegen und starrte das Mädchen an.
“Willst du nicht aufmachen?”, fragte sie neugierig und beugte sich dabei leicht nach vorn und scharrte mit der Fußspitze über den Boden.
“Melina? Melina! Komm jetzt, es ist spät genug, wir müssen nach Hause, Mama wartet.”, das war Johann.
“Och, man! Du, sagst du mir, was drin steht, wenn du ihn gelesen hast?”, sie sah ihn erwartungsvoll an.
“Es ist doch geheim.”, brachte er hervor.
“Hm, ja stimmt.”, sagte Melina enttäuscht, bevor sie sich aufmachte, um ihrem Vater zu folgen.
“Danke!”, rief er ihr hinterher.
Als alle gegangen waren und nur die nächste Straßenlaterne den Vorplatz in schummriges Licht tauchte, öffnete er den Brief und las:
“Mein lieber, lieber Freund,
wenn du das hier liest, habe ich die größte und schwerste Rolle meines Lebens bereits gespielt, habe abgedankt und die Bretter, die die Welt bedeuten und immer meine Welt waren, würdevoll verlassen. Da du der beste Freund bist, den ich habe und du mich verstehst, wirst du alles, ja alles eingefangen haben, so wie ich dich drum gebeten habe. Es tut mir leid, dass ich dir das zugemutet habe, aber es ging nicht anders. Es war unser letzter gemeinsamer Tanz und ich wollte, dass du so viele Erinnerungen wie nur möglich davon festhältst.
Ich danke dir für jahrzehntelange Freundschaft. Es ist jedoch Zeit, dir mehr zu sagen als ich je vermochte. Zeit blieb mir keine mehr, und ich wusste es, ich wusste, dass es eine Premiere und ein Abschied sein würde. Daher nehme ich mir nun die Zeit, all die unausgesprochenen Dinge niederzuschreiben. Denn du, ja du hast noch Zeit. Zeit, diese Zeilen zu lesen.
Amore mio,
es gibt so viel zu sagen und so vieles, das du nicht weißt. Du kennst mich lang genug, gut genug und doch hast du so manches nicht verstanden, mein liebenswerter Dummkopf.
Ich hab dich immer geliebt. Vom ersten Tag an.
Ich hab dich geliebt als du als Lehrling mit zerzaustem Haar das Interview für deine Abschlussmappe und die fotografischen Arbeiten dazu mit mir erstellt hast. Ich hab dich geliebt, als wir uns in den niederländischen Grachten auf einen Kaffee trafen, weil ich dort spielte und du deine Ausstellung dort hattest. Ich hab dich geliebt als du mir Postkarten aus Rom schriebst, einzig mit Fotos von Gebäuden darauf, weil du wusstest, wie viel mir die Architektur bedeutet. Ich hab dich geliebt bei jeder Karte, die ich dir schrieb, von jedem Spielort dieser Welt, den ich bereisen und bespielen durfte.
Ich hab dich geliebt als ich Giovanni auf Wunsch meines Vaters heiratete, nachdem er und meine Mamma mir klarmachten, dass außer einem Italiener ihnen kein Mann an meiner Seite ins Haus käme und ich auch bei all meinen Mitspielern auf der Bühne ja nicht auf die Idee kommen sollte, etwas anderes zu denken. Ich hab dich geliebt als du die Hochzeitsfotos von unserer Hochzeit so liebevoll erstellt und überreicht hast. Ich hab dich geliebt, als du schließlich Beatrice gefunden und geheiratet hast. Ich hab dich geliebt, als ich dein freudestrahlendes Gesicht sah als du Vater von Zwillingen wurdest, einem Jungen und einem Mädchen. Ich hab dich geliebt als ich selbst erfuhr, dass ich schwanger war und ja auch als ich meinen Jungen unter Schmerzen auf die Welt brachte und ihn das erste Mal in den Armen hielt und Giovanni meine Stirn küsste, hab ich dich geliebt. Ich hab dich geliebt als du kreative Blockaden hattest, überlegt hast, alles hinzuwerfen, die Fotografie aufzugeben, ich hab dich geliebt, als deine Ehe zu scheitern begann, als deine Kinder sich gegen dich wandten, als du deine Freizeit vor dem Scheidungsgericht verbringen musstest. Ich hab dich geliebt als ich in einer Phase war, in der ich wieder und wieder abgelehnt wurde, die Rollenangebote ausblieben, Leute sich von mir abwandten und ich anfing an mir selbst zu zweifeln und du mir, obwohl ich nie darum bat, Mut zugesprochen hast und meintest, es kämen wieder bessere Zeiten. Ich hab dich geliebt als diese besseren Zeiten kamen und die Leute zurückkamen. Ich hab dich in jedem Wort, in jeder Zeile eines jeden deiner Briefe geliebt. Ich hab dich in jedem verschwommenen Foto und auch in den gestochen scharfen geliebt. All die Jahre, all die Zeit. Ich hab dich geliebt als ich erfuhr, dass meine Zeit begrenzt ist und wie begrenzt genau. Ich hab dich geliebt als du eingewilligt hast, diese eine, diese letzte Premiere festzuhalten. Und ich liebe dich während ich diese Zeilen hier schreibe.
Amore mio, um einen letzten Gefallen muss ich dich dennoch bitten und ich weiß, du wirst ihn mir nicht abschlagen: Bitte vergiss mich nicht und küsse diesen Brief bevor du ihn zurück in den Umschlag steckst, ja? Danke.”

Er starrte auf die Zeilen vor ihm, atmete flach, der Kloß in seinem Hals drohte ihm die Luft abzuschnüren und die Zeilen begannen zu verschwimmen, weil ihm Tränen in die Augen stiegen.
Er holte tief Luft und erfüllte Raffaela ihren letzten Wunsch.
Dann brach er zusammen.

Gina Laventura © 2019

#sundaystory: Vergewaltigt

#sundaystory: Vergewaltigt

Für leseschreiberin
Die vorgegebenen Elemente waren:

a) Deutsch
b) Vergewaltigt
c) Theater, Luft, spiegelverkehrt
d) Komödie

Vergewaltigt

“Ich habe mir das alles nochmal vergewaltigt und denke, dass du viel zu wenig über Kunst und Kultur weißt, Dana.”, sagt mein Vater.

“Verge-was, Papa?”

“Na, ich hab mir die ganze Situation nochmal durch den Kopf gehen lassen, mir angeschaut, wie du so deinen Tag verbringst, ich habe mir das eben alles nochmal vergewaltigt.”

“Du meinst vergegenwärtigt, ja?”

“Oh, Frau Gymnasium macht jetzt hier einen auf superschlau und versucht den Alten nass zu machen, was? So nicht, Frollein! Ich sage dir, du lernst ja nix, immer nur Schminke hier und Freunde treffen da.”

Ich rolle mit den Augen und atme tief durch.

“Papa, in Anbetracht der Tatsache, dass ich seit Wochen für die Abschlussprüfung durchlerne und jede Nacht nur um die vier Stunden schlafe, glaub mir, es ist besser für uns alle, wenn ich mich schminke und nicht aussehe wie ein überfahrener Iltis, okay?”

“Jaja, lernen”, sagt er und setzt dabei das Wort ‘lernen’ mit seinen ketchupverschmierten Fingern in Anführungszeichen.

“Papa!”

“Dana,” sagt er schmatzender und mampfender Weise. “Du trifft deine Freundinnen faft jeden Tag und ftändig quatft ihr nur über die Jungf und jetf willf du mir daf alf lernen verkaufen…”

Ich rolle erneut mit den Augen. “Papa, erstens versteh ich nur die Hälfte, wenn du ne halbe zerkaute Kuh in der Schnute hast und zweitens, welche Jungs?!”

Er schluckt den letzten Bissen runter. “Aha, hast mich also doch verstanden! Na, die ganzen hier, wie sie heißen da… William und Oscar und dann irgendwelche Intrigen mit Virginia und Jane und was weiß ich, was ihr euch da für ne Seifenoper zusammenquatscht, wenn ihr da nächtelang zusammen Pyjamaparty macht.”

Ich. raste. aus.

Kurzer, ganz kurzer Einblick in die Situation. Jeden Sonntag im Sommer grillen wir draußen auf der Terrasse. Richtig hübsch klassisch. Also klassisch asi. Vatti in Fliegerseide und Mutti mit Lockenwicklern um den Kopf. Nein, kein Scherz, ja, leider wahr. Was soll ich machen. Wäre ja halb so wild, habe mich mittlerweile dran gewöhnt, dass meine Eltern noch nicht mal versuchen mich zu verstehen, aber die nächste Kiste ist einfach, dass jeden dritten Sonntag und der liebe Herrgott allein weiß, warum es jeder dritte Sonntag ist, kriegt mein Vater irgendeine Sinnkrise und meint mich belehren zu müssen. Dann sorgt er sich um meine Bildung und meine Berufschancen und all sowas. Wir erwähnen jetzt mal nicht, dass ich letztes Jahr Klassenbeste und Zweitbeste des Jahrgangs war, ist okay, kein Problem. Diese überväterliche Sorge hat mir im Laufe eines einzigen Sommers bereits die unsäglichsten Erlebnisse beschert: Das eine Mal, wo mein Vater mich zu einer Podiumsdiskussion in der Stadthalle schleppte, um mit den Lokalpolitikern zu diskutieren, was für mich persönlich gut lief, für ihn leider nicht so, als er aus dem Saal geworfen wurde, nachdem er den Oberbürgermeister gefragt hatte, mit wem er geschlafen habe, um diese Position zu erreichen, da er eine – ich zitiere – “Flachpfeife sondergleichen” sei. Jap.

Oder das andere Mal, als er sich um meine sozialen Kompetenzen sorgte und mich zu einem Hockey-Schnupperkurs anmeldete. Super Idee. Ich bin in Sportarten, die irgendwas mit Schlägern oder Bällen zu tun haben in etwa so kompetent wie besagter Oberbürgermeister in seinem Amt, also gar nicht. Immerhin lerne ich schnell und schaffte es zumindest, nur jeden dritten Schlag zwischen die Beine und vors Schienbein zu bekommen. Skurril wurde es, als mein Vater mich dann anfeuerte, die Gegner zu fowlen, was mich mitten auf dem Spielfeld zu der Frage veranlasste, wer von uns beiden eigentlich an seinen sozialen Kompetenzen arbeiten müsse. Immerhin hab ich mich beim Captain des gegnerischen Teams entschuldigt, nachdem ich ihn mit meinem Hockeyschläger ungünstig an der Schläfe getroffen hatte. Also, so ungünstig, dass er bewusstlos wurde. Wenn ich sein benebeltes Grinsen richtig gedeutet habe, hat er meine Entschuldigung immerhin angenommen.

Oder das andere Mal, als mein Vater die grandiose Idee hatte, ich solle mich körperlich ertüchtigen, denn – ich zitiere wieder – “in Sahne recko Korporo.” Genau, Papa, genau, Sahne spielt bestimmt ne Rolle hier. (Kein Wunder, dass ich schon seit frühester Kindheit Brille tragen muss, ich wette, ich fing schon früh an mit den Augen zu rollen, bei dem Senf, den dieser gute Mann manchmal von sich gibt.) Schwimmverein! Hielt er für eine prächtige Idee. Es würde alle Muskeln beanspruchen, gleichzeitig würde man nicht so eklig verschwitzt sein und so weiter und so fort, ellenlanger Vortrag. Nur als Randinfo: Ich habe meinen Vater nie schwimmen sehen. Also schwimmen im Sinne von Strecke im Wasser zurücklegen. Er treibt so mehr, wenn ihr versteht. Toter Mann mit Bier in der Hand. Oder wahlweise mobile Kinderhalterung mit selbst mitgebrachtem Rettungsring. Ihr versteht schon. Fand ich trotzdem ne ganz süße Idee, weil Papa anscheinend verpasst hatte, dass ich nach dem Seepferdchen auch noch die folgenden Abzeichen gemacht hatte, aber nun gut. Als sich alsbald zeigte, dass ich schon sehr gut schwimmen konnte – größte Verwunderung seitens meines Vaters –, meinte er, es sei sicherlich gut, wenn ich mich “auf dem Wasser” bewegen könne (Darf ich mich kurz vorstellen: Dana von Nazareth, Jesus war mein Cousin. – wie soll man denn bei sowas nicht mit den Augen rollen?! –), aber “unter Wasser ist auch wichtig”, meinte Papa. Ich holte grad tief Luft um zu protestieren, als er mich auch schon mit einer Hand unter Wasser drückte, mit den Worten “wollen mal sehen, wie lang du die Luft anhalten kannst”. Hustender Weise und schlumpfblau entließ er mich dann nach 3 Minuten seinem lehrreichen Griff.

Ja, das war ein kurzer Einblick in die lehrreichen Stunden im Unterricht meines Vaters.
Und nun das hier. Wohin das auch immer führen sollte.

Zurück zum Thema.

“Papa… das sind keine Pyjamaparties. Wenn Lotte und Chris kommen, dann lernen wir für die Abschlussprüfung! Und William, Oscar, Virginia und Jane sind Autoren!”

“Autoren, was autorieren die denn so?”, sagt Papa spitzfindig während er mit dem Zahnstocher an seinem Eckzahn herumpult. (Gott, ich wünschte es wäre ein Goldzahn, das würde SO sehr ins Bild passen…)

Ich atme tief ein, ziehe Luft durch die Zähne, stoße sie geräuschvoll aus.

“Sie schrieben. Präteritum. Sie sind tot. Verdammt Papa, Shakespeare? Wilde? Woolf? Austen?”

“Hm?” macht er und zieht eine Augenbraue hoch.

“Ach, schon gut.” sage ich resigniert.

“Jedenfalls,”, hebt er feierlich an, “habe ich mir überlegt, dass wir zwei ins Theater gehen.”

“Ins Theater?”

“Ja, ins Theater.”

“Ins Theater? Du? Ich? Ins Theater?” keuche ich.

“Sag mal, Dana, bist du heut schwer von Begriff? Hast du von Muttis Bowle genascht?”

“Ja, nein, hab ich nicht. Okay, ins Theater. Du willst mit mir ins Theater. Wann? Und was wird gespielt?”

“Na, heut Abend geben sie Romeo und Julia, ein klassisches Stück der Kultur.”, sagt er stolz.

“Ja, was für eine ausgezeichnete und außergewöhnliche Wahl.”, gebe ich zurück.

“Ja, nicht wahr?!”, sagt er mit stolz geschwollener Brust.

Ich schließe die Augen, um ihnen eine Pause vom Rollen zu gönnen.

“Okay, Romeo und Julia. Bitte, so sei es denn.”, sage ich. Widerstand war von jeher zwecklos gewesen, also durchatmen und über sich ergehen lassen. Einzige Lösung.

Mein Vater grinst zufrieden und sagt “Aber zieh dir was nettes an, ja. Immerhin ist es Theater!”

“Ja, daran bin ich schon gewöhnt..”, sage ich.

“Was?” brüllt er, während ich dabei bin mich in mein Zimmer zurückzuziehen.

“Ach nix.”

 

Punkt sieben steh ich gestriegelt bei uns in der Küche, wie es sich eben für einen Theaterbesuch gehört, Hosenanzug, Bluse, Lederschuhe mit kleinem Absatz, die sonst recht widerspenstigen Haare zu einem ordentlichen Knoten gezaubert.

Dann kommt mein Vater. Ich bin sprachlos.

Also ich bin mir nicht sicher, ob er “Der Pate” ein mal zu oft gesehen hat oder, ob er sich einfach direkt der Familie Montague oder Capulet anschließen will. Fast befürchte ich, er wolle selbst heut Abend auf die Bühne gehen. Der Anzug ist ihm zwar nur minimal zu klein, aber das Jackett kann er nur gerade eben so schließen, wenn er den Bauch etwas einzieht und ziemlich kontrolliert atmet. Die Weste darunter und die Fliege lassen ihn etwas zu pompös für das schnöde lokale Theater aussehen und die polierten Lackschuhe, die glänzen wie eine Speckschwarte sind nur noch von seinen mit Frisiercreme in Form gelegten Haaren zu übertreffen. Ich weiß ja nicht, wann das mal Mode war, aber sicherlich muss das vor meiner Geburt gewesen sein. Mindestens so lang muss auch der Kauf dieser Artikel her gewesen sein.

Mein Vater streckt sich, stellt den Arm in die Hüfte und spreizt ihn ab, sodass ein einladendes Dreieck entsteht. Dann grinst er mich an. “Na, was ist, kommste?”

Ich atme tief durch, hake mich ein und wir marschieren Richtung Theater.

Wir treten ein und die Leute glotzen meinen Vater an. Unwillkürlich versuche ich meinen Arm aus seiner Ellbeuge zu lösen. Vergeblich, er hat ihn fest im Griff. Alle schauen ihn an, als gehöre er zum Ensemble. Wir gehen schnurstracks durch und finden unsere Plätze schnell. Es wird zügig dunkel. Zum Glück.

Mein Vater ist voll drin im Geschehen und kommentiert mit heftigem Stöhnen, mit “Ah”s und “Oh”s, die Handlung auf der Bühne, was uns von unseren Sitznachbarn böse Blicke einbringt.

Als Julia den Trank der Tränke hoch hält, um ihn gleich darauf zu sich zu nehmen, friemelt mein Vater ein kleines Schnapsfläschchen aus der Innentasche seines Anzugs, hält sie der Julia in einer Bewegung, die ihrer spiegelverkehrt ähnlich kommt, entgegen und flüstert “Prösterken, wer trinkt schon gern allein, Jule, wa?” und kippt zeitgleich mit ihr den Trank hinunter. Ich rolle nicht mit den Augen, einzig und allein aus dem Grund, dass ich das Stück ungestört weitersehen möchte.

Der Rest des Stücks bleibt weitestgehend komplikationsfrei von Seiten meines Vaters, was sicherlich dem Konsum von zwei weiteren Fläschchen zu verdanken ist.

Als wir später in die laue Sommerluft aus dem Theater treten, meint mein Vater:
“Na, Dana, was sagst du? War das nicht viel besser, als mit den Mädels über Schnickschnack zu quatschen? Das war doch mal ordentliches Kulturprogramm!”

“Fragt sich nur, für wen.”, meine ich.

Mein Vater ignoriert meine zynischen Kommentare geflissentlich und zwingt meinen Arm wieder liebevoll in seinen Würgegriff à la Rocky Balboa.

“Aber du, alle reden ja von dieser großen Liebe und wie toll Romeo ist, ne.”, sagt Papa plötzlich nachdenklich.

“Hmm.” mache ich.

“Aber das mit dem Trinken muss der Jung noch üben, wa? So ganz helle war der wohl nicht. Die Jule war da ja trinkfester als er.”

Ich rolle mit den Augen…

 

 

 

Gina Laventura © 2019

#sundaystory : Diebstahl

#sundaystory: Diebstahl

Für mikakrueger
Die vorgegebenen Elemente waren:

a) Deutsch
b) Diebstahl
c) Versprechen, zitronengelb, abstürzen
d) Mysteriös

Diebstahl

Jacques Perdu war einst ein berühmter Detektiv, dessen Spezialität im Aufspüren vermisster oder untergetauchter Personen lag. Er hatte eine brummende Detektei zusammen mit seinem Kollegen Jean Escroc. Die Detektei war groß mit lichtdurchfluteten Fenstern mitten in der Innenstadt und wenn man die Fenster öffnete, konnte man das bunte Treiben der Stadt bis hinauf hören. Jacques und Jean hatten jede Menge zu tun und fast jeden Tag ging ein neuer Auftrag ein. Es gab nicht einen Fall, den sie nicht gelöst hätten und sie waren bis über die Stadtgrenzen hinaus für ihre hervorragende Arbeit bekannt. Sie waren fein gekleidet und ein jeder grüßte sie, wenn sie über die Straße gingen. Aber das ist Jahrzehnte her.
Heute ist Jacques Perdu ein abgehalfterter Mittfünfziger, dessen Ruhm ebenso Geschichte ist wie seine Zusammenarbeit mit Escroc. Dieser machte sich nämlich eines Tages still und leise mit den durch die Klienten geleisteten Anzahlungen der letzten sechs Wochen aus dem Staub und da er, wie Jacques, sein Handwerk beherrschte und von den Tätern, die er jagte, gelernt hatte, blieb das Verschwinden des Monsieur Escroc Jacques’ einziger, aber dafür größter Misserfolg, denn er spürte ihn niemals auf. Zudem war er gezwungen ohne die Anzahlungen die bereits angenommenen Aufträge zu bearbeiten und alleine zu lösen, was alsbald schwer an die Ersparnisse ging und aufgrund des Betrugs zahlten die Klienten den Rest der Auftragssumme nicht. Auch, dass er alle Aufträge wie immer mit Bravour löste, konnte seinen Ruf nicht retten.

Nun sitzt Jacques Perdu in einer kleinen Kaschemme am Stadtrand in einem baufälligen Gebäude, dessen Türen und Holzdielen beim kleinsten Windzug quietschen. Die Wände sind vollgestellt mit Regalen, die wiederum unter der Last der darin befindlichen Bücher zu zerbrechen drohen. Mittlerweile verdingt er sich als Lektor für Detektivgeschichten und anstatt wahre Fälle zu lösen, spürt er Tippfehler und Lücken in der Konstruktion der Geschichten anderer auf. Seine einst in Italien handgefertigten Lederschuhe weisen Löcher in den Sohlen auf, der Hut zeigt deutliche Verschleißspuren an der Krempe und die Ellbogen seines Mantels sind abgewetzt. Die einstigen Freunde und hilfsbereiten Bekannten, die Ladenbesitzer und Polizisten, denen er manchmal noch auf dem Weg durch die Stadt begegnet, grüßen ihn nur noch mit einem grummelnden Nicken bevor sie schnell zu Boden schauen oder eines anderen Weges gehen oder gar hinter vorgehaltener Hand zueinander sagen “Wie kann man nur so abstürzen?”.
Einzig die einstige Sekretärin von Jean und Jacques, Madame Veuve, die eine Mischung aus Sekretärin und bemutternder, für das Leibeswohl der Männer sorgenden Haushälterin und strenger Vertrauten war, ruft ihn ein Mal pro Woche an, um zu hören, wie es ihm ginge und ein Mal im Monat kommt sie mit Suppe und Kuchen an einem Sonntag vorbei. Dann beschwert sie sich über die Zustände in Jacques’ Detektei, die ihm gleichzeitig als Heim dient, denn beides kann er sich nicht leisten, schüttelt die Kissen auf dem alten Schlafsofa auf, wirft den Kessel auf den zwei Platten der kleinen Pantryküche an und öffnet die Fenster. Das Unterfangen die Bücher abzustauben gibt sie meist schnell auf. Und der zweite Vertraute, der geblieben ist, den Erfolg oder Misserfolg nur insofern interessieren, als dass davon die Mahlzeit abhängt, die ihm bereitet wird, ist der Kater Fidèle, dem weder die knarrenden Dielen noch der alte Ofen etwas ausmachen, solange sich Mäuse unter den Dielen befinden und der Ofen im Winter genug Wärme abgibt, dass er sich davor wärmen kann.
Als Jacques eines warmen Sommertages über einer haarsträubenden, von Fehlern und unlogischen Zusammenhängen wimmelnden Geschichte eines absoluten Amateurs brütete und Fidèle sich auf der Fensterbank die Sonne auf den schwarzen Pelz scheinen ließ, klopfte es plötzlich leise aber bestimmt an der Tür.
Der Detektiv und der Kater schauten sich überrascht an, nahmen an, es sei nur wieder ein Geräusch im Hausflur gewesen und neigten die Köpfe bald wieder, der eine zum Lesen, der andere zum Schlummern. Es klopfte erneut. Jacques hob den Kopf, räusperte sich und sagte “Herein!”.
Eine Dame um die fünfundvierzig öffnete die Tür und trat einen halben Schritt herein. Als Jacques gewahr wurde, dass es sich um eine Dame handelte, wuchtete er sich aus seinem Sessel und ging zügigen Schrittes auf die Tür zu, um sie der Dame vernünftig zu öffnen und sie zu dem Sessel auf der anderen Seite seines Schreibtisches zu geleiten. Denn, auch wenn seine Karriere nicht mehr den Glanz von einst aufweisen konnte, so konnte man ihm dennoch nicht nachsagen, er hätte seine Manieren verloren oder gar im wärmenden Wohl des Weins, den er abends ein bisschen zu gern zu sich nahm, ertränkt.
Er bot der Dame an, ihr den leichten braunen Sommermantel abzunehmen, doch sie sagte, sie behalte ihn lieber an. Also rückte er ihr den Sessel zurecht und sie nahm Platz. Er ging um den Schreibtisch herum zu seinem Sessel und ließ sich hineinfallen.
Dann saßen sie einige Minuten schweigend und einander musternd gegenüber.
Die Dame, die sich schließlich als Madame Anarique Sibylline vorstellte, war eine Frau mittleren Alters, mittlerer Statur, der gehobenen Mittelschicht. Das erkannte Jacques mit seinem über die Jahre geschulten Blick daran, dass sie Stil hatte, ihre Kleidung gepflegt und aufeinander abgestimmt war, aber das Leder ihrer Riemchenpumps an der Abrollstelle feine Brüche aufwies und der leichte Sommermantel, den sie trug, nicht aus den Kollektionen der aktuellen Saison stammen konnte. Sie trug ein beiges Kostüm mit einer braunen Bluse, deren helle Punkte das Beige des Kostüms widerspiegelten, eine Nylonstrumpfhose, die ihren Beinen gerade genug Bräune verlieh, um nicht künstlich zu wirken, champagnerfarbene Riemchenpumps und den Sommermantel, dessen Farbe dem Braun einer reifen Buchecker glich, dazu eine champagnerfarbene Lackhandtasche mittlerer Größe, die mit einer goldenen Schnalle schloß. Ihr Haar war von dunklem Braun, fast schwarz und mit leichtem Rotstich, gleich Mahagoni, ihre Haut glich den hellen Kieseln, die man an den Steinstränden des Südens betrachten und sammeln konnte und ihre Augen waren von sattem, lebendigem Grün.
Trotz ihres nicht mehr ganz so jungen Alters, deutete ihr Gesicht nur durch feine Linien um die Augen, an den Mundwinkeln und auf der Stirn auf ein Leben voll Lachen, Sorgen und dem üblichen Grübeln hin. Einzig ihre Hände verrieten etwas mehr, denn man konnte ihnen ansehen, dass ihre Hauptaufgabe nicht immer nur aus dem Fühlen exquisiter Stoffe, dem Halten eines Füllfederhalters und dem Tragen einer Handtasche bestanden haben muss. Sie war auf eine für Jacques ganz sonderbare Art und Weise faszinierend. Er konnte nicht bestimmen, ob er sie attraktiv fand oder nicht, aber sie war interessant und weckte seine Neugier.
Ihre waldgrünen Augen ruhten auf ihm, nachdem sie ebenfalls ihn sowie die Umgebung langsam und ruhig abgefahren und gemustert hatten, jedoch war weder ihrem Blick noch ihrem Gesicht das gefällte Urteil zu entlocken.
Schließlich räusperte er sich und fragte “Liebe Madame Sibylline, darf ich fragen, was Sie zu mir führt?”
Die Madame saß aufrecht, Füße parallel nebeneinander, Handtasche auf dem Schoß und den Griff mit beiden Händen umklammert. Nun beugte sie sich ein paar Zentimeter hervor und sagte “Sehen Sie, Monsieur Perdu, mir ist das Liebste und Teuerste abhanden gekommen, ich bin untröstlich und brauche Ihre Hilfe.”
“Mh”, machte Perdu, “ungewöhnlich.. mit Verlaub, Madame, Sie sehen nicht so aus, als kämen Sie aus dieser schäbigen Gegend hier. Ferner bezweifle ich, dass Sie sich nicht einen Detektiv mit ausgezeichneter Reputation in der Innenstadt leisten können. Wie sind Sie ausgerechnet auf mich gekommen?”
Madame Sibylline zog leicht die Augenbraue hoch und ein Hauch von einem Lächeln zuckte um einen ihrer Mundwinkel.
Der Betrug durch seinen Geschäftspartner und Freund hatte an Jacques Spuren hinterlassen, die sich trotz seiner ausgezeichneten Manieren an seinem sozialen Verhalten und seiner manchmal schroffen und direkten Art und Weise äußerten. Es schien die Dame nicht zu stören, sondern eher zu amüsieren.
“Sehen Sie, Monsieur, ich wiederhole, mir ist das Liebste und Teuerste abhanden gekommen. Und da interessiert es mich herzlich wenig, wen ich für teures Geld beauftragen könnte, wer die schickste Detektei am schönsten Platz der Stadt hat oder was die Leute über Sie sagen und wie lange Ihr letzter Fall her ist. Ich wollte den Besten. Deswegen bin ich hier.”
Jacques, sichtlich unbeeindruckt von dieser zwar durchaus überzeugenden, aber dennoch für seinen Geschmack etwas zu schmeichelhaften Aussage, zog eine Augenbraue hoch, schnaubte durch die Nase und verschränkte die Arme vor der Brust.
“Aha.”
“Außerdem kenne ich Madame Veuve, denn wir kaufen unser Gemüse auf demselben Wochenmarkt ein und ich halte sie für eine der aufrichtigsten und zuverlässigsten Personen und sie verlor nie auch nur ein einziges schlechtes Wort über Sie.”
Perdu lockerte seine verschränkten Arme ein wenig und atmete aus. Wenn diese Frau nun wirklich auf Empfehlung von Madame Veuve hier war, so war er es seiner ehemaligen Sekretärin schuldig, sich zumindest das Begehr dieser Dame anzuhören.
“Na gut”, sagte er, “Sie sagen also, Ihnen sei das Liebste und Teuerste abhanden gekommen. Worum handelt es sich denn?”
Madame Sibylline richtete sich etwas mehr auf, löste die Finger von der Handtasche und atmete tief ein.
“Mein Kanarienvogel Clandestine.”
Perdu dachte, er habe sich verhört, also fragte er “Wie bitte?”
Die Dame wiederholte ordnungsgemäß “Mein Kanarienvogel Clandestine.”
“Ist das ein Scherz?”
“Keineswegs.”
“Sie kommen den weiten Weg aus Ihrem Viertel unbegleitet in diese schäbige Gegend in mein Büro, um mich damit zu beauftragen einen Kanarienvogel für Sie zu finden?”
“So ist es.”, sagte Madame Sibylline, ruhig und mit aufrechter Ernsthaftigkeit.
“Sie hat den Verstand verloren.”, dachte Perdu. “Wenn ich Madame Veuve das nächste Mal sehe, haben wir beide definitiv ein Hühnchen miteinander zu rupfen. Oder einen anderen Vogel. Das soll wohl ein Scherz sein, den sie sich erlaubt, um sich für all ihre vergebenen Bemühungen und das Lamentieren über den Zustand meines Büros zu rächen. Na, sowas!”
“Sie belieben zu scherzen, Madame.”
“Gegen einen Spaß hier und da habe ich mit Sicherheit nichts einzuwenden, aber hiermit ist es mir absolut ernst, Monsieur.”
“Es tut mir sehr leid, ich denke, ich bin nicht der Richtige für diese Aufgabe.”
“Oh, ganz gewiß sind Sie das. Wollen Sie sich nicht erstmal alle Einzelheiten anhören, bevor Sie ablehnen?”
“Ich denke, ich habe genug gehört, merci, Madame.”
“Und könnten meine Anzahlung in diesem Umschlag und diese zwei Flaschen Bordeaux Sie nicht überzeugen, mir doch noch zuzuhören?”
Widerwillig, aber dennoch neugierig nahm Perdu den Umschlag entgegen, den die Frau ihm über den Tisch reichte und las das Etikett des Weins, den sie ihrer tiefen Manteltasche entnahm. Ausgezeichneter Jahrgang, beste Qualität, eine edle Rarität. Er öffnete den Umschlag und musste sich bemühen, den Mund wieder zu schließen. Wenn das die Anzahlung sein sollte, dann wäre das der lukrativste Auftrag seit Jahren.
Es widerstrebte ihm, den Auftrag einer offensichtlich Verrückten anzunehmen, aber dann blickte er sich um, sah das Schlafsofa mit der kaputten Sprungfeder, seinen abgewetzten Mantel an der Garderobe und schließlich Fidèle auf der Fensterbank, den guten, treuen Fidèle, der sich dringend ein großes, frisches Stück Fleisch vom Metzger verdient hatte. Er atmete erneut tief ein, schloß die Augen, atmete tief aus und als er die Augen öffnete und hinaufblickte, sagte er “Na gut, Madame, erzählen Sie mir von Ihrem Vogel Clandestine. Bitte beschreiben Sie mir alles so genau wie möglich, sodass ich mir ein Bild machen kann.”
Mit einem zufriedenen Lächeln rutschte Madame Sibylline etwas weiter nach vorn auf die Sesselkante und begann zu erzählen.
“Also, mein Kanarienvogel Clandestine ist mir das Wertvollste und Liebste. Er war ein Geschenk meines Mannes, Gott hab ihn selig, und er hat diesen Vogel geliebt. Er nahm mir das Versprechen ab, mich meinen Lebtag um Clandestine zu kümmern, ihn zu hüten wie meinen Augapfel und größte Sorgfalt walten zu lassen. Clandestine ist etwas ganz Besonderes. Jedes Lied, das dieser Vogel singt, malt Farben in die Luft und erfüllt sie mit einem Duft von Frühlingsgärten, zumindest, wenn es ein Chanson ist. Bei schwereren Liedern, die tief die Seele berühren, färbt sich alles in dunklem Purpur und die Luft riecht nach Weihrauch und Gewürzen ferner Länder. Sein Federkleid ist zitronengelb und schimmert im Sonnenlicht leicht golden.”
“Na wundervoll”, dachte Perdu, “die Dame ist zwar lieb und nett, aber in ihrem Oberstübchen sind nicht alle Tassen ordentlich sortiert.” Dann fühlte er erneut den dicken braunen Umschlag in seiner Hand und dachte an den lieben Fidèle und fragte “Und wie ist Ihnen Ihr geliebter Vogel abhanden gekommen?”
“Sehen Sie, weil ich meinem Mann versprochen habe, mich so gut um ihn zu kümmern, ließ ich von den besten Handwerkern der Stadt einen Käfig bauen, der das gesamte Erkerzimmer ausfüllt, sodass Clandestine viel Platz hat. Und jeder Teil des Käfigs wurde auf die Bedürfnisse des Vogels ausgelegt, einen Bereich zum Ruhen, einen mit Zweigen der edelsten Bäume bestückt und nur das beste Futter wird gereicht. Der Erker wird gut gehütet, nur unter Aufsicht werden die Fenster geöffnet und Unbefugte haben keinen Zutritt. Aber gestern Morgen ging ich, wie jeden Morgen, mit meinem Frühstück und dem für Clandestine ins Erkerzimmer, aber er war nicht da. Ich suchte alles ab, jede Ecke des Käfigs, in der er sich versteckt haben könnte, ich sang das Lied, auf dass er normalerweise antwortet, aber nichts. Ich untersuchte den Käfig, denn er war verschlossen und nirgends war ein Loch zu entdecken. Die Fenster waren verschlossen, es war mir unbegreiflich. Dennoch ließ ich die Köchin und ihre Gehilfin, den Gärtner und die Waschfrau nach meinem geliebten Kanarienvogel suchen. Ich selbst machte mich noch im Morgenmantel daran, das gesamte Haus und den Vorgarten abzusuchen, ich klingelte bei allen Nachbarn und fragte nach Clandestine, viele kamen heraus und halfen bei der Suche, aber ohne Erfolg. So kam ich zu dem Schluss, dass es sich nur um Diebstahl handeln kann! Jemand muss mir meinen geliebten Vogel gestohlen haben. Vielleicht hat jemand den Schlüssel des Käfigs entwendet und ihn in der Nacht gestohlen, den Schlüssel zurückgelegt, sodass niemand direkt auf einen Diebstahl käme. Es ist die einzige Schlussfolgerung, die ich ziehen kann. Jemand hat meinen geliebten Clandestine gestohlen! Ich bin untröstlich, Monsieur, ich brauche Ihre Hilfe.”
Perdu, der sein Kinn beim Zuhören in die Hand gestützt hatte, nickte und brummte ein “Mmmh.”
Nach einigen Minuten des Nachdenkens und Schweigens raffte er sich auf und erklärte der Dame, er müsse sich ein Bild der Lage machen und selbst den Ort begutachten, von dem der Vogel verschwunden sei. So beschlossen sie, dass Perdu am nächsten Morgen zu dem Haus der Madame Sibylline kommen würde, um alles in Augenschein zu nehmen. Beim Verabschieden wurde die Dame Fidèles gewahr und ihr sonst ruhiges Gesicht geriet für den Bruchteil einer Sekunde etwas aus der Fassung, bevor sie sich fing, die Hände Perdus in ihre beiden Hände nahm, ihm noch einmal herzlich dankte und dann zügigen Schrittes davonging.
Als Jacques die Tür schloss, kam er nicht umhin den Kopf zu schütteln. Gänzlich unbeeindruckt gähnte Fidèle auf der Fensterbank, streckte sich, nur um sich dann ein Mal um die eigene Achse zu drehen und wieder hinzulegen.
Auch wenn die Anzahlung ein verlockender Reiz war loszuziehen und die Zutaten für ein ausgewogenes Mahl zu besorgen, hielt Jacques sich zurück, denn er war sich noch nicht sicher, was es mit dieser Dame und ihrem Vogel auf sich hatte und es kam ihm äußerst suspekt vor. So begnügte er sich mit etwas Grießbrei und für den lieben Fidèle verlängerte er Milch mit Wasser und schlug ein Ei hinein. Doch dem Bordeaux konnte er nun doch nicht widerstehen und so gönnte er sich ein nicht zimperlich gefülltes Glas des blutroten, gegorenen Nektars.
Als er am nächsten Morgen erwachte, war Perdu wie benommen und versuchte sich zu sortieren. Mühsam rekapitulierte er den vergangenen Tag und zweifelte, ob er nicht geträumt habe. Aber dann sah er die geöffnete Flasche Bordeaux, das mit Weinresten benetzte Glas und den braunen Umschlag auf dem Tisch. Er schaute auf seine Armbanduhr, deren Lederband bereits Patina angesetzt hatte und mit Tintenflecken beschmutzt war. Zeit sich frisch zu machen und zu der Dame zu gehen. Als er den Mantel mit den abgewetzten Ellbogen und den Hut mit der verschlissenen Krempe von der Garderobe nahm, beauftrage er Fidèle, das Haus zu hüten und ging davon.
Eine Dreiviertelstunde Fußmarsch später erlangte er das Grundstück der Madame Sibylline, die ihn mit starkem Kaffee und etwas Gebäck bereits auf der Veranda erwartete. Nachdem er sich das Erkerzimmer mit der beachtlichen Voliere angeschaut und jeden Winkel des Zimmer untersucht hatte, schaute er sich im Rest des Hauses, auf dem Grundstück und in der Nachbarschaft um, befragte die Nachbarn und die Hausangestellten, aber außer einer Bestätigung der von der Madame bereits geschilderten Ereignisse, ergaben diese nichts Neues. Aber Perdu wäre nicht Perdu gewesen, wenn er nicht schon Ideen gehabt hätte, wo er suchen sollte. Auch wenn ihm die ganze Chose skurril und suspekt vorkam, so hatte er den Entschluss gefasst, seine alte Arbeitsmoral an den Tag zu legen und mit derselben Gewissenhaftigkeit zu arbeiten wie immer. Ob er nun einen Juwelendieb oder einen zitronengelben Kanarienvogel aufspüren müsse, es bliebe ja dennoch dieselbe Aufgabe. Außerdem zahlte die Dame gut und es war eine angenehme Abwechslung zu den haarsträubenden Hirngespinsten der amateurhaften Autoren, deren geistigen Ergüsse er sonst zu korrigieren pflegte.
Er bat Madame Sibylline, ihm vier Tage zu geben, danach würde er sich wieder bei ihr melden. Sie willigte ein.
Seine Strategie bestand darin, jeden Tag eine Himmelsrichtung nach dem Vogel abzusuchen.
Am ersten Tag verschlug es ihn in den Norden, denn er nahm an, der Vogel habe sich vielleicht zu den anderen Vögeln an der Küste gesellt, die vor ein paar Monaten aus dem Süden heimgekehrt waren und nun die Tage an der See genossen. Doch weder an den Klippen noch an den Dünen fand er einen zitronengelben Vogel.
Am zweiten Tag ging er gen Westen, wo die Zechen waren, denn er hatte die Vermutung, ein Minenarbeiter hätte den Vogel nehmen und als Arbeitstier versuchen können. Immerhin waren diese kleinen possierlichen Tierchen wahre Lebensretter unter Tage, auch wenn sie ihr eigenes dafür ließen. Und ganz seinem Arbeitsethos getreu, befragte Perdu nicht nur die Minenarbeiter, sondern stieg selbst einige Meter hinab, um die Vögel der Bergleute zu begutachten, aber keiner von ihnen war zitronengelb. Rußverschmutzt und erfolglos ging er heim.
Am dritten Tag machte er sich auf, um in den Süden der Stadt zu gehen, wo der größte und farbenprächtigste Wochenmarkt der ganzen Gegend stattfand, denn er dachte, vielleicht zögen die Wohlgerüche der Gewürzhändler und die farbenfrohen Stoffe der Tuchhändler das kleine Vögelchen in seinen Bann. So viel zitronengelb hatte Jacques wahrlich selten auf einen Haufen gesehen. Da gab es den Händler, der mit müden Fingern die saftigsten Zitronen und die rundesten Orangen darbot, die Tuchhändler, die Seide und Taft in allen Nuancen der Regenbogenfarben anpriesen und im Sonnenlicht schimmerten die Schmuckstücke der Juweliere in gold und bernsteinfarben und ja, auch in zitronengelb. Aber außer den Liedern der einheimischen Vögel, war kein zauberhafter Gesang zu hören, der von dem kleinen Vogel Clandestine stammen könnte. Erschöpft und müde durch den durch die Gerüche angeregten und dennoch leergebliebenen Magen, schleppte Perdu sich nach Hause und ließ sich missmutig auf das Sofa fallen.
“Ach, Fidèle, was soll ich nur tun? Da kommt nach Jahren ein Auftrag herein, ein verrückter, in der Tat, aber nun soll dies tatsächlich ein weiterer Misserfolg des Jacques Perdu werden?” Fidèle, der seinen Herrn sehr liebte, sprang vom Sessel und lief hinüber zu Jacques, um seine Beine zu umgarnen und ihn mit seinem sanften Schnurren zu beruhigen. Der müde Detektiv beugte sich hinab und streichelte den pechschwarzen Kater, bis dieser plötzlich den Kopf drehte und zur Eingangstür rannte, in die unten ein Gitter eingelassen war. Er musste eine Maus auf der anderen Seite gehört haben, denn er lauerte und spähte, bis er anfing an dem Gitter zu kratzen. Jacques ließ sich zurücksinken und beobachtete Fidèle in seinem sinnlosen Unterfangen.
Doch dann sprang er auf, riss den Kater von den Beinen und küsste ihn mehrmals und liebkoste ihn innig. “Fidèle, du bist ein Genie! Ich wollte morgen gen Osten gehen, auch wenn ich gar keine Idee hatte, wo genau ich suchen soll, aber nun hab ich’s! Heureka, du Teufelskerl! Natürlich! Clandestine kennt nichts anderes als den sicheren Käfig, wo sonst sollte der Vogel sich heimisch fühlen. Ach, Fidèle, wenn ich dich nicht hätte!” Der Kater, etwas verdutzt über den Ausbruch seines Herrn und gleichfalls in seiner Jagd gestört, versuchte sich aus dem Griff zu winden, um vielleicht dennoch ein Mäuschen zu erbeuten. Jacques ließ ihn hinab und goss sich freudvoll und voll Zuversicht ein Glas Wein ein.
Am nächsten Tag bedurfte es keines Weckers und keines starken Kaffees, um Perdu aus den Federn zu treiben. Noch bevor die Uhr sieben schlug, war er auf dem Weg gen Osten, wo der Stadtgarten mit den vielen Obstbäumen, den bunten Beeten und der riesigen Menagerie lag. Natürlich! Da hätte er auch selbst drauf kommen können! Auf dem Weg zum Stadtgarten, grad als er um die Ecke einer kleinen Seitenstraße bog, überkamen ihn Zweifel. Was, wenn er den Vogel auch dort nicht finden konnte? Welches waren seine anderen Möglichkeiten? Während er so grübelte und sich sein Schritt dabei verlangsamte, kam er an einer Bäckerei vorbei, aus deren Fenstern und Türen es herrlich duftete, doch bei all seiner Grübelei, riss es Perdu nicht aus seinen Gedanken.
Einzig dieser gelbe Farbklecks erhaschte seine Aufmerksamkeit, also hob er den Kopf. Doch als er sich umschaute, fiel nur grad die Tür der Bäckerei mit dem zarten Klingen des Türglöckchens ins Schloss. Er hätte schwören können, er habe eine Person in zitronengelber Kleidung gesehen. Aber vielleicht stieg ihm auch nur der Hunger zu Kopf. Er ging weiter auf dem Weg Richtung Stadtgarten und als er grad über die kleine Brücke über das Flüsschen, das das Zentrum vom östlichen Teil der Stadt trennte, gehen wollte, erhaschte er schon wieder im Augenwinkel eine Ahnung von etwas zitronengelbem. Schnell wandte er den Blick, aber schon wieder war er zu langsam.
Er schüttelte den Kopf und schritt über die kleine Brücke. Und da, gerade als er sich in der Mitte befand, dachte er, er traue seinen Augen nicht. Da, am anderen Ende der Brücke, da stand tatsächlich eine junge Frau in einem zitronengelben Kurzmantel. Nicht irgendein gelb, nicht das, welches gerade in Mode war und in jeder Boutique im Schaufenster zu sehen war. Nein, ganz und gar zitronengelb. Jacques war so perplex, dass er wie angewurzelt stehen blieb. Es war, als könne er sich nicht rühren.
Die junge Frau wirkte, als sei sie ebenfalls mitten in der Bewegung erstarrt und sie blickte erschrocken über die Schulter mitten in Perdus Gesicht, gerade so, als fühle sie sich ertappt und wisse nicht, was zu tun sei. Dieser unglaubliche Augenblick gab dem Detektiv einen Moment um die Frau zu beobachten. Sie war von mittlerer Größe, schlanker Figur, mit mahagonibraunen Haaren und einem Blick, der so anziehend war wie der Wald im Frühling.
Nachdem er sich gefasst hatte, machte Jacques einen Schritt nach vorn und die junge Frau begann zu rennen als hänge ihr Leben davon ab. Verständnislos über diese Situation, aber von Intuition und Reflex geprägt, begann Perdu zu rennen, so schnell es seine Beine zuließen. Er folgte der Frau, die sich flink und in einer Art Zickzack durch die engen Gassen der Oststadt bewegte. Einholen konnte er sie keinesfalls, das war ihm klar, aber er wollte sie unter keinen Umständen aus dem Blick verlieren. Er rannte was das Zeug hielt und fühlte sich fast beflügelt und so jung wie damals, als er jede Gasse wie seine Westentasche kannte und er ein erfolgsgekrönter Detektiv war. Kurz vor den Toren des Stadtgartens, durch die die junge Frau geschlüpft war, ging ihm dann doch die Puste aus und er musste sich am kalten Stahl des Tores abstützen und kurz verschnaufen. Da es allerdings nur einen Eingang, der gleichzeitig als Ausgang diente, gab, war er sich sicher, dass er die Frau finden würde, sobald er wieder zu Luft käme.
Als er hineinging, wand er vorsichtshalber unten am Eingangsgitter seinen Gürtel um das Tor, sodass die junge Frau ihm auf keinen Fall entwischen konnte. Er bewegte sich langsam und spähte umher. Die Farbenpracht irritierte seine Augen, eine Flut von Farben zog seinen Blick in alle Richtungen und er versuchte sich auf die Suche nach zitronengelb zu konzentrieren. Zwischen dem Grün der Bäume erhaschte er plötzlich eine schnelle Bewegung von etwas zitronengelbem, also schritt er rasch hinterher und folgte dieser Ahnung um die Ecke. Da lief sie, leichtfüßig und in dem ihm schon bekannten zickzackartigen Huschen, gleich einem Vögelchen, das sich durch die Lüfte schwingt. Er beschleunigte seinen Gang und als er merklich aufgeholt hatte, schaute die junge Frau reflexartig über die Schulter. Ihr Mahagonihaar wehte in der sanften Sommerbrise und ihre Waldaugen blickten ihn mit einer Mischung aus Scheu, Angst und Bestimmtheit an. Er wusste nicht, was in ihrem Blick lag, aber es war, als verlangsamte er seine Schritte für einige Sekunden.
Perdu musste blinzeln und nach diesem wortwörtlichen Augenblick war die Frau verschwunden.
Es war unmöglich! Wie konnte das sein? Vor einer Sekunde stand sie fast nur eine Armlänge von ihm entfernt vor ihm und nun war sie einfach verschwunden! Er blickte wild suchend umher. Und da, etwas weiter hinten auf der linken Seite, da erblickte er einen kleinen zitronengelben Fleck. Er ging näher. Ja, tatsächlich, da hinten, auf dem Zweig einer Rotbuche saß ein zitronengelber Kanarienvogel. Als er sich langsam näherte, begann der Vogel zu singen und die Melodie klang an Jacques’ Ohr. Mit jedem seiner Schritte wurde der Klang lauter. Ein wehmütiges Lied mit tiefen Tönen und einem tragischen Unterton, dessen Gefühl sich um die Glieder legte, ähnlich dem Gefühl, das sich nach den ersten paar Schlucken Bordeaux einstellt. Eine Melodie, die auf eigenartige Weise die Seele einzunehmen schien. Und plötzlich trug der Sommerwind den Geruch von Weihrauch und den Gewürzen ferner Länder. Und als Perdus langsame Schritte versuchten sich weiter ihrem Ziel zu nähern und den Vogel zu packen, ergriff dieser Geruch ihn und nahm ihn völlig ein und alles um ihn herum färbte sich in dunklem Purpur. Dann verlor er das Bewusstsein.

Blog-Einweihungsparty

norbert josefsson

Willkommen!

Schnappt euch was zu trinken, macht es euch gemütlich oder kommt zu mir auf die Tanzfläche und lasst uns feiern.
Das Sofa ist schon da, Dekoration ist noch nicht komplett fertig, Tisch und Stühle sind bestellt, aber noch nicht eingetroffen, also nehmt euch ein Kissen und macht es euch bequem in meinem neuen virtuellen Zuhause, meinem Ort der Kreativität.

So wie bei einer Einweihungsparty noch nicht alles 100% fertig und perfekt ist, so schmeiss ich heute diese Blog-Einweihungsparty, bei der der Rahmen steht, das neue Layout an die Wand gemalt ist, aber manche Details im Laufe der nächsten Wochen noch hinzu kommen oder wieder verworfen werden können.
Nichtsdestotrotz hoffe ich, dass es euch gefällt und ihr mich hier oft besuchen kommt.

Nach zwei Jahren des Nicht-Bloggens, mehreren Monaten der Planung von Layout, Struktur und Inhalten und dem Erstellen einer kompletten Strategie und eines Themenplans, schlafloser Nacht nach schlafloser Nacht, um hier voranzukommen, sind meine Finger noch voller Farbe, meine Haare sind eine Katastrophe und ich schwitze immer noch wie ein Tier.

Dennoch seht ihr mich heute mit einem Lächeln im Gesicht, denn es fühlt sich so unglaublich gut an, zurück zu sein.

Kommt mit auf einen kleinen “Rundgang” durch die Zimmer. – Jeder sollte wissen, wo das Klo ist und wo der Kühlschrank mit frischem Bier steht, oder? –
Also, oben findet ihr die verschiedenen Themen in den Reitern.
Das Portfolio gibt euch einen Einblick in mein Foto- und Videorepertoire.
Der About-Teil gibt euch Informationen über mich, diesen Blog und meine Arbeit.
Der Bereich Dienstleistungen gibt euch einen Überblick über die Dienstleistungen, die ich hier auf dieser Website anbiete, wie Modelling und Schreiben, mit den speziellen Angeboten zu Poesie & Prosa für besondere Anlässe und professionelles Storytelling.
Kontakt & Buchung ist selbsterklärend, denke ich.
Die Creative Chaos Wolke zeigt euch alle Kategorien, zu denen ihr hier Blogeinträge finden könnt, sodass ihr schnell zu den Themen gelangen könnt, die euch interessieren.

So, das war der schnelle Rundgang, ich hoffe, ihr findet euch zurecht.
Falls ihr noch Fragen habt, fragt mich, ich versuche ein guter Gastgeber zu sein.

Was ist für die nächsten Wochen geplant und wieso solltet ihr zurückkommen?
Ich habe hart und intensiv an einem Konzept gearbeitet und an Inhalten, die euch einen Mehrwert bieten und für euch von Interesse sein könnten.
Und das ist, was daraus geworden ist:
Ich blogge vier Mal im Monat, also einmal die Woche zu den verschiedenen Themenbereichen, in denen ich arbeite. Also ein Blogeintrag pro Woche ist das dann.
Was ihr also bekommen werdet, ist folgendes:
#modelmonday: Infos für Fotografen und Models, witzige Anekdoten, die ich in 10 Jahren vor der Kamera erlebt habe und sonstige Inhalte, die mit diesem Themenfeld verbunden sind.
#writerswednesday: Infos und Inhalte für Schreiber und Leser, Inspirationen, Impulse und Gedankenanstöße rund um das Thema Schreiben und Lesen.
#socialsaturday: Diverse Inhalte, die mit dem zwischenmenschlichen Miteinander, sozialen Phänomenen, Perspektiven, Fragen und Impulsen zu sozialen Themen verknüpft sind.
#sundaystory: Ja, die sundaystory ist zurück und wir werden wieder spielen. Falls ihr nicht wisst, was die sundaystory ist, klickt bitte hier. Ich werde die nächste Runde früh genug bekannt geben, aber das wird voraussichtlich nicht vor August sein, da ich zwei Lesern immer noch ihre sundaystories schulde.

Nach dieser Einweihungsfeier, auf der ihr euch in Ruhe umsehen könnt, und die neue Dekoration und die Möbel begutachten könnt, wird es ein Special auf dem Balkon, auch bekannt als Instagram, geben. Also geht auf jeden Fall meine Balkonpflanzen bewundern!
Außerdem werde ich euch in den Stories auf Instagram auch immer mal wieder mit hinter die Kulissen von kreativen Produktionen nehmen.
Das Special ist eine Fotoserie mit dazugehörigem Text, die ich vor einem Jahr mit Norbert Josefsson produziert habe und die für mich so besonders war, dass ich sie mir für einen besonderen Moment aufheben wollte.
Und ich denke, dieser Moment ist nun gekommen.
Also jeden Tag, angefangen am Freitag, den 15. Juni, wird es auf Instagram und Facebook ein Bild mit Text geben, was am Ende eine Serie mit sechs Bildern ergibt. Am Donnerstag, den 21. Juni wird es die komplette Serie hier auf dem Blog und auch auf Instagram zu sehen geben.

Nach dem Special starten wir mit der ersten sundaystory am 24. Juni, da es mittlerweile schon zwei Jahre sind, dass ich diese schuldig bin.
Ich hoffe, ihr lieben Leser seid noch da und werdet sie lesen.

Puh, so nach dem organisatorischen Part kommen wir nun zu der obligatorischen Rede, die ich in so einem Moment halten sollte, bevor jeder wie verrückt die Korken knallen lässt. – oder zumindest ist das das, was ich tun werde –.
Ähem, pling pling, sehr geehrte Damen und Herren, dürfte ich für einen Augenblick eure Aufmerksamkeit haben, bitte: (holt euch lieber noch n Kurzen und n Bier, das hier kann länger dauern – oder überspringt einfach den kursiv geschriebenen Teil – der Vorteil virtuell und nicht in Realität hier zu sein)

Danke, dass ihr heute Abend hier seid, dass ihr diesen besonderen Moment mit mir teilt, dass ihr euch Zeit aus eurem vollen Tag genommen habt, um mit mir zu feiern.
Ich möchte mich gern bei den ganzen Followern hier auf WordPress bedanken, die hier geblieben sind, obwohl ich zwei Jahre nicht gebloggt habe, was in der heutigen Zeit eine wahre Ewigkeit ist.
Auch möchte ich mich bei den Instagram-Followern bedanken, die geblieben sind und nicht entfolgt sind, obwohl ich zeitweise sechs Monate nichts gepostet habe, was quasi einem Social Media Selbstmord gleichkommt.
Ich möchte mich bei der ganzen virtuellen Community für die Unterstützung und die Geduld bedanken.

Vor allem aber möchte ich den Leuten, allen voran meinen engsten Freunden, danken, die mir virtuell und im realen Leben ihre positive Energie und Worte gesendet haben, die mich ermutigt haben dranzubleiben, die immer wieder unnachgiebig nach meiner Arbeit, meiner Kunst, meinem Blog, meiner Poesie gefragt haben, die ihre Zeit und Energie investiert haben, um mir Tipps und Tricks zu nennen, Ratschläge und Wissen über Social Media mit mir zu teilen, die mir Input und Impulse für neue Inhalte gegeben haben, die geduldig mit mir waren, wenn ich nach Ratschlägen und Rückmeldungen gefragt habe und die liebe- und verständnisvoll waren, wenn ich “Nein” zu Events sagen und stattdessen arbeiten musste, die ihre kraftvolle positive Energie mit mir geteilt haben und die mich wissentlich oder unwissentlich inspiriert und motiviert haben.

Ohne euch alle, eure Geduld und Unterstützung, würden wir heute wahrscheinlich nicht feiern.
Es war keine leichte Zeit und Aufgabe, aber nun sind wir hier und ich erhebe mein Glas auf euch.
Ich bin unendlich dankbar.

martin zethoff

Nun genug des Geredes und genießt eure Zeit hier, ich hoffe, ihr bleibt noch ein Weilchen und kommt oft wieder.
Falls ihr noch Fragen habt, meldet euch.

xxx
Gina.

Spiegelwahn

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Photo & Editing: Ralph Wietek

Passend zum bevorstehenden Halloween mal etwas unheimlicheres 😉

Spiegelwahn

Das Unheimliche. Etwas, das sich nicht mehr heimlich, heimelig, wie ein Heim anfühlt. Das Andere. Und doch ist es in meinem Heim. Soll eigentlich ein Abbild meiner Selbst und nicht des Anderen sein.
Es ist dunkel und still, ich bin allein. Die vertrauten Geräusche verdumpfen und zurück bleibt Stille. Während ich umherstreife und nach etwas Vertrautem suche, klingt sogar das Geräusch meiner Füße auf den alten Holzdielen fremd. Ich betätige den Lichtschalter und erschrecke. Was ich dort sehe, sollte vertraut sein, bekannt sein, doch es fürchtet mich. Als könne dieses vermeintliche Abbild meiner Selbst plötzlich ein Eigenleben entwickeln, sich in die andere Richtung drehen, mir gar zuzwinkern! Wie in dem Albtraum Jahre zuvor, in dem diese Person, gefangen hinter modelliertem Glas, mich aus fremden grünen Augen anschaute, mich anlachte oder gar auslachte, mir zuzwinkerte und die Zunge rausstreckte und es war niemand da, der mir hätte helfen können, nichts Vertrautes, das diese Person wieder in ihre Schranken hätte weisen können. Die Welt schlief. Und ich war allein mit diesem Fremden.
Ich schüttele den Kopf und schleiche ins Bad, kaltes Wasser sollte die Sinne wieder befreien.
Doch als ich nach dem Abtrocknen vom Handtuch aufschaue, ist sie wieder da, die fremde Person. Ich versuche Kontrolle zurückzugewinnen, indem ich sie zwinge, das zu tun, das wiederzugeben, was ich tu. Ich verziehe das Gesicht, sie auch. Ich lache und grinse, doch was mich da zurück anlacht, oder besser gesagt manisch angrinst, das bin nicht ich! Das kann ich nicht sein! Will ich nicht sein! Und ein Gefühl, das ewig nicht mehr bei mir war, kriecht erst langsam und dann rapide in mir hoch und legt sich schwer auf meine Brust: Furcht.
Ich fürchte mich, dass es mir Angst und Bange wird, ich kann kaum atmen. Ich bin allein. Kann nicht bitte jemand kommen und diesem Spiegelwahn ein Ende bereiten?
Die Furcht wird ärger. Selbst als ich mich vom gerahmten Glas abwende, ist es, als sei diese fremde Person da, als sei ich nicht mehr da. Ich versuche mich selbst zu ertasten, zu erfühlen, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen und mir klarzumachen, dass ich noch da bin und dass ich stärker bin als die Fremde. Doch ich fühle mich nicht, ich bin nicht da.
Furcht lähmt. Und wie paralysiert wage ich jeden Schritt nur langsam durch die wabernde und omnipräsente Ungewissheit.
Endlich! Ein vertrautes Knirschen und Knacken vor der Tür, ein Schlüssel, ein Quietschen. Ich bin nicht mehr allein.
Für einen Moment werden meine Fingerspitzen wieder etwas wärmer und ich beschließe dem ganzen ein Ende zu setzen, indem ich ins Bett gehe. Morgen wird es schon besser werden.
Ein letzter zögernder Blick über die Schulter. Es schaut zurück. Bewegt sich ihr Mundwinkel? Bewegt sich meiner? Lächel ich?
Ich ertaste mein Gesicht, doch meine Fingerspitzen und mein Gesicht fühlen sich fremd an. Nichts ist mehr vertraut.
Es ist unheimlich.

Gina Laventura © 2014

Dusche

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Photo & Edtiing: GOTOX, 2011

Heute ein Ergebnis einer Schreibaufgabe, die ich mal im Zuge einer meiner Kurse machen musste. (Dies hier ist nur die Übersetzung, da das Original auf englisch verfasst wurde und bis heute unübersetzt blieb)
Die Aufgabe war Folgende: Normalerweise dosiert man Adjektive und Vergleiche eher vorsichtig, genau wie Stereotypen, aber diesmal sollten wir an etwas denken, das wir an dem Tag gemacht haben und es mit irgendwas vergleichen und viele Adjektive benutzen, wirklich übertreiben. Übertreibung hilft eine Achtsamkeit gegenüber Stilmitteln zu entwickeln.

Dusche

Heute morgen stand ich auf und mein Rücken schmerzte wie die Hölle. Ich fühlte mich, als sei ich von einem Lastwagen überfahren worden.
Ich wusste, dass die einzig mögliche Schmerzlinderung, die ich bekommen konnte, eine heiße Dusche war, also nahm ich mein Handtuch und meine Peeling-Handschuhe, die mich an Gänsehaut auf einem Körper erinnern, wenn ich sie berühre und öffnete meine Tür, die ein ähnlich schrilles Kreischen von sich gab wie ich selbst, nachdem ich den heftigen Schmerz in meinem Rücken bemerkte. Ich lief auf Zehenspitzen über den blauen Teppich, der mir meinen Weg zur Dusche von einem Ende des Korridors zum anderen wies, ganz so, wie dieser Tunnelblick, den Menschen haben bevor sie sterben. Ich konnte sogar das weiße Licht am Ende des Korridors sehen. Während ich auf Zehenspitzen lief, kitzelte der blaue Teppich meine Füße und es fühlte sich so gemütlich an wie das Gras aus meinen Kindertagen, als ich über das Grün unseres Gartens rannte.
Als ich endlich die Badezimmertür erreichte, öffnete ich sie so leise wie ich nur konnte um nicht wieder an das schrille Geräusch erinnert zu werden. Ich betrat den Duschraum und schloss die Tür, hing mein Handtuch über die Türklinke und begann mich auszuziehen wie in Slow-Motion. Auch wenn es sich für mich anfühlte, als bewege ich mich wie eine alte Frau, die an einer schweren Krankheit litt, stellte ich mir vor, dass ich mich mit einer attraktiven Langsamkeit auszog als wäre ich dabei, jemanden mit diesem Striptease zu verführen. Ich ließ meine Kleidung fallen wie der Baum die Blätter im Herbst und betrat die Dusche. Dann schloss ich die Duschtür und auch wenn dieser Duschraum eher an eine Zelle in einer psychiatrischen Klinik erinnert und ganz sicher nicht für Klaustrophobiker geeignet ist, fühlte ich mich beschützt wie eine Perle in ihrer Muschel.
Ich stellte das warme Wasser an und ließ es über meinen schmerzenden Körper laufen, steckte meine Arme und griff nach dem oberen Ende der Duschtür und stand nun in einer Position da, die mich an eine willkürliche SM-Geschichte erinnerte, in der das Opfer gefesselt und hochgebunden ist, kurz bevor es ausgepeitscht wird.

Gina Laventura © 2012

witzige Anekdote: Ich las diese Geschichte laut im Kurs vor und mein Dozent sagte “Also, deine Geschichte scheint zu funktionieren, denn alle Jungs, je weiter du vorgelesen hast, sind errötet und haben angefangen ihre Füße anzustarren.”

Kreativ bleiben Tipp #2

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Photo & Editing: Ralph Wietek

Setzt euch in ein Café und beobachtet die Umgebung und die Leute!

Und damit mein ich nicht unbedingt, trefft euch mit Freunden in einem Café, sondern nehmt euch wirklich ein wenig Zeit und geht allein in ein Café, ordert euer Lieblingsgetränk und vielleicht ein Stück Kuchen oder dergleichen und schaut euch um.
Lasst die Umgebung auf euch wirken und schaut euch die Menschen an.
Was eine Freundin und ich früher gemacht haben war Folgendes: Wir haben uns gemeinsam in ein Café gesetzt (da war es Sommer und wir konnten draußen sitzen, aber es funktioniert ebenso gut wenn man drinnen sitzt und nach draußen schauen kann). Die Passanten, die vorbeiliefen inspirierten uns und wenn dann zum Beispiel ein Pärchen vollbepackt mit Tüten und mit missmutigen Gesichtsausdrücken vorbeistapfte, sagte eine von uns “Okay, ich bin der Mann, du nimmst die Frau!” und dann fingen wir an, die Passanten zu synchronisieren. Die hanebüchensten und lustigsten Dialoge sind dabei entstanden, die oftmals so fernab dessen gewesen sein mussten, was diese Leute wirklich besprachen, aber es war ein absolut amüsanter Zeitvertreib. (den ich sogar gelegentlich gern wiederholen würde^^)
Diesem Zeitvertreib liegt vermutlich ein ähnliches Prinzip zugrunde wie dem Improvisationstheater, da man alle Gesichtsausdrücke, Bewegungen und “Plot-Twists” mit einbauen musste, in das, was man da fabrizierte. Aber es funktioniert auch ohne eine zweite Partei, mit der man lustige Konversationen spinnen kann.
Aber sich zu überlegen, was diese Menschen wohl denken, was sie gerade tun, woher sie kommen, wohin sie gehen, kann durchaus die Basis für eine gute Geschichte liefern. Ebenso wie die ganze Stimmung der Umgebung dazu beitragen kann.
Gerade jetzt in der Weihnachtshektik die Leute zu beobachten, während man selbst gemütlich im Café sitzt, kann interessant sein. Sich im Sommer mit einer Decke in den Park setzen ebenfalls. Es muss natürlich nicht zwangsläufig ein Café sein, das versteht sich von selbst.
Ich spazierte mal durch einen Park und machte eine kleine Pause auf einer Bank und schaute mich um. Dort sah ich einen Mann auf seinem Fahrrad, der sowohl hinten als auch vorne einen Sitz samt Kind mit sich spazieren fuhr, ein verliebtes Pärchen in ihren Vierzigern, ein junges Pärchen, das eine Auseinandersetzung hatte in einer fremden Sprache, an einen Baum gelehnt einen jungen dunkelhaarigen Mann, der seine Freundin mit gelbem Kopftuch verliebt anschaute, während sie eine SMS in ihr Handy tippte bevor sie sich ihm wieder zuwandte, eine Oma, die mit ihren Enkeln spazieren ging, eine englischsprachige schwangere Frau, die mit ihrem Töchterchen spazieren ging, das ganz aufgeregt umhersah bis sie ihren Vater in einer auf sie zusteuernden Menschenmasse ausfindig machte und dann Anlauf nahm und mit einem langgezogenen “Daddy” auf ihn zurannte und er es hochnahm. Alles Basis für Geschichten, vor allem wenn man den Fokus auf Ähnlichkeiten, Unterschiede und Gemeinsamkeiten legt, denn alles was ich sehen konnte war nur eins: Liebe. Egal in welcher Form, die Menschen waren unterschiedlichen Aussehens, unterschiedlicher Altersklassen, sprachen unterschiedliche Sprachen, waren unterschiedlicher Herkunft und die Beziehung zwischen ihnen war unterschiedlich, aber eins hatten sie gemeinsam: die zugrundeliegende gemeinsame emotionale Verbindung.
Wenn das mal keinen Boden für eine Geschichte bietet!
Und selbst wenn ihr euch gemeinsam mit jemandem irgendwo hinsetzt und ihr beide das gleiche seht, so werden eure Geschichten, die ihr nachher schreibt trotzdem nicht die gleichen sein.
Und das macht es spannend und aufregend und so enorm inspirativ.
Also kann ich euch nur ans Herz legen, es mal auszuprobieren, selbst wenn ihr keine Geschichten schreibt, sondern ein anderes kreatives Ansinnen verfolgt, sei es nun Malen, Zeichnen, Musik, Fotografie, Schreiben von Kurzgeschichten, Gedichten, Büchern, TV-Formaten, Kurzfilmen, Spielfilmen oder sonst etwas, was mir ad hoc nicht eingefallen ist, ich halte es für eine wunderbare Methode in Bewegung und kreativ zu bleiben.
Sei kreativ. Sei du selbst.

FAQ Freitag: Über autobiographische Bezüge

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Photo & Editing: GOTOX, 2011

Zugegeben, es ist nicht immer leicht, Autor und Werk zu separieren.
Wie oft ist es mir selbst passiert, dass ich für das Literaturstudium Bücher oder Kurzgeschichten lesen musste und ich mich während des Lesens fragte, was zum Kuckuck der Autor wohl zum Frühstück zu sich genommen haben mag, dass er etwas derartiges produziert.
Dementsprechend kann ich es absolut nachvollziehen, dass es einem als Leser schwer fällt, das Werk losgelöst vom Autor zu betrachten.

Wie Fabio Volo in seinem Roman Zeit für mich und Zeit für dich es so schön auf Seite 51 beschreibt:
“Ideen klauen gehört irgendwie zur kreativen Arbeit dazu. Nicola und ich tun das auch. Man klaut aus Filmen, Songs und Gesprächen, die man in der Schlange vor der Supermarktkasse oder im Zug belauscht hat. Wie Vampire saugen die Kreativen alles aus, was ihren Weg kreuzt. Sie schnappen irgendein Wort, einen Satz oder einen Gedanken auf, plötzlich geht ihnen ein Licht auf, und sie wissen: Das ist es, wonach sie die ganze Zeit gesucht haben. Und dabei ist es ihnen nicht mal bewusst, dass sie etwas stehlen. Sie glauben, alles stände zu ihrer freien Verfügung. Darum sind die Worte von Jim Jarmusch die Bibel der Kreativen: ‘Entscheidend ist nicht, woher man die Dinge nimmt, sondern was man daraus macht.'”

Ganz so schlimm, wie er es beschreibt, ist es dann vielleicht doch nicht, oder vielleicht schon, ich weiss es nicht. Aber ich stimme schon zu, dass man Dinge aufschnappt oder nichtsahnend am Bahnsteig steht und plötzlich sieht man eine Bewegung, hört einen Satz, sieht ein Lächeln oder sonst was und da ist er, schnapp!, der Moment, den man brauchte und dann läuft es plötzlich, wie von allein, es spinnt sich weiter, manchmal so schnell, dass man gar nicht fix genug Zettel und Stift zur Hand haben kann. Und in anderen Momenten schnappt man es auf und legt es wohlgehütet in ein Kästchen und man denkt “Du wirst ein Mal Teil einer Geschichte, aber noch fehlt etwas.” und irgendwann kommt der nächste Aspekt und Stückchen für Stückchen setzt es sich wie ein Puzzle zusammen und es muss ein wenig köcheln, bis es gar ist, bis es reif ist und dann plötzlich weiss man, nun ist der Moment gekommen, nun kann und will die Geschichte geschrieben werden. Und das kann auch mal ohne Weiteres unter der Woche nach Mitternacht im Halbschlaf passieren und es bleibt einem nichts anderes übrig, als aufzustehen und das zu tun, was verlangt wird.
Dementsprechend: Nicht jede Konversation, die in meinen Geschichten gesprochen wird, hat wirklich stattgefunden. Vielleicht hat sie das, irgendwo, weit weit weg, aber ich meine, ich muss sie nicht selbst erlebt haben. Natürlich, alles, alles hilft, manchmal ist es etwas von dem eine Freundin mir erzählt, oder ein Freund, manchmal sind es Ansätze, die aus anderen Texten stammen, die ich gelesen habe gemischt mit einem Wort aus einem Film, das meine kreative Maschinerie angeheizt hat. Manchmal ist es pures Gedankenspiel und beruht weder auf etwas, das ich, noch auf etwas, das irgendjemand, den ich kenne, erlebt hat. Ich will nicht leugnen, dass hier und da mal ein Satz fallen kann, den ich selbst gehört oder gar selbst gesprochen habe.
Also wenn ich nur für meine Texte sprechen muss, dann: Ja, ja, man findet mein Herzblut, meine schlaflosen Nächte, die Wortspiele, die mir unerwartet in kuriosen Augenblicken durch den Kopf schießen, meine Zeit, meine Energie, meinen Schweiß, meine Liebe, meine Verzweiflung ob der Schwierigkeit für das, was man ausdrücken will, die richtigen Worte zu finden, ja einen Teil von mir darin.
Aber: Meine Texte sind nicht mein Leben! Das, was ihr lest, ist keine eins-zu-eins Konservierung und Dokumentation meines eigenen Lebens.
Natürlich gibt es Texte, gerade hier auf dem Blog, die persönlicher sind, wie dieser hier, oder wie “Tiswitis“, aber auch hierbei handelt es sich nicht um eine pure autobiographische Dokumentation meiner eigenen Erlebnisse, sondern eine Portion eigener Erlebnisse und Emotionen und Gedanken werden wie Sahne unter fiktive Elemente gehoben und behutsam umgerührt.
Aber ich schreibe weder zur Selbst-Therapie (was mir mal in charmantem Ton vorgeworfen wurde), noch um mein eigenes Leben minuziös festzuhalten (dazu gibt es Tagebücher). Ich will gar nicht, dass der Leser mich in den Seiten und zwischen den Zeilen und in den Buchstaben findet. Vielmehr wünsche ich mir, dass er sich selbst dort finden kann, oder etwas, das ihm vielleicht auf einer beschwerlichen Reise als Stütze dienen kann, etwas das ihm Trost spendet in traurigen Zeiten, etwas das ihm Freude bereitet an einem düsteren Tag, etwas, das ihm vielleicht auch einfach nur kurzweilige Unterhaltung beschert, etwas das ihn bewegt, berührt, ja vielleicht sogar inspiriert.
Zumindest ist das mein Wunsch, wenn es um die Frage geht, was ich mir erhoffe, was der Leser in meinen Texten findet.

Wer kurzweiliges und ein wenig anzügliches Entertainment mit dem Hintergrund der Frage zu autobiographischen Bezügen in Texten lesen möchte, dem lege ich meine Story “Sex sells” ans Herz, die mit ein wenig Humor und Sarkasmus, genau in diese Richtung deutet. Allerdings existiert dieser Text bisher nur auf englisch.

Kreativ bleiben Tipp #3

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Haltet Ordnung an eurem Arbeitsplatz!

Klingt logisch, ist auch so.
So viel Chaos, wie man manchmal im Kopf haben kann, ist es fast unerlässlich, außen Ordnung zu halten um sich dann dem inneren Chaos widmen zu können und dieses in Ordnung zu bringen.
Ich habe auch schon von Menschen gehört, es mache ihnen nichts aus, wenn es unordentlich ist, oder die sogar behaupten, sie bräuchten das Chaos.
Und ich rede ja auch nicht von übertriebener Pedanterie und einem Ort, wo alles im 90-Grad-Winkel zueinander steht und es sich steril und leblos anfühlt, aber ich persönlich empfinde ein gewisses Maß an Ordnung als sehr zuträglich für die Kreativität.
Ob es dann auch wirklich klappt, oder nicht, ist eine andere Sache.
Und das heißt natürlich auch nicht, dass man im Chaos nicht kreativ sein kann.
Aber äußere Ordnung kann dabei helfen sich an die innere Ordnung zu begeben.

#tbt Große Liebe, kleines Herz

#tbt
Heute mal ein Gedicht noch aus Schulzeiten.


Photo, Editing & MUA: J.|B.|P.

Große Liebe, kleines Herz

Große Liebe
kleines Herz
kleine Gesten
großer Schmerz.
Der großen Liebe
kleiner Gesten,
die zuletzt das Herz verpesten,
zu großer Schmerz
für das kleine Herz.
Das kleine Herz,
das so groß liebt,
für dessen Schmerz
es keine Gesten gibt.
Kleine Gesten
werden zu großem Schmerz,
die große Liebe
zerreißt das kleine Herz.
Große Liebe,
die in kleinen Gesten versinkt
bis zuletzt das kleine Herz
in großem Schmerz ertrinkt.

Gina Laventura © 2006

Willkommen bei dem Relaunch meines Blogs!

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Meine Lieben,

herzlich willkommen auf ginalaventura.com.
So wie es manchmal Zeit ist zuhause aufzuräumen, auszumisten, umzudekorieren oder zu renovieren, so ist das auch in dem virtuellen Raum, den man sein Eigen nennt, ab und zu der Fall.
Deshalb begrüße ich euch heute auf meinem frisch renovierten, dekorierten und umstrukturierten Blog.
Es ist vielleicht noch nicht alles perfekt und bis ins kleinste Detail optimiert, aber Einzugsfeiern schmeißt man ja schließlich auch, obwohl irgendwo noch eine Kiste rumsteht oder ein Bild noch nicht an der Wand hängt, nicht wahr?
Also, was ist alles neu?
* zum Einen ist das Layout ein anderes
* zum Anderen ist der Aufbau strukturierter, sodass ihr nun unter den Reitern im Header, die auf englisch sind immer die Seite auch nochmal auf deutsch findet
* in den englischen Beiträgen selbst findet ihr zu Beginn den Vermerk “dieser Eintrag ist auch auf Deutsch verfügbar”, inklusive Link, sodass ihr bei Interesse den Beitrag auch auf deutsch lesen könnt (wobei nicht alle Einträge bilingual verfügbar sind, manche sind auch nur auf englisch oder nur auf deutsch verfügbar)
* generell sind mehr Verlinkungen eingefügt, sodass wenn ich in einem Beitrag oder auch auf einer Seite Bezug auf etwas nehme, ihr schnell dorthin gelangen könnt
* des Weiteren gibt es nun Einblicke in mein Model-Portfolio und eine gesonderte Seite für Videos/Filme, in denen ich mitspiele oder an denen ich mitgewirkt habe

Diejenigen von euch, die mir schon länger folgen, wissen, wie der Blog aussah, als ich ihn im September 2013 gestartet habe und ihr kennt auch bereits einige der Einträge und das Prinzip der sundaystory.
* Natürlich habe ich alle alten Beiträge konserviert und nicht endgültig gelöscht
* Dennoch habe ich beschlossen, jetzt bei dem Relaunch neue Texte und Ideen, die ich für euch vorbereitet habe, mit alten Texten, die ihr vielleicht schon kennt, zu mischen, sodass für jeden was dabei ist, für die neuen Leser sowie die, die schon länger mit dabei sind

Ich hoffe, euch gefällt das neue Layout und die neue Struktur und dass ihr es weiterhin – oder vielleicht nun noch mehr – genießt hier vorbeizuschauen.

Aber um den Relaunch gebührend zu feiern, hab ich mir noch etwas anderes für euch überlegt:
Ich verlose 3x Labelled Love als Taschenbuch + eine kleine Überraschung.

Was ihr dafür tun müsst?
Schreibt bis zum 30.8. hier in die Kommentare, warum ihr das Buch gewinnen solltet.
Die Gewinner werden ausgelost und bis zum 5.9. bekannt gegeben.

Schaut euch um, macht es euch gemütlich und ich wünsche euch viel Freude beim Lesen und Rumstöbern.

Sei kreativ. Sei du selbst.

Gina.

#sundaystory: Was ist die sundaystory?

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Es ist ein Spiel.

So funktioniert’s:
Ihr gebt mir grundlegende Informationen und ich schreibe eine Geschichte für euch.

Ihr gebt mir die folgenden Informationen hier in den Kommentaren oder auf Facebook:
a) Sprache: Entweder deutsch oder englisch
b) 1 Stichwort, das als Thema dient
c) 3 weitere Stichwörter, die im Text vorkommen müssen
d) Stimmung (lustig, melancholisch, traurig, sarkastisch, anzüglich…)

Es gibt eine Deadline für eure Vorschläge, dann lose ich aus, an welchem Vorschlag ich arbeiten werde und an einem der darauf folgenden Sonntage veröffentliche ich die Geschichte auf meinem Blog und widme sie euch.

Bisher habe ich dies einige Male gemacht und es schien gut angekommen zu sein. Also wird dieses Spiel höchstwahrscheinlich in regelmäßigen Abständen stattfinden.