#sundaystory: Fotograf

#sundaystory: Fotograf

Für Norbert Josefsson
Die vorgegebenen Elemente waren:
a) Deutsch
b) Fotograf
c) Sonne, Tod, Theater
d) dramatisch

Es war ein heißer Tag. Die Sonne brannte unerbittlich und jeder von seiner Stirn fallende Schweißtropfen verdunstete sofort auf dem Asphalt.
Er hatte sich dazu hinreißen lassen, die Vorbereitungen für das Fest auf dem Vorplatz des Theaters fotografisch festzuhalten, damit es beworben werden konnte und hoffentlich dementsprechend viel Zulauf erhalten würde. Überredet dazu hatte ihn die nicht mehr ganz so junge, aber junggebliebene Hauptdarstellerin des neuen Stücks, das am Vorabend der Festeröffnung Premiere feierte. Raffaela war nach ihrer Ausbildung in der Gegend über Umwege und viele Serpentinen auf ihrem Lebensweg zu einer doch relativ bekannten Größe im Theater aufgestiegen und kehrte nun an ihren ersten Spielort zurück.
Er, seines Zeichens gelernter Fotograf, hatte Raffaela zu Beginn ihrer Karriere in der Umkleide eines kleinen Hinterhoftheaters kennengelernt, als er zum Zwecke der Erstellung einer Fotomappe für seine Abschlussarbeit die ungeschminkte Wahrheit portraitieren wollte. Damals noch mit einer Tasche voller Filmrollen bewaffnet und Tagen, die in der Dunkelkammer zu nächtlichen Gleichnissen verschwammen, hatte er sich mit der ausdrucks- und willensstarken Künstlerin in der Umkleide nach der Vorführung bei starkem Tee mit süßer Milch angefreundet und sie hatten noch stundenlang bis spät in die Nacht geredet.
Die daraus erwachsene Freundschaft hielt nun schon mehr als 30 Jahre an und hatte geographische Distanzen und verschiedene Lebenswege durchstanden. Auch wenn sie sich manchmal jahrelang nicht sahen, stellten sie immer sicher, sich Briefe und Postkarten zu schreiben. Noch heute, nach all den Jahren, zierten viele bunte Ansichtskarten von allen Spielstätten, die Raffaela mit ihrem Ensemble bespielt hatte, seinen Kühlschrank. Und noch heute, nach all den Jahren, befand sich auf Raffaelas schnörkelverzierter Schminkkommode eine mit Muscheln und Perlen besetzte Holzbox, in der sie all seine Briefe und Karten aufhob. Hin und wieder, während der präzise gezogene Lidstrich auf einem Auge noch trocknen musste, nahm sie willkürlich einen Brief oder eine Karte aus der Box und las mit dem geöffneten Auge die Zeilen, die sich vor ihr wie ein Band der vergangenen Jahre zu einer Perlenkette aufreihten und manches Mal musste sie schmunzeln. Weinen wäre auch undenkbar gewesen, immerhin hätte dies verheerende Auswirkungen auf das Make-up gehabt. Dann küsste sie die Karte oder den Brief mit den Lippen, auf denen sich der frisch aufgetragene und noch nicht getrocknete Lippenstift befand und legte sie zurück in die Box.
Wenn es ihnen möglich war, hatte sie seine Ausstellungen und Veranstaltungen und er sie an ihren Spielstätten besucht.
Nie ohne diese Begegnungen fotografisch festzuhalten, nie ohne starken Tee mit süßer Milch als Abschluss eines außergewöhnlichen, von Lachen erfülltem Abend.
Und nun trafen sie sich wieder. Das letzte Treffen musste mittlerweile fünf Jahre her sein, eine lange Zeit, die sich bei der Verbindung der beiden und durch den Briefkontakt jedoch nie nach einer Ewigkeit anfühlte.
Sie trafen sich vor dem Seiteneingang des Theaters, der hinunter zu den Umkleideräumen der Darsteller führte. Während er über den Vorplatz schlenderte und die sengende Sonne die Luft vor seinen Augen zum Flimmern brachte, konnte er schon ihr altbekanntes breites Lächeln ausmachen. Das einzig wahre Lächeln, das Lächeln, das anders war als jenes, das sie auf der Bühne und in Interviews und bei Fotoshootings zur Schau stellte. Das Lächeln, das er manches Mal sogar bei ihren gemeinsamen Tagen geschafft hatte fotografisch für die Ewigkeit einzufangen. Auch wenn sie es hasste und ihm drohte die Fotos zu zerreissen.
Sie empfing ihn mit einer überschwänglichen Umarmung und er drückte sie und hob sie hoch, sodass ihre Füße ein paar Zentimeter über dem Boden baumelten. Alles wie immer.
Gemeinsam stiegen sie hinab in den wohltuend kühlen Keller und steuerten ihre Umkleide an. Ihr Lachen hallte von den Wänden zurück und die Freude über das Wiedersehen erfüllte den Gang. Als sie die Umkleide betraten lief ebenfalls alles wie immer ab. Ihre Bewegungen waren zwar über die Jahre langsamer, jedoch nie weniger grazil oder elegant, geworden. Sie nahm vor dem Schminktisch Platz und legte ihr breites Haarband an, um die Strähnen aus dem Gesicht zu halten, während er sich auf einem mit Samt bezogenen Schemel niederließ und die Kamera aus der Tasche kramte.
“Danke für die Einladung, ich freue mich so dich zu sehen!”, murmelte er, während er den Akku überprüfte.
“Ach, Dummkopf, seit wann bedankst du dich denn dafür? Es war doch klar, dass ich dich einladen würde, wenn ich hierher zurückkehre.”, lachte sie.
“Ja, hier hat alles begonnen.”
“Naja, nicht genau hier, aber in dieser Stadt, da hast du Recht. Gibt es das kleine Hinterhoftheater eigentlich noch? Ich hätte zu gern dort gespielt. Um der alten Zeiten Willen, weißt du?”
“Ach nein, leider nicht, daraus haben sie vor zwei Jahren eine Bar mit angeschlossener veganer Küche oder sowas gemacht. Aber vielleicht könnten wir dort gemeinsam essen. Um der alten Zeiten Willen, weißt du?”, grinste er.
“Pah! Ich bin Italienerin! Wenn meine Mamma hören würde, dass ich ausgerechnet mit dir, ausgerechnet in dieser Stadt mein Essen in einem veganen Restaurant einnehme, ich sag dir, sie würde sich im Grab herumdrehen! Das kann ich ihr nicht antun. Dann biete mir lieber Pommes Currywurst Mayo an. Das würde sie zwar auch ärgern, aber immerhin wäre Fleisch dabei.”, empörte sie sich scherzhaft.
Endlich hatte er die Kamera einsatzbereit und fing an ein paar Probeaufnahmen zu machen und die Einstellungen den gegebenen Lichtverhältnissen anzupassen während sie ihr Gesicht mit einer dicken Schicht Feuchtigkeitscreme eincremte.
“Ich möchte, dass du dir heut besonders viel Mühe gibst, mein Lieber. Du musst alles festhalten. Das wird der Auftritt meines Lebens! Dieses Stück habe ich noch nie gespielt, es ist eine absolute Premiere!”
Er runzelte die Stirn, irgendwas lag in ihrer Stimme, das er nicht genau definieren konnte. Er schaute sie prüfend an.
Sie atmete kurz ein und setzte ein Lächeln auf.
“Na, was ist?”, lachte sie und schmierte ihm mit der Fingerspitze einen dicken Klecks Creme auf die Nase.
“Hey!”, machte er und wischte sich die Creme mit dem Handrücken ab. “Ja, natürlich! Es scheint dir ja sehr wichtig zu sein.”
“Absolut. Es ist wie gesagt eine absolute Premiere und du weißt, man hat nur ein Mal die Chance, da alles im Detail festzuhalten.”
Sie drehte sich zu ihm und nahm seine beiden Hände in die ihren. Ihr Blick wurde ernster und sie schaute ihm direkt in die Augen.
“Es bedeutet mir wirklich sehr viel, dass du heut gekommen bist und dass du derjenige bist, der die Momente der Premiere einfängt. Du musst alles festhalten. Alles! Es ist mir wirklich wichtig. Und ich weiß, dass du es verstehst.”
Überrascht über ihren plötzlichen Ernst drückte er ihre Hände ein kleines bisschen fester und versicherte ihr, dass er sich die allergrößte Mühe geben würde, die großartigen sowie die kleinen Momente des Abends einzufangen und festzuhalten.
Dann bat sie ihn, sie noch für die letzte Stunde vor der Show allein zu lassen, wie sie es immer tat, um sich komplett auf ihr Spiel vorzubereiten.
Währenddessen ging er ins Foyer und machte ein paar Detailaufnahmen und ging dann hinaus auf den Vorplatz, passte die Kameraeinstellungen wieder den Lichtverhältnissen an und dokumentierte fotografisch die immer größer werdende Schar von Menschen, die sich zusammenfand. Trotzdem fand er auch hier und da Zeit mit alten Bekannten, wie dem Kartenverkäufer Johann und der Choreographin Christina zu plauschen.
Dann war es endlich so weit und die Platzanweiser baten das Publikum auf den vorgesehenen Plätzen, errichtet aus Paletten und bestückt mit bunten Kissen Platz zu nehmen.
Er positionierte sich so, dass er die ganze Bühne, die im Eigentlichen die Stufen des Theatereingangs waren, gut im Blick hatte.
Es wurde ruhig und das Stück begann.
Durch den Sucher seiner Kamera verfolgte er das ganze Stück, hielt jedes Lachen, jeden dramatischen Moment, jeden Kuss, jede Ohrfeige und jeden Tanz fest.
Die Kostüme waren atemberaubend und das Spiel aller Darsteller überragend. Raffaela spielte als ginge es um ihre Karriere, ihre Existenz, ja ihr ganzes Dasein und Leben. Sie war überwältigend. In all den Jahren hatte sie nichts von ihrer Anmut, ihrer Eleganz, ihrem Ausdruck, ihrer Stärke eingebüßt. Das Leben hatte seine Spuren in kleinen Fältchen um die Augen- und Mundwinkel und auf der Stirn, die sie sehr gut zu kaschieren wusste und in silbernen Haarsträhnen, die nun in der Abendsonne schimmerten, hinterlassen. Aber nichts davon nahm ihr etwas von ihrer Schönheit, von ihrer Präsenz.
Dem Spannungsbogen folgend wurde auch das Spiel immer intensiver, die Fotos eindrucksvoller, das Publikum ruhiger. Man hätte eine Stecknadel auf den Pflastersteinen fallen hören können.
Mitten auf dem Höhepunkt, der Klimax, als Raffaela in ihrer Rolle die wichtigsten Worte des Stückes sprechen sollte und sich dazu dem Publikum mit einer weit ausholenden Geste zuwandte, hielten alle den Atem an. Sie fasste sich an die Brust, ihre Hand ballte sich über ihrem Herzen zu einer Faust und sie streckte die andere Hand sehnsüchtig aus.
Er lies die Kamera sinken und blickte ihr direkt in die Augen. Dann brach sie zusammen.
Unsicher, ob es sich noch um einen Teil des Stückes handelte oder nicht, blieb es stumm im Publikum. Als jedoch die Darsteller anfingen, hilfesuchend nach den Platzanweisern und dem Regisseur zu schauen, wurde allen klar: Das hier war nicht mehr Teil des Stücks. Dies war bittere Realität.
Dann ging alles fürchterlich schnell. Der Krankenwagen wurde gerufen, alle rannten wie wild durcheinander, ein Sanitäter versuchte Erste Hilfe zu leisten, Christina die Choreographin koordinierte die fassungslosen Schauspieler und wies ihnen Aufgaben zu und Johann beruhigte das Publikum.
Er stand regungslos in der hektischen Masse, unfähig sich zu bewegen. Dann erinnerte er sich an Raffaelas Worte: “Du musst alles festhalten. Alles!”
Als wenn ihn plötzlich ein Blitz durchfahren hätte, riss er die Kamera hoch und fing an, alles zu fotografieren, die Hektik, die Menschen, das Abendrot, die weinenden und unter Schock stehenden Kollegen, dann sie. Wie schön sie dalag. Regungslos und doch noch voller Leben. “Du musst alles festhalten. Alles!” Er ließ die Kamera sinken und beugte sich über sie. Selbst der Tod stand ihr gut, mit ihrem perfekt gezogenen Lidstrich, den expressiven, rot bemalten Lippen. Selbst der Tod konnte ihr nichts nehmen. Außer dem Leben.
Er hielt sie fest bis der Krankenwagen kam und die Rettungskräfte sie aus seinen Armen nahmen.
Dann Ruhe. Stille. Leere.
Alles um ihn herum nahm er nur als schemenhaft, surreal war. Er saß da. Sonst nichts.
Es mussten Stunden vergangen sein, denn es war schon dunkel, die Straßenlaternen gingen an und der Mond brach hinter den Wolken hervor.
In der Zwischenzeit waren Bühne und Sitzplätze abgebaut worden, nur Reste von Glitzer und Konfetti, Teile des Bühnenbildes, gaben den Anschein, dass etwas stattgefunden hatte.
Ein Schatten näherte sich ihm. Es war Melina, die kleine Tochter von Johann. Sie blieb vor ihm stehen und streckte ihm etwas entgegen.
Den Nebel vor den Augen durch eine Geste wegwischend besann er sich.
“Was ist das?”, fragte er.
“Die Tante Raffaela hat mir das gegeben. Es ist ein Brief. Glaube ich. Also die Tante Raffaela hat mir das gegeben und sie hat gesagt es ist ganz geheim und ich soll dir das geben, wenn das Stück vorbei ist und alle nach Hause gehen. Also, sie hat gesagt das ist ganz ganz geheim und ich darf das niemandem sagen. Hab ich auch nicht!”, sprudelte Melina los und hob zwei Finger schwörend in die Luft.
Mit regungsloser Mine nahm er den Brief entgegen und starrte das Mädchen an.
“Willst du nicht aufmachen?”, fragte sie neugierig und beugte sich dabei leicht nach vorn und scharrte mit der Fußspitze über den Boden.
“Melina? Melina! Komm jetzt, es ist spät genug, wir müssen nach Hause, Mama wartet.”, das war Johann.
“Och, man! Du, sagst du mir, was drin steht, wenn du ihn gelesen hast?”, sie sah ihn erwartungsvoll an.
“Es ist doch geheim.”, brachte er hervor.
“Hm, ja stimmt.”, sagte Melina enttäuscht, bevor sie sich aufmachte, um ihrem Vater zu folgen.
“Danke!”, rief er ihr hinterher.
Als alle gegangen waren und nur die nächste Straßenlaterne den Vorplatz in schummriges Licht tauchte, öffnete er den Brief und las:
“Mein lieber, lieber Freund,
wenn du das hier liest, habe ich die größte und schwerste Rolle meines Lebens bereits gespielt, habe abgedankt und die Bretter, die die Welt bedeuten und immer meine Welt waren, würdevoll verlassen. Da du der beste Freund bist, den ich habe und du mich verstehst, wirst du alles, ja alles eingefangen haben, so wie ich dich drum gebeten habe. Es tut mir leid, dass ich dir das zugemutet habe, aber es ging nicht anders. Es war unser letzter gemeinsamer Tanz und ich wollte, dass du so viele Erinnerungen wie nur möglich davon festhältst.
Ich danke dir für jahrzehntelange Freundschaft. Es ist jedoch Zeit, dir mehr zu sagen als ich je vermochte. Zeit blieb mir keine mehr, und ich wusste es, ich wusste, dass es eine Premiere und ein Abschied sein würde. Daher nehme ich mir nun die Zeit, all die unausgesprochenen Dinge niederzuschreiben. Denn du, ja du hast noch Zeit. Zeit, diese Zeilen zu lesen.
Amore mio,
es gibt so viel zu sagen und so vieles, das du nicht weißt. Du kennst mich lang genug, gut genug und doch hast du so manches nicht verstanden, mein liebenswerter Dummkopf.
Ich hab dich immer geliebt. Vom ersten Tag an.
Ich hab dich geliebt als du als Lehrling mit zerzaustem Haar das Interview für deine Abschlussmappe und die fotografischen Arbeiten dazu mit mir erstellt hast. Ich hab dich geliebt, als wir uns in den niederländischen Grachten auf einen Kaffee trafen, weil ich dort spielte und du deine Ausstellung dort hattest. Ich hab dich geliebt als du mir Postkarten aus Rom schriebst, einzig mit Fotos von Gebäuden darauf, weil du wusstest, wie viel mir die Architektur bedeutet. Ich hab dich geliebt bei jeder Karte, die ich dir schrieb, von jedem Spielort dieser Welt, den ich bereisen und bespielen durfte.
Ich hab dich geliebt als ich Giovanni auf Wunsch meines Vaters heiratete, nachdem er und meine Mamma mir klarmachten, dass außer einem Italiener ihnen kein Mann an meiner Seite ins Haus käme und ich auch bei all meinen Mitspielern auf der Bühne ja nicht auf die Idee kommen sollte, etwas anderes zu denken. Ich hab dich geliebt als du die Hochzeitsfotos von unserer Hochzeit so liebevoll erstellt und überreicht hast. Ich hab dich geliebt, als du schließlich Beatrice gefunden und geheiratet hast. Ich hab dich geliebt, als ich dein freudestrahlendes Gesicht sah als du Vater von Zwillingen wurdest, einem Jungen und einem Mädchen. Ich hab dich geliebt als ich selbst erfuhr, dass ich schwanger war und ja auch als ich meinen Jungen unter Schmerzen auf die Welt brachte und ihn das erste Mal in den Armen hielt und Giovanni meine Stirn küsste, hab ich dich geliebt. Ich hab dich geliebt als du kreative Blockaden hattest, überlegt hast, alles hinzuwerfen, die Fotografie aufzugeben, ich hab dich geliebt, als deine Ehe zu scheitern begann, als deine Kinder sich gegen dich wandten, als du deine Freizeit vor dem Scheidungsgericht verbringen musstest. Ich hab dich geliebt als ich in einer Phase war, in der ich wieder und wieder abgelehnt wurde, die Rollenangebote ausblieben, Leute sich von mir abwandten und ich anfing an mir selbst zu zweifeln und du mir, obwohl ich nie darum bat, Mut zugesprochen hast und meintest, es kämen wieder bessere Zeiten. Ich hab dich geliebt als diese besseren Zeiten kamen und die Leute zurückkamen. Ich hab dich in jedem Wort, in jeder Zeile eines jeden deiner Briefe geliebt. Ich hab dich in jedem verschwommenen Foto und auch in den gestochen scharfen geliebt. All die Jahre, all die Zeit. Ich hab dich geliebt als ich erfuhr, dass meine Zeit begrenzt ist und wie begrenzt genau. Ich hab dich geliebt als du eingewilligt hast, diese eine, diese letzte Premiere festzuhalten. Und ich liebe dich während ich diese Zeilen hier schreibe.
Amore mio, um einen letzten Gefallen muss ich dich dennoch bitten und ich weiß, du wirst ihn mir nicht abschlagen: Bitte vergiss mich nicht und küsse diesen Brief bevor du ihn zurück in den Umschlag steckst, ja? Danke.”

Er starrte auf die Zeilen vor ihm, atmete flach, der Kloß in seinem Hals drohte ihm die Luft abzuschnüren und die Zeilen begannen zu verschwimmen, weil ihm Tränen in die Augen stiegen.
Er holte tief Luft und erfüllte Raffaela ihren letzten Wunsch.
Dann brach er zusammen.

Gina Laventura © 2019

#sundaystory: Vergewaltigt

#sundaystory: Vergewaltigt

Für leseschreiberin
Die vorgegebenen Elemente waren:

a) Deutsch
b) Vergewaltigt
c) Theater, Luft, spiegelverkehrt
d) Komödie

Vergewaltigt

“Ich habe mir das alles nochmal vergewaltigt und denke, dass du viel zu wenig über Kunst und Kultur weißt, Dana.”, sagt mein Vater.

“Verge-was, Papa?”

“Na, ich hab mir die ganze Situation nochmal durch den Kopf gehen lassen, mir angeschaut, wie du so deinen Tag verbringst, ich habe mir das eben alles nochmal vergewaltigt.”

“Du meinst vergegenwärtigt, ja?”

“Oh, Frau Gymnasium macht jetzt hier einen auf superschlau und versucht den Alten nass zu machen, was? So nicht, Frollein! Ich sage dir, du lernst ja nix, immer nur Schminke hier und Freunde treffen da.”

Ich rolle mit den Augen und atme tief durch.

“Papa, in Anbetracht der Tatsache, dass ich seit Wochen für die Abschlussprüfung durchlerne und jede Nacht nur um die vier Stunden schlafe, glaub mir, es ist besser für uns alle, wenn ich mich schminke und nicht aussehe wie ein überfahrener Iltis, okay?”

“Jaja, lernen”, sagt er und setzt dabei das Wort ‘lernen’ mit seinen ketchupverschmierten Fingern in Anführungszeichen.

“Papa!”

“Dana,” sagt er schmatzender und mampfender Weise. “Du trifft deine Freundinnen faft jeden Tag und ftändig quatft ihr nur über die Jungf und jetf willf du mir daf alf lernen verkaufen…”

Ich rolle erneut mit den Augen. “Papa, erstens versteh ich nur die Hälfte, wenn du ne halbe zerkaute Kuh in der Schnute hast und zweitens, welche Jungs?!”

Er schluckt den letzten Bissen runter. “Aha, hast mich also doch verstanden! Na, die ganzen hier, wie sie heißen da… William und Oscar und dann irgendwelche Intrigen mit Virginia und Jane und was weiß ich, was ihr euch da für ne Seifenoper zusammenquatscht, wenn ihr da nächtelang zusammen Pyjamaparty macht.”

Ich. raste. aus.

Kurzer, ganz kurzer Einblick in die Situation. Jeden Sonntag im Sommer grillen wir draußen auf der Terrasse. Richtig hübsch klassisch. Also klassisch asi. Vatti in Fliegerseide und Mutti mit Lockenwicklern um den Kopf. Nein, kein Scherz, ja, leider wahr. Was soll ich machen. Wäre ja halb so wild, habe mich mittlerweile dran gewöhnt, dass meine Eltern noch nicht mal versuchen mich zu verstehen, aber die nächste Kiste ist einfach, dass jeden dritten Sonntag und der liebe Herrgott allein weiß, warum es jeder dritte Sonntag ist, kriegt mein Vater irgendeine Sinnkrise und meint mich belehren zu müssen. Dann sorgt er sich um meine Bildung und meine Berufschancen und all sowas. Wir erwähnen jetzt mal nicht, dass ich letztes Jahr Klassenbeste und Zweitbeste des Jahrgangs war, ist okay, kein Problem. Diese überväterliche Sorge hat mir im Laufe eines einzigen Sommers bereits die unsäglichsten Erlebnisse beschert: Das eine Mal, wo mein Vater mich zu einer Podiumsdiskussion in der Stadthalle schleppte, um mit den Lokalpolitikern zu diskutieren, was für mich persönlich gut lief, für ihn leider nicht so, als er aus dem Saal geworfen wurde, nachdem er den Oberbürgermeister gefragt hatte, mit wem er geschlafen habe, um diese Position zu erreichen, da er eine – ich zitiere – “Flachpfeife sondergleichen” sei. Jap.

Oder das andere Mal, als er sich um meine sozialen Kompetenzen sorgte und mich zu einem Hockey-Schnupperkurs anmeldete. Super Idee. Ich bin in Sportarten, die irgendwas mit Schlägern oder Bällen zu tun haben in etwa so kompetent wie besagter Oberbürgermeister in seinem Amt, also gar nicht. Immerhin lerne ich schnell und schaffte es zumindest, nur jeden dritten Schlag zwischen die Beine und vors Schienbein zu bekommen. Skurril wurde es, als mein Vater mich dann anfeuerte, die Gegner zu fowlen, was mich mitten auf dem Spielfeld zu der Frage veranlasste, wer von uns beiden eigentlich an seinen sozialen Kompetenzen arbeiten müsse. Immerhin hab ich mich beim Captain des gegnerischen Teams entschuldigt, nachdem ich ihn mit meinem Hockeyschläger ungünstig an der Schläfe getroffen hatte. Also, so ungünstig, dass er bewusstlos wurde. Wenn ich sein benebeltes Grinsen richtig gedeutet habe, hat er meine Entschuldigung immerhin angenommen.

Oder das andere Mal, als mein Vater die grandiose Idee hatte, ich solle mich körperlich ertüchtigen, denn – ich zitiere wieder – “in Sahne recko Korporo.” Genau, Papa, genau, Sahne spielt bestimmt ne Rolle hier. (Kein Wunder, dass ich schon seit frühester Kindheit Brille tragen muss, ich wette, ich fing schon früh an mit den Augen zu rollen, bei dem Senf, den dieser gute Mann manchmal von sich gibt.) Schwimmverein! Hielt er für eine prächtige Idee. Es würde alle Muskeln beanspruchen, gleichzeitig würde man nicht so eklig verschwitzt sein und so weiter und so fort, ellenlanger Vortrag. Nur als Randinfo: Ich habe meinen Vater nie schwimmen sehen. Also schwimmen im Sinne von Strecke im Wasser zurücklegen. Er treibt so mehr, wenn ihr versteht. Toter Mann mit Bier in der Hand. Oder wahlweise mobile Kinderhalterung mit selbst mitgebrachtem Rettungsring. Ihr versteht schon. Fand ich trotzdem ne ganz süße Idee, weil Papa anscheinend verpasst hatte, dass ich nach dem Seepferdchen auch noch die folgenden Abzeichen gemacht hatte, aber nun gut. Als sich alsbald zeigte, dass ich schon sehr gut schwimmen konnte – größte Verwunderung seitens meines Vaters –, meinte er, es sei sicherlich gut, wenn ich mich “auf dem Wasser” bewegen könne (Darf ich mich kurz vorstellen: Dana von Nazareth, Jesus war mein Cousin. – wie soll man denn bei sowas nicht mit den Augen rollen?! –), aber “unter Wasser ist auch wichtig”, meinte Papa. Ich holte grad tief Luft um zu protestieren, als er mich auch schon mit einer Hand unter Wasser drückte, mit den Worten “wollen mal sehen, wie lang du die Luft anhalten kannst”. Hustender Weise und schlumpfblau entließ er mich dann nach 3 Minuten seinem lehrreichen Griff.

Ja, das war ein kurzer Einblick in die lehrreichen Stunden im Unterricht meines Vaters.
Und nun das hier. Wohin das auch immer führen sollte.

Zurück zum Thema.

“Papa… das sind keine Pyjamaparties. Wenn Lotte und Chris kommen, dann lernen wir für die Abschlussprüfung! Und William, Oscar, Virginia und Jane sind Autoren!”

“Autoren, was autorieren die denn so?”, sagt Papa spitzfindig während er mit dem Zahnstocher an seinem Eckzahn herumpult. (Gott, ich wünschte es wäre ein Goldzahn, das würde SO sehr ins Bild passen…)

Ich atme tief ein, ziehe Luft durch die Zähne, stoße sie geräuschvoll aus.

“Sie schrieben. Präteritum. Sie sind tot. Verdammt Papa, Shakespeare? Wilde? Woolf? Austen?”

“Hm?” macht er und zieht eine Augenbraue hoch.

“Ach, schon gut.” sage ich resigniert.

“Jedenfalls,”, hebt er feierlich an, “habe ich mir überlegt, dass wir zwei ins Theater gehen.”

“Ins Theater?”

“Ja, ins Theater.”

“Ins Theater? Du? Ich? Ins Theater?” keuche ich.

“Sag mal, Dana, bist du heut schwer von Begriff? Hast du von Muttis Bowle genascht?”

“Ja, nein, hab ich nicht. Okay, ins Theater. Du willst mit mir ins Theater. Wann? Und was wird gespielt?”

“Na, heut Abend geben sie Romeo und Julia, ein klassisches Stück der Kultur.”, sagt er stolz.

“Ja, was für eine ausgezeichnete und außergewöhnliche Wahl.”, gebe ich zurück.

“Ja, nicht wahr?!”, sagt er mit stolz geschwollener Brust.

Ich schließe die Augen, um ihnen eine Pause vom Rollen zu gönnen.

“Okay, Romeo und Julia. Bitte, so sei es denn.”, sage ich. Widerstand war von jeher zwecklos gewesen, also durchatmen und über sich ergehen lassen. Einzige Lösung.

Mein Vater grinst zufrieden und sagt “Aber zieh dir was nettes an, ja. Immerhin ist es Theater!”

“Ja, daran bin ich schon gewöhnt..”, sage ich.

“Was?” brüllt er, während ich dabei bin mich in mein Zimmer zurückzuziehen.

“Ach nix.”

 

Punkt sieben steh ich gestriegelt bei uns in der Küche, wie es sich eben für einen Theaterbesuch gehört, Hosenanzug, Bluse, Lederschuhe mit kleinem Absatz, die sonst recht widerspenstigen Haare zu einem ordentlichen Knoten gezaubert.

Dann kommt mein Vater. Ich bin sprachlos.

Also ich bin mir nicht sicher, ob er “Der Pate” ein mal zu oft gesehen hat oder, ob er sich einfach direkt der Familie Montague oder Capulet anschließen will. Fast befürchte ich, er wolle selbst heut Abend auf die Bühne gehen. Der Anzug ist ihm zwar nur minimal zu klein, aber das Jackett kann er nur gerade eben so schließen, wenn er den Bauch etwas einzieht und ziemlich kontrolliert atmet. Die Weste darunter und die Fliege lassen ihn etwas zu pompös für das schnöde lokale Theater aussehen und die polierten Lackschuhe, die glänzen wie eine Speckschwarte sind nur noch von seinen mit Frisiercreme in Form gelegten Haaren zu übertreffen. Ich weiß ja nicht, wann das mal Mode war, aber sicherlich muss das vor meiner Geburt gewesen sein. Mindestens so lang muss auch der Kauf dieser Artikel her gewesen sein.

Mein Vater streckt sich, stellt den Arm in die Hüfte und spreizt ihn ab, sodass ein einladendes Dreieck entsteht. Dann grinst er mich an. “Na, was ist, kommste?”

Ich atme tief durch, hake mich ein und wir marschieren Richtung Theater.

Wir treten ein und die Leute glotzen meinen Vater an. Unwillkürlich versuche ich meinen Arm aus seiner Ellbeuge zu lösen. Vergeblich, er hat ihn fest im Griff. Alle schauen ihn an, als gehöre er zum Ensemble. Wir gehen schnurstracks durch und finden unsere Plätze schnell. Es wird zügig dunkel. Zum Glück.

Mein Vater ist voll drin im Geschehen und kommentiert mit heftigem Stöhnen, mit “Ah”s und “Oh”s, die Handlung auf der Bühne, was uns von unseren Sitznachbarn böse Blicke einbringt.

Als Julia den Trank der Tränke hoch hält, um ihn gleich darauf zu sich zu nehmen, friemelt mein Vater ein kleines Schnapsfläschchen aus der Innentasche seines Anzugs, hält sie der Julia in einer Bewegung, die ihrer spiegelverkehrt ähnlich kommt, entgegen und flüstert “Prösterken, wer trinkt schon gern allein, Jule, wa?” und kippt zeitgleich mit ihr den Trank hinunter. Ich rolle nicht mit den Augen, einzig und allein aus dem Grund, dass ich das Stück ungestört weitersehen möchte.

Der Rest des Stücks bleibt weitestgehend komplikationsfrei von Seiten meines Vaters, was sicherlich dem Konsum von zwei weiteren Fläschchen zu verdanken ist.

Als wir später in die laue Sommerluft aus dem Theater treten, meint mein Vater:
“Na, Dana, was sagst du? War das nicht viel besser, als mit den Mädels über Schnickschnack zu quatschen? Das war doch mal ordentliches Kulturprogramm!”

“Fragt sich nur, für wen.”, meine ich.

Mein Vater ignoriert meine zynischen Kommentare geflissentlich und zwingt meinen Arm wieder liebevoll in seinen Würgegriff à la Rocky Balboa.

“Aber du, alle reden ja von dieser großen Liebe und wie toll Romeo ist, ne.”, sagt Papa plötzlich nachdenklich.

“Hmm.” mache ich.

“Aber das mit dem Trinken muss der Jung noch üben, wa? So ganz helle war der wohl nicht. Die Jule war da ja trinkfester als er.”

Ich rolle mit den Augen…

 

 

 

Gina Laventura © 2019

#sundaystory : Diebstahl

#sundaystory: Diebstahl

Für mikakrueger
Die vorgegebenen Elemente waren:

a) Deutsch
b) Diebstahl
c) Versprechen, zitronengelb, abstürzen
d) Mysteriös

Diebstahl

Jacques Perdu war einst ein berühmter Detektiv, dessen Spezialität im Aufspüren vermisster oder untergetauchter Personen lag. Er hatte eine brummende Detektei zusammen mit seinem Kollegen Jean Escroc. Die Detektei war groß mit lichtdurchfluteten Fenstern mitten in der Innenstadt und wenn man die Fenster öffnete, konnte man das bunte Treiben der Stadt bis hinauf hören. Jacques und Jean hatten jede Menge zu tun und fast jeden Tag ging ein neuer Auftrag ein. Es gab nicht einen Fall, den sie nicht gelöst hätten und sie waren bis über die Stadtgrenzen hinaus für ihre hervorragende Arbeit bekannt. Sie waren fein gekleidet und ein jeder grüßte sie, wenn sie über die Straße gingen. Aber das ist Jahrzehnte her.
Heute ist Jacques Perdu ein abgehalfterter Mittfünfziger, dessen Ruhm ebenso Geschichte ist wie seine Zusammenarbeit mit Escroc. Dieser machte sich nämlich eines Tages still und leise mit den durch die Klienten geleisteten Anzahlungen der letzten sechs Wochen aus dem Staub und da er, wie Jacques, sein Handwerk beherrschte und von den Tätern, die er jagte, gelernt hatte, blieb das Verschwinden des Monsieur Escroc Jacques’ einziger, aber dafür größter Misserfolg, denn er spürte ihn niemals auf. Zudem war er gezwungen ohne die Anzahlungen die bereits angenommenen Aufträge zu bearbeiten und alleine zu lösen, was alsbald schwer an die Ersparnisse ging und aufgrund des Betrugs zahlten die Klienten den Rest der Auftragssumme nicht. Auch, dass er alle Aufträge wie immer mit Bravour löste, konnte seinen Ruf nicht retten.

Nun sitzt Jacques Perdu in einer kleinen Kaschemme am Stadtrand in einem baufälligen Gebäude, dessen Türen und Holzdielen beim kleinsten Windzug quietschen. Die Wände sind vollgestellt mit Regalen, die wiederum unter der Last der darin befindlichen Bücher zu zerbrechen drohen. Mittlerweile verdingt er sich als Lektor für Detektivgeschichten und anstatt wahre Fälle zu lösen, spürt er Tippfehler und Lücken in der Konstruktion der Geschichten anderer auf. Seine einst in Italien handgefertigten Lederschuhe weisen Löcher in den Sohlen auf, der Hut zeigt deutliche Verschleißspuren an der Krempe und die Ellbogen seines Mantels sind abgewetzt. Die einstigen Freunde und hilfsbereiten Bekannten, die Ladenbesitzer und Polizisten, denen er manchmal noch auf dem Weg durch die Stadt begegnet, grüßen ihn nur noch mit einem grummelnden Nicken bevor sie schnell zu Boden schauen oder eines anderen Weges gehen oder gar hinter vorgehaltener Hand zueinander sagen “Wie kann man nur so abstürzen?”.
Einzig die einstige Sekretärin von Jean und Jacques, Madame Veuve, die eine Mischung aus Sekretärin und bemutternder, für das Leibeswohl der Männer sorgenden Haushälterin und strenger Vertrauten war, ruft ihn ein Mal pro Woche an, um zu hören, wie es ihm ginge und ein Mal im Monat kommt sie mit Suppe und Kuchen an einem Sonntag vorbei. Dann beschwert sie sich über die Zustände in Jacques’ Detektei, die ihm gleichzeitig als Heim dient, denn beides kann er sich nicht leisten, schüttelt die Kissen auf dem alten Schlafsofa auf, wirft den Kessel auf den zwei Platten der kleinen Pantryküche an und öffnet die Fenster. Das Unterfangen die Bücher abzustauben gibt sie meist schnell auf. Und der zweite Vertraute, der geblieben ist, den Erfolg oder Misserfolg nur insofern interessieren, als dass davon die Mahlzeit abhängt, die ihm bereitet wird, ist der Kater Fidèle, dem weder die knarrenden Dielen noch der alte Ofen etwas ausmachen, solange sich Mäuse unter den Dielen befinden und der Ofen im Winter genug Wärme abgibt, dass er sich davor wärmen kann.
Als Jacques eines warmen Sommertages über einer haarsträubenden, von Fehlern und unlogischen Zusammenhängen wimmelnden Geschichte eines absoluten Amateurs brütete und Fidèle sich auf der Fensterbank die Sonne auf den schwarzen Pelz scheinen ließ, klopfte es plötzlich leise aber bestimmt an der Tür.
Der Detektiv und der Kater schauten sich überrascht an, nahmen an, es sei nur wieder ein Geräusch im Hausflur gewesen und neigten die Köpfe bald wieder, der eine zum Lesen, der andere zum Schlummern. Es klopfte erneut. Jacques hob den Kopf, räusperte sich und sagte “Herein!”.
Eine Dame um die fünfundvierzig öffnete die Tür und trat einen halben Schritt herein. Als Jacques gewahr wurde, dass es sich um eine Dame handelte, wuchtete er sich aus seinem Sessel und ging zügigen Schrittes auf die Tür zu, um sie der Dame vernünftig zu öffnen und sie zu dem Sessel auf der anderen Seite seines Schreibtisches zu geleiten. Denn, auch wenn seine Karriere nicht mehr den Glanz von einst aufweisen konnte, so konnte man ihm dennoch nicht nachsagen, er hätte seine Manieren verloren oder gar im wärmenden Wohl des Weins, den er abends ein bisschen zu gern zu sich nahm, ertränkt.
Er bot der Dame an, ihr den leichten braunen Sommermantel abzunehmen, doch sie sagte, sie behalte ihn lieber an. Also rückte er ihr den Sessel zurecht und sie nahm Platz. Er ging um den Schreibtisch herum zu seinem Sessel und ließ sich hineinfallen.
Dann saßen sie einige Minuten schweigend und einander musternd gegenüber.
Die Dame, die sich schließlich als Madame Anarique Sibylline vorstellte, war eine Frau mittleren Alters, mittlerer Statur, der gehobenen Mittelschicht. Das erkannte Jacques mit seinem über die Jahre geschulten Blick daran, dass sie Stil hatte, ihre Kleidung gepflegt und aufeinander abgestimmt war, aber das Leder ihrer Riemchenpumps an der Abrollstelle feine Brüche aufwies und der leichte Sommermantel, den sie trug, nicht aus den Kollektionen der aktuellen Saison stammen konnte. Sie trug ein beiges Kostüm mit einer braunen Bluse, deren helle Punkte das Beige des Kostüms widerspiegelten, eine Nylonstrumpfhose, die ihren Beinen gerade genug Bräune verlieh, um nicht künstlich zu wirken, champagnerfarbene Riemchenpumps und den Sommermantel, dessen Farbe dem Braun einer reifen Buchecker glich, dazu eine champagnerfarbene Lackhandtasche mittlerer Größe, die mit einer goldenen Schnalle schloß. Ihr Haar war von dunklem Braun, fast schwarz und mit leichtem Rotstich, gleich Mahagoni, ihre Haut glich den hellen Kieseln, die man an den Steinstränden des Südens betrachten und sammeln konnte und ihre Augen waren von sattem, lebendigem Grün.
Trotz ihres nicht mehr ganz so jungen Alters, deutete ihr Gesicht nur durch feine Linien um die Augen, an den Mundwinkeln und auf der Stirn auf ein Leben voll Lachen, Sorgen und dem üblichen Grübeln hin. Einzig ihre Hände verrieten etwas mehr, denn man konnte ihnen ansehen, dass ihre Hauptaufgabe nicht immer nur aus dem Fühlen exquisiter Stoffe, dem Halten eines Füllfederhalters und dem Tragen einer Handtasche bestanden haben muss. Sie war auf eine für Jacques ganz sonderbare Art und Weise faszinierend. Er konnte nicht bestimmen, ob er sie attraktiv fand oder nicht, aber sie war interessant und weckte seine Neugier.
Ihre waldgrünen Augen ruhten auf ihm, nachdem sie ebenfalls ihn sowie die Umgebung langsam und ruhig abgefahren und gemustert hatten, jedoch war weder ihrem Blick noch ihrem Gesicht das gefällte Urteil zu entlocken.
Schließlich räusperte er sich und fragte “Liebe Madame Sibylline, darf ich fragen, was Sie zu mir führt?”
Die Madame saß aufrecht, Füße parallel nebeneinander, Handtasche auf dem Schoß und den Griff mit beiden Händen umklammert. Nun beugte sie sich ein paar Zentimeter hervor und sagte “Sehen Sie, Monsieur Perdu, mir ist das Liebste und Teuerste abhanden gekommen, ich bin untröstlich und brauche Ihre Hilfe.”
“Mh”, machte Perdu, “ungewöhnlich.. mit Verlaub, Madame, Sie sehen nicht so aus, als kämen Sie aus dieser schäbigen Gegend hier. Ferner bezweifle ich, dass Sie sich nicht einen Detektiv mit ausgezeichneter Reputation in der Innenstadt leisten können. Wie sind Sie ausgerechnet auf mich gekommen?”
Madame Sibylline zog leicht die Augenbraue hoch und ein Hauch von einem Lächeln zuckte um einen ihrer Mundwinkel.
Der Betrug durch seinen Geschäftspartner und Freund hatte an Jacques Spuren hinterlassen, die sich trotz seiner ausgezeichneten Manieren an seinem sozialen Verhalten und seiner manchmal schroffen und direkten Art und Weise äußerten. Es schien die Dame nicht zu stören, sondern eher zu amüsieren.
“Sehen Sie, Monsieur, ich wiederhole, mir ist das Liebste und Teuerste abhanden gekommen. Und da interessiert es mich herzlich wenig, wen ich für teures Geld beauftragen könnte, wer die schickste Detektei am schönsten Platz der Stadt hat oder was die Leute über Sie sagen und wie lange Ihr letzter Fall her ist. Ich wollte den Besten. Deswegen bin ich hier.”
Jacques, sichtlich unbeeindruckt von dieser zwar durchaus überzeugenden, aber dennoch für seinen Geschmack etwas zu schmeichelhaften Aussage, zog eine Augenbraue hoch, schnaubte durch die Nase und verschränkte die Arme vor der Brust.
“Aha.”
“Außerdem kenne ich Madame Veuve, denn wir kaufen unser Gemüse auf demselben Wochenmarkt ein und ich halte sie für eine der aufrichtigsten und zuverlässigsten Personen und sie verlor nie auch nur ein einziges schlechtes Wort über Sie.”
Perdu lockerte seine verschränkten Arme ein wenig und atmete aus. Wenn diese Frau nun wirklich auf Empfehlung von Madame Veuve hier war, so war er es seiner ehemaligen Sekretärin schuldig, sich zumindest das Begehr dieser Dame anzuhören.
“Na gut”, sagte er, “Sie sagen also, Ihnen sei das Liebste und Teuerste abhanden gekommen. Worum handelt es sich denn?”
Madame Sibylline richtete sich etwas mehr auf, löste die Finger von der Handtasche und atmete tief ein.
“Mein Kanarienvogel Clandestine.”
Perdu dachte, er habe sich verhört, also fragte er “Wie bitte?”
Die Dame wiederholte ordnungsgemäß “Mein Kanarienvogel Clandestine.”
“Ist das ein Scherz?”
“Keineswegs.”
“Sie kommen den weiten Weg aus Ihrem Viertel unbegleitet in diese schäbige Gegend in mein Büro, um mich damit zu beauftragen einen Kanarienvogel für Sie zu finden?”
“So ist es.”, sagte Madame Sibylline, ruhig und mit aufrechter Ernsthaftigkeit.
“Sie hat den Verstand verloren.”, dachte Perdu. “Wenn ich Madame Veuve das nächste Mal sehe, haben wir beide definitiv ein Hühnchen miteinander zu rupfen. Oder einen anderen Vogel. Das soll wohl ein Scherz sein, den sie sich erlaubt, um sich für all ihre vergebenen Bemühungen und das Lamentieren über den Zustand meines Büros zu rächen. Na, sowas!”
“Sie belieben zu scherzen, Madame.”
“Gegen einen Spaß hier und da habe ich mit Sicherheit nichts einzuwenden, aber hiermit ist es mir absolut ernst, Monsieur.”
“Es tut mir sehr leid, ich denke, ich bin nicht der Richtige für diese Aufgabe.”
“Oh, ganz gewiß sind Sie das. Wollen Sie sich nicht erstmal alle Einzelheiten anhören, bevor Sie ablehnen?”
“Ich denke, ich habe genug gehört, merci, Madame.”
“Und könnten meine Anzahlung in diesem Umschlag und diese zwei Flaschen Bordeaux Sie nicht überzeugen, mir doch noch zuzuhören?”
Widerwillig, aber dennoch neugierig nahm Perdu den Umschlag entgegen, den die Frau ihm über den Tisch reichte und las das Etikett des Weins, den sie ihrer tiefen Manteltasche entnahm. Ausgezeichneter Jahrgang, beste Qualität, eine edle Rarität. Er öffnete den Umschlag und musste sich bemühen, den Mund wieder zu schließen. Wenn das die Anzahlung sein sollte, dann wäre das der lukrativste Auftrag seit Jahren.
Es widerstrebte ihm, den Auftrag einer offensichtlich Verrückten anzunehmen, aber dann blickte er sich um, sah das Schlafsofa mit der kaputten Sprungfeder, seinen abgewetzten Mantel an der Garderobe und schließlich Fidèle auf der Fensterbank, den guten, treuen Fidèle, der sich dringend ein großes, frisches Stück Fleisch vom Metzger verdient hatte. Er atmete erneut tief ein, schloß die Augen, atmete tief aus und als er die Augen öffnete und hinaufblickte, sagte er “Na gut, Madame, erzählen Sie mir von Ihrem Vogel Clandestine. Bitte beschreiben Sie mir alles so genau wie möglich, sodass ich mir ein Bild machen kann.”
Mit einem zufriedenen Lächeln rutschte Madame Sibylline etwas weiter nach vorn auf die Sesselkante und begann zu erzählen.
“Also, mein Kanarienvogel Clandestine ist mir das Wertvollste und Liebste. Er war ein Geschenk meines Mannes, Gott hab ihn selig, und er hat diesen Vogel geliebt. Er nahm mir das Versprechen ab, mich meinen Lebtag um Clandestine zu kümmern, ihn zu hüten wie meinen Augapfel und größte Sorgfalt walten zu lassen. Clandestine ist etwas ganz Besonderes. Jedes Lied, das dieser Vogel singt, malt Farben in die Luft und erfüllt sie mit einem Duft von Frühlingsgärten, zumindest, wenn es ein Chanson ist. Bei schwereren Liedern, die tief die Seele berühren, färbt sich alles in dunklem Purpur und die Luft riecht nach Weihrauch und Gewürzen ferner Länder. Sein Federkleid ist zitronengelb und schimmert im Sonnenlicht leicht golden.”
“Na wundervoll”, dachte Perdu, “die Dame ist zwar lieb und nett, aber in ihrem Oberstübchen sind nicht alle Tassen ordentlich sortiert.” Dann fühlte er erneut den dicken braunen Umschlag in seiner Hand und dachte an den lieben Fidèle und fragte “Und wie ist Ihnen Ihr geliebter Vogel abhanden gekommen?”
“Sehen Sie, weil ich meinem Mann versprochen habe, mich so gut um ihn zu kümmern, ließ ich von den besten Handwerkern der Stadt einen Käfig bauen, der das gesamte Erkerzimmer ausfüllt, sodass Clandestine viel Platz hat. Und jeder Teil des Käfigs wurde auf die Bedürfnisse des Vogels ausgelegt, einen Bereich zum Ruhen, einen mit Zweigen der edelsten Bäume bestückt und nur das beste Futter wird gereicht. Der Erker wird gut gehütet, nur unter Aufsicht werden die Fenster geöffnet und Unbefugte haben keinen Zutritt. Aber gestern Morgen ging ich, wie jeden Morgen, mit meinem Frühstück und dem für Clandestine ins Erkerzimmer, aber er war nicht da. Ich suchte alles ab, jede Ecke des Käfigs, in der er sich versteckt haben könnte, ich sang das Lied, auf dass er normalerweise antwortet, aber nichts. Ich untersuchte den Käfig, denn er war verschlossen und nirgends war ein Loch zu entdecken. Die Fenster waren verschlossen, es war mir unbegreiflich. Dennoch ließ ich die Köchin und ihre Gehilfin, den Gärtner und die Waschfrau nach meinem geliebten Kanarienvogel suchen. Ich selbst machte mich noch im Morgenmantel daran, das gesamte Haus und den Vorgarten abzusuchen, ich klingelte bei allen Nachbarn und fragte nach Clandestine, viele kamen heraus und halfen bei der Suche, aber ohne Erfolg. So kam ich zu dem Schluss, dass es sich nur um Diebstahl handeln kann! Jemand muss mir meinen geliebten Vogel gestohlen haben. Vielleicht hat jemand den Schlüssel des Käfigs entwendet und ihn in der Nacht gestohlen, den Schlüssel zurückgelegt, sodass niemand direkt auf einen Diebstahl käme. Es ist die einzige Schlussfolgerung, die ich ziehen kann. Jemand hat meinen geliebten Clandestine gestohlen! Ich bin untröstlich, Monsieur, ich brauche Ihre Hilfe.”
Perdu, der sein Kinn beim Zuhören in die Hand gestützt hatte, nickte und brummte ein “Mmmh.”
Nach einigen Minuten des Nachdenkens und Schweigens raffte er sich auf und erklärte der Dame, er müsse sich ein Bild der Lage machen und selbst den Ort begutachten, von dem der Vogel verschwunden sei. So beschlossen sie, dass Perdu am nächsten Morgen zu dem Haus der Madame Sibylline kommen würde, um alles in Augenschein zu nehmen. Beim Verabschieden wurde die Dame Fidèles gewahr und ihr sonst ruhiges Gesicht geriet für den Bruchteil einer Sekunde etwas aus der Fassung, bevor sie sich fing, die Hände Perdus in ihre beiden Hände nahm, ihm noch einmal herzlich dankte und dann zügigen Schrittes davonging.
Als Jacques die Tür schloss, kam er nicht umhin den Kopf zu schütteln. Gänzlich unbeeindruckt gähnte Fidèle auf der Fensterbank, streckte sich, nur um sich dann ein Mal um die eigene Achse zu drehen und wieder hinzulegen.
Auch wenn die Anzahlung ein verlockender Reiz war loszuziehen und die Zutaten für ein ausgewogenes Mahl zu besorgen, hielt Jacques sich zurück, denn er war sich noch nicht sicher, was es mit dieser Dame und ihrem Vogel auf sich hatte und es kam ihm äußerst suspekt vor. So begnügte er sich mit etwas Grießbrei und für den lieben Fidèle verlängerte er Milch mit Wasser und schlug ein Ei hinein. Doch dem Bordeaux konnte er nun doch nicht widerstehen und so gönnte er sich ein nicht zimperlich gefülltes Glas des blutroten, gegorenen Nektars.
Als er am nächsten Morgen erwachte, war Perdu wie benommen und versuchte sich zu sortieren. Mühsam rekapitulierte er den vergangenen Tag und zweifelte, ob er nicht geträumt habe. Aber dann sah er die geöffnete Flasche Bordeaux, das mit Weinresten benetzte Glas und den braunen Umschlag auf dem Tisch. Er schaute auf seine Armbanduhr, deren Lederband bereits Patina angesetzt hatte und mit Tintenflecken beschmutzt war. Zeit sich frisch zu machen und zu der Dame zu gehen. Als er den Mantel mit den abgewetzten Ellbogen und den Hut mit der verschlissenen Krempe von der Garderobe nahm, beauftrage er Fidèle, das Haus zu hüten und ging davon.
Eine Dreiviertelstunde Fußmarsch später erlangte er das Grundstück der Madame Sibylline, die ihn mit starkem Kaffee und etwas Gebäck bereits auf der Veranda erwartete. Nachdem er sich das Erkerzimmer mit der beachtlichen Voliere angeschaut und jeden Winkel des Zimmer untersucht hatte, schaute er sich im Rest des Hauses, auf dem Grundstück und in der Nachbarschaft um, befragte die Nachbarn und die Hausangestellten, aber außer einer Bestätigung der von der Madame bereits geschilderten Ereignisse, ergaben diese nichts Neues. Aber Perdu wäre nicht Perdu gewesen, wenn er nicht schon Ideen gehabt hätte, wo er suchen sollte. Auch wenn ihm die ganze Chose skurril und suspekt vorkam, so hatte er den Entschluss gefasst, seine alte Arbeitsmoral an den Tag zu legen und mit derselben Gewissenhaftigkeit zu arbeiten wie immer. Ob er nun einen Juwelendieb oder einen zitronengelben Kanarienvogel aufspüren müsse, es bliebe ja dennoch dieselbe Aufgabe. Außerdem zahlte die Dame gut und es war eine angenehme Abwechslung zu den haarsträubenden Hirngespinsten der amateurhaften Autoren, deren geistigen Ergüsse er sonst zu korrigieren pflegte.
Er bat Madame Sibylline, ihm vier Tage zu geben, danach würde er sich wieder bei ihr melden. Sie willigte ein.
Seine Strategie bestand darin, jeden Tag eine Himmelsrichtung nach dem Vogel abzusuchen.
Am ersten Tag verschlug es ihn in den Norden, denn er nahm an, der Vogel habe sich vielleicht zu den anderen Vögeln an der Küste gesellt, die vor ein paar Monaten aus dem Süden heimgekehrt waren und nun die Tage an der See genossen. Doch weder an den Klippen noch an den Dünen fand er einen zitronengelben Vogel.
Am zweiten Tag ging er gen Westen, wo die Zechen waren, denn er hatte die Vermutung, ein Minenarbeiter hätte den Vogel nehmen und als Arbeitstier versuchen können. Immerhin waren diese kleinen possierlichen Tierchen wahre Lebensretter unter Tage, auch wenn sie ihr eigenes dafür ließen. Und ganz seinem Arbeitsethos getreu, befragte Perdu nicht nur die Minenarbeiter, sondern stieg selbst einige Meter hinab, um die Vögel der Bergleute zu begutachten, aber keiner von ihnen war zitronengelb. Rußverschmutzt und erfolglos ging er heim.
Am dritten Tag machte er sich auf, um in den Süden der Stadt zu gehen, wo der größte und farbenprächtigste Wochenmarkt der ganzen Gegend stattfand, denn er dachte, vielleicht zögen die Wohlgerüche der Gewürzhändler und die farbenfrohen Stoffe der Tuchhändler das kleine Vögelchen in seinen Bann. So viel zitronengelb hatte Jacques wahrlich selten auf einen Haufen gesehen. Da gab es den Händler, der mit müden Fingern die saftigsten Zitronen und die rundesten Orangen darbot, die Tuchhändler, die Seide und Taft in allen Nuancen der Regenbogenfarben anpriesen und im Sonnenlicht schimmerten die Schmuckstücke der Juweliere in gold und bernsteinfarben und ja, auch in zitronengelb. Aber außer den Liedern der einheimischen Vögel, war kein zauberhafter Gesang zu hören, der von dem kleinen Vogel Clandestine stammen könnte. Erschöpft und müde durch den durch die Gerüche angeregten und dennoch leergebliebenen Magen, schleppte Perdu sich nach Hause und ließ sich missmutig auf das Sofa fallen.
“Ach, Fidèle, was soll ich nur tun? Da kommt nach Jahren ein Auftrag herein, ein verrückter, in der Tat, aber nun soll dies tatsächlich ein weiterer Misserfolg des Jacques Perdu werden?” Fidèle, der seinen Herrn sehr liebte, sprang vom Sessel und lief hinüber zu Jacques, um seine Beine zu umgarnen und ihn mit seinem sanften Schnurren zu beruhigen. Der müde Detektiv beugte sich hinab und streichelte den pechschwarzen Kater, bis dieser plötzlich den Kopf drehte und zur Eingangstür rannte, in die unten ein Gitter eingelassen war. Er musste eine Maus auf der anderen Seite gehört haben, denn er lauerte und spähte, bis er anfing an dem Gitter zu kratzen. Jacques ließ sich zurücksinken und beobachtete Fidèle in seinem sinnlosen Unterfangen.
Doch dann sprang er auf, riss den Kater von den Beinen und küsste ihn mehrmals und liebkoste ihn innig. “Fidèle, du bist ein Genie! Ich wollte morgen gen Osten gehen, auch wenn ich gar keine Idee hatte, wo genau ich suchen soll, aber nun hab ich’s! Heureka, du Teufelskerl! Natürlich! Clandestine kennt nichts anderes als den sicheren Käfig, wo sonst sollte der Vogel sich heimisch fühlen. Ach, Fidèle, wenn ich dich nicht hätte!” Der Kater, etwas verdutzt über den Ausbruch seines Herrn und gleichfalls in seiner Jagd gestört, versuchte sich aus dem Griff zu winden, um vielleicht dennoch ein Mäuschen zu erbeuten. Jacques ließ ihn hinab und goss sich freudvoll und voll Zuversicht ein Glas Wein ein.
Am nächsten Tag bedurfte es keines Weckers und keines starken Kaffees, um Perdu aus den Federn zu treiben. Noch bevor die Uhr sieben schlug, war er auf dem Weg gen Osten, wo der Stadtgarten mit den vielen Obstbäumen, den bunten Beeten und der riesigen Menagerie lag. Natürlich! Da hätte er auch selbst drauf kommen können! Auf dem Weg zum Stadtgarten, grad als er um die Ecke einer kleinen Seitenstraße bog, überkamen ihn Zweifel. Was, wenn er den Vogel auch dort nicht finden konnte? Welches waren seine anderen Möglichkeiten? Während er so grübelte und sich sein Schritt dabei verlangsamte, kam er an einer Bäckerei vorbei, aus deren Fenstern und Türen es herrlich duftete, doch bei all seiner Grübelei, riss es Perdu nicht aus seinen Gedanken.
Einzig dieser gelbe Farbklecks erhaschte seine Aufmerksamkeit, also hob er den Kopf. Doch als er sich umschaute, fiel nur grad die Tür der Bäckerei mit dem zarten Klingen des Türglöckchens ins Schloss. Er hätte schwören können, er habe eine Person in zitronengelber Kleidung gesehen. Aber vielleicht stieg ihm auch nur der Hunger zu Kopf. Er ging weiter auf dem Weg Richtung Stadtgarten und als er grad über die kleine Brücke über das Flüsschen, das das Zentrum vom östlichen Teil der Stadt trennte, gehen wollte, erhaschte er schon wieder im Augenwinkel eine Ahnung von etwas zitronengelbem. Schnell wandte er den Blick, aber schon wieder war er zu langsam.
Er schüttelte den Kopf und schritt über die kleine Brücke. Und da, gerade als er sich in der Mitte befand, dachte er, er traue seinen Augen nicht. Da, am anderen Ende der Brücke, da stand tatsächlich eine junge Frau in einem zitronengelben Kurzmantel. Nicht irgendein gelb, nicht das, welches gerade in Mode war und in jeder Boutique im Schaufenster zu sehen war. Nein, ganz und gar zitronengelb. Jacques war so perplex, dass er wie angewurzelt stehen blieb. Es war, als könne er sich nicht rühren.
Die junge Frau wirkte, als sei sie ebenfalls mitten in der Bewegung erstarrt und sie blickte erschrocken über die Schulter mitten in Perdus Gesicht, gerade so, als fühle sie sich ertappt und wisse nicht, was zu tun sei. Dieser unglaubliche Augenblick gab dem Detektiv einen Moment um die Frau zu beobachten. Sie war von mittlerer Größe, schlanker Figur, mit mahagonibraunen Haaren und einem Blick, der so anziehend war wie der Wald im Frühling.
Nachdem er sich gefasst hatte, machte Jacques einen Schritt nach vorn und die junge Frau begann zu rennen als hänge ihr Leben davon ab. Verständnislos über diese Situation, aber von Intuition und Reflex geprägt, begann Perdu zu rennen, so schnell es seine Beine zuließen. Er folgte der Frau, die sich flink und in einer Art Zickzack durch die engen Gassen der Oststadt bewegte. Einholen konnte er sie keinesfalls, das war ihm klar, aber er wollte sie unter keinen Umständen aus dem Blick verlieren. Er rannte was das Zeug hielt und fühlte sich fast beflügelt und so jung wie damals, als er jede Gasse wie seine Westentasche kannte und er ein erfolgsgekrönter Detektiv war. Kurz vor den Toren des Stadtgartens, durch die die junge Frau geschlüpft war, ging ihm dann doch die Puste aus und er musste sich am kalten Stahl des Tores abstützen und kurz verschnaufen. Da es allerdings nur einen Eingang, der gleichzeitig als Ausgang diente, gab, war er sich sicher, dass er die Frau finden würde, sobald er wieder zu Luft käme.
Als er hineinging, wand er vorsichtshalber unten am Eingangsgitter seinen Gürtel um das Tor, sodass die junge Frau ihm auf keinen Fall entwischen konnte. Er bewegte sich langsam und spähte umher. Die Farbenpracht irritierte seine Augen, eine Flut von Farben zog seinen Blick in alle Richtungen und er versuchte sich auf die Suche nach zitronengelb zu konzentrieren. Zwischen dem Grün der Bäume erhaschte er plötzlich eine schnelle Bewegung von etwas zitronengelbem, also schritt er rasch hinterher und folgte dieser Ahnung um die Ecke. Da lief sie, leichtfüßig und in dem ihm schon bekannten zickzackartigen Huschen, gleich einem Vögelchen, das sich durch die Lüfte schwingt. Er beschleunigte seinen Gang und als er merklich aufgeholt hatte, schaute die junge Frau reflexartig über die Schulter. Ihr Mahagonihaar wehte in der sanften Sommerbrise und ihre Waldaugen blickten ihn mit einer Mischung aus Scheu, Angst und Bestimmtheit an. Er wusste nicht, was in ihrem Blick lag, aber es war, als verlangsamte er seine Schritte für einige Sekunden.
Perdu musste blinzeln und nach diesem wortwörtlichen Augenblick war die Frau verschwunden.
Es war unmöglich! Wie konnte das sein? Vor einer Sekunde stand sie fast nur eine Armlänge von ihm entfernt vor ihm und nun war sie einfach verschwunden! Er blickte wild suchend umher. Und da, etwas weiter hinten auf der linken Seite, da erblickte er einen kleinen zitronengelben Fleck. Er ging näher. Ja, tatsächlich, da hinten, auf dem Zweig einer Rotbuche saß ein zitronengelber Kanarienvogel. Als er sich langsam näherte, begann der Vogel zu singen und die Melodie klang an Jacques’ Ohr. Mit jedem seiner Schritte wurde der Klang lauter. Ein wehmütiges Lied mit tiefen Tönen und einem tragischen Unterton, dessen Gefühl sich um die Glieder legte, ähnlich dem Gefühl, das sich nach den ersten paar Schlucken Bordeaux einstellt. Eine Melodie, die auf eigenartige Weise die Seele einzunehmen schien. Und plötzlich trug der Sommerwind den Geruch von Weihrauch und den Gewürzen ferner Länder. Und als Perdus langsame Schritte versuchten sich weiter ihrem Ziel zu nähern und den Vogel zu packen, ergriff dieser Geruch ihn und nahm ihn völlig ein und alles um ihn herum färbte sich in dunklem Purpur. Dann verlor er das Bewusstsein.

#sundaystory: Annabell

The information given was:
a) English
b) Annabell
c) hearing impaired, smile, charge syndrome
d) suitable for children

dedicated to Anca and Annabell

Tommy is seven years old and today it’s his little sister’s birthday.
All her friends are there. The garden is decorated with balloons, there is cake in the kitchen and confetti on the table.
The girls are playing games in the living room and in the garden. Tommy’s dad and some of the other parents have coffee on the terrace. The girls are loud and Tommy is bored because he doesn’t want to join them in their game. So he goes into the kitchen to see what his mum is doing. She turns around when she hears Tommy enter.
“Hey, my love, what’s the matter? Why are you not playing in the garden?” she asks.
“I don’t want to. The games are boring.” Tommy replies. “Can I stay here with you?”
“Sure you can.” his mums says. “Maybe you’d like to help me with the cake? The candles still need to be placed on top.” She gives the candles to Tommy who is eager to do his best work. Carefully he starts sticking the candles into the cake.
“That looks wonderful, Tommy.” his mum says after he is finished. “Please step away, I’m going to take the cookies out of the oven.” she adds.
Tommy does as he is told and watches his mother taking the colourful cookies out of the oven. “They look delicious.” Tommy says and licks his lips.
“You will have to wait until they have cooled down, my dear.” his mum says with a smile. “Oh hello, darling.” she says when she sees a little girl with golden curls entering the kitchen. The little girl stands in the doorframe and smiles a shy smile.
Tommy’s mum crouches down and talks to the little angel. The little girl points towards the cake and the cookies on the table, then takes her little finger and taps her lips. Tommy’s mum shakes her head and says “No, it’s not ready yet, my dear. The cookies still have to cool down.” She taps the watch on her wrist, then makes a waving hand move that says “later, later.”
The little girl smiles at her and turns around, looks over her shoulder again and gives a shy smile to Tommy, then she runs out of the kitchen to join the other girls again.
“Mum, why did she not speak?” Tommy asks.
His mum sighs and sits down next to Tommy.
“You see, the little girl, that is Annabell. She is hearing impaired, deaf. That means…”
“I know what that means.” Tommy interrupts her. “It means she can’t hear, right?”
“Yes.” his mum answers.
“But why?” Tommy asks.
“You know, there is this syndrome, it is called ‘Charge Syndrome’ and Annabell was born with it. So this syndrome as the doctors call it, is the reason why she can’t hear. It causes different things, sometimes the babies born with this syndrome can’t breath very well because their noses are blocked. Some of them are deaf and others have learning disabilities. That means they need longer to learn something or to understand something, like in school.”
Tommy looks up in the air and thinks about what his mum just said. He frowns.
Then he turns to his mother again and asks “So Annabell was never able to hear?”
“No.” his mum replies.
“Will she ever be able to hear?” Tommy asks. “I mean, I saw it, she has this thing on her head and in her ear. Just like grandpa had. This hearing aid. That helps you to hear, doesn’t it, mum? Grandpa could hear better with it.”
“What a clever boy you are, Tommy.” his mum says and smiles. “Yes, it is a hearing aid. But sometimes it works and sometimes it doesn’t. It depends. You know, there are all these little nerves in our bodies. So when you think ‘I want to lift my right arm right now’, this thought, your brain, gives the signal to the nerves and they send it to your arm and then you lift it. But when the nerve for hearing is damaged, it doesn’t work. Do you understand?”
“Yes, I think I do. But…how does she ‘speak’ then? How does her mum know what she wants? How does Annabell know what her mum wants?”
“How did I understand that Annabell was here to get cookies and cake? Did you see what she did?”
“Yes, she pointed towards the cake and then towards her mouth.”
“And what might that mean, hm?”
Tommy starts smiling and says “It means, I want that cake in my mouth.”
“You see, there are other ways to tell someone what you want, need or think. You don’t need to speak.”
“But, what if she is playing outside and a car is coming and her mum shouts after her, she won’t hear it!” Tommy looks worried and scared.
“Well, of course mums always take care of their children, don’t they? So her mum needs to watch her maybe a little more and make sure that something like that doesn’t happen. On the other hand, you can feel a lot. And for feeling you don’t need hearing either.”
Tommy turns his head quizzically. “How do you mean?”
“I mean, do you remember when you and me were in the big supermarket and you ran off to the sweets aisle when I was searching for a pumpkin for Halloween?”
“Yes, I remember. I lost you.”
“And how did that make you feel?”
“Lost.”
“But you found me, didn’t you?”
“Yes.”
“How?”
“I searched for you.”
“You felt me. Your feelings told you where to find me. And what did I look like?”
“Worried and afraid.”
“Because I was afraid that something had happened to you. Do you remember what happened when we found each other again?”
“You hugged me and told me to never run off again.”
“Can you remember what my body felt like? What did you feel? And do you have an idea what I felt?”
“Hm, easy again. Relieved. It was warm.”
“You see. These are the feelings that we felt. And that is a way of telling someone something as well. Come, I’ll show you something.” His mum rises from her chair and stands in front of Tommy. “Press your hands against your ears as hard as you can until you can’t hear anything anymore.” Tommy does what his mum asked him to do. She hugs him, his face against her chest. She starts sighing and sobbing. Immediately Tommy let his hands fall from his ears and looks at his mum, worried. “What’s the matter, mum?” he asks.
His mum smiles. “Why, what was I doing?”
“You were crying!”
“Why do you think that? Did you see me cry? Did you hear me cry?”
“No, but…I…”
“Yes?”
“I felt it.” Tommy says.
“You see. And when I hug you now and I laugh whole-heartedly, you would know as well. And I can even tell you that I love you without words.”
Tommy nods.
“You still look as if you had questions, my love.”
“Yeah, I wonder… I mean.. there are things that are complicated. Like homework. How does Annabell’s mum explain things like that to her?”
“Good question, Tommy. Of course, you are right, there are things that are more complicated. But therefore, you have sign language. You work with your hands and your face, and a certain sign stands for a certain word. And when you put them in a row, you have a sentence. Do you understand?”
“Like waving your hand for hello and goodbye?”
“Yes, a bit like that. There is a sign for hello, for goodbye, for how are you, for thank you, for I love you.”
“But then, her parents have to learn this language as well?”
“Yes, of course.”
“And all her friends, too!”
“Yes, it’s not easy but if you learn it you can speak with her in a different language than the one we use right now.”
“Like a secret language!” Tommy exclaims.
“Haha, yeah, maybe a bit like that.” his mum laughs.
Suddenly they hear a giggle in the kitchen. Tommy and his mum turn around.
The little angel girl is standing in the doorframe again, watching them. She giggles and laughs.
Tommy smiles. “She laughs with you, mum!”
His mother laughs. “Yeah, maybe she does.”
Tommy waves is hand and whispers “Hi, Annabell.”
The girl with the golden curls looks at him for a while. Then slowly she raises her hand and waves back.
Tommy gets excited, slides from his chair and takes one of the cookies from the plate. By now they have cooled down.
He waves to Annabell as to tell her ‘come over, come’. The girl looks at his mum, who nods, then turns her head towards Tommy again and slowly walks in his direction. He holds the cookie behind his back and waves again.
The shy girl now stands in front of him, her hands folded behind her back, her foot shyly draws circles on the floor.
Tommy raises his finger to get her attention, then takes the cookie from behind is back and holds it in front of her. Immediately Annabell wants to take it, but Tommy withdraws it, takes his pointer finger and puts it in front of his lips, just as to say “shh”, then gives the cookie to Annabell.
The girls eyes widen, she gets excited and smiles. She puts the whole cookie into her little mouth. Then she takes her finger and makes the same “shh” gesture in front of her lips.
Tommy has to laugh, so does Annabell and when the cookie crumbs start spreading all over the floor, even Tommy’s mum has to laugh.

In the evening, when all the cookies and the cake are eaten and the girls are tired from playing and their parents come to pick them up, Tommy, his sister and their parents say goodbye to everyone.
Annabell is also tired, so her mum hugs her and takes her up on her arm.
Tommy waves goodbye to her and whispers a “Bye bye Annabell.”
The little girl turns her head, takes her pointer finger, presses it against her lips to say “shh”, then waves goodbye and laughs again.

Gina Laventura © 2014

#sundaystory: Alles wird gut

Die vorgegebenen Informationen waren:
a) Deutsch
b) Alles wird gut
c) Pferd, Polizist, Eis
d) kindgerecht

für Mathias und Lilly

Es war laut, es war bunt, die Welt stand Kopf, es war Karneval.
Die kleine Mia sprang freudig in ihrem Prinzessinnenkostüm an der Hand ihres Vaters auf und ab, während sie auf dem Weg zum Umzug waren.
Auf dem Weg dahin trafen sie den Polizeipräsidenten, der sich als Sträfling verkleidet hatte, Nachbar Heinrich hatte den Kittel seiner Frau an und seine Frau trug Schnurrbart und die Latzhose ihres Mannes.
Mias Papa hatte sich als König verkleidet, mit einem roten Samtumhang und einer Krone, die Mia selbst noch mit bunten Steinen besetzt hatte. Aus dem gleichen roten Samtstoff hatten sie sich Beutel geschneidert, in denen sie die gefangenen Kamelle nach Hause tragen wollten. Es war sonnig und Mia freute sich schon unglaublich auf den Umzug, der immer einer Parade glich. Sie liebte die ausgelassene Stimmung und bestaunte die einfallsreichen Kostüme der Anderen. Aber am Allermeisten liebte Mia die Pferde, die von Polizisten beritten immer den Umzug säumten. Sie war jedes Mal beeindruckt von den würdevollen Schritten, die diese Tiere machten während sie ihrer Aufgabe nachgingen und wie brav sie waren, obwohl es so unglaublich laut und verrückt um sie herum zuging. Ihr Papa und sie ergatterten noch einen Platz an einem Baum, von wo aus man einen guten Blick auf den Umzug hatte.
Die ersten prächtigen Wagen zogen mit lauter Musik vorbei, die Leute klatschten im Takt und sangen die Lieder mit. Alle waren munter und fröhlich und es regnete neben Bonbons und Schokolade auch Socken und Popcorn in Tüten.
Als gerade der zweite Wagen vorbeigefahren war, musste Mias Papa nötig zur Toilette.
„Mia, wir müssen mal ganz kurz hier zu den Toiletten gehen, komm!“ sagte er.
„Aber Papa!“, rief Mia entrüstet, „Dann verpassen wir doch den ganzen Zug! Kann ich nicht hier bleiben und auf dich warten?“
Mias Papa überlegte kurz. „Na gut, wenn du versprichst genau hier auf mich zu warten… Die Toiletten sind ja gleich hier um die Ecke und ich brauche nur fünf Minuten. Aber du musst versprechen genau hier an diesem Baum zu bleiben, Mia, hörst du?“
Mia war froh, dass sie bleiben durfte und strahlte. „Ja, Papa, ich warte hier.“
Da zog Mias Papa rasch los, da er es mittlerweile sehr eilig hatte.
Mia blieb bei dem Baum zurück und schaute zu, wie der nächste bunte Wagen vorbeifuhr und breitete ihre Tüte aus um ein paar Kamelle zu ergattern. Sie ging ein paar Schritte nach vorn um eine Tüte Bonbons aufzuheben, die dort gelandet war. Als sie den Blick wieder hob, konnte sie vor Staunen den Mund kaum schließen. In würdevollem Gang schritt das schönste Pferd, das sie je gesehen hatte, daher. Ein Rappe mit glänzendem Fell und wallender Mähne, die ordentlich gekämmt und aufwendig festgesteckt war. Stolz und anmutig schritt er voran, mit dem Polizisten in gerader Haltung auf seinem Rücken sitzend. Mia war fasziniert, sie konnte den Blick nicht von dem prächtigen Tier abwenden, dessen kurzes Fell im Sonnenlicht einen rötlichen Schimmer hatte. Und dann geschah das Unglaubliche: Der Rappe, der vorher seinen Blick brav und konzentriert nach vorn gerichtet hatte, wendete seinen Blick zu ihr und schaute sie an! Seine warmen goldbraunen Augen blickten sie direkt an. Da war es um Mia geschehen, keine Sekunde konnte sie ihn aus den Augen lassen, sie versuchte sogar nicht zu blinzeln um keinen Augenblick zu verpassen. Sie konnte sich nicht sattsehen an diesem Wesen, das ihr, und nur ihr, seine Aufmerksamkeit zukommen lassen hatte, bevor es sich wieder auf seine Choreographie konzentrieren musste und mit einer leicht schüttelnden Kopfbewegung seinen Blick nach vorn wandte und weiter voranschritt.
„He da! Pass doch auf, Prinzessin!“, rief plötzlich ein Mann, der als Mönch verkleidet war. Mia war ihm auf den Fuß getreten.
Wie aus einem Traum gerissen schaute sie ihn entgeistert an. Sie schaute sich um, aber die Leute sahen nicht aus, wie die, die sie vorher umgeben hatten. Da war ein Baum, aber es war nicht der gleiche, an dem ihr Papa sie zurückgelassen hatte. Sie musste, fasziniert von dem Rappen, wie in Trance den anmutigen Schritten des Pferdes gefolgt sein. Nun bekam Mia ein flatteriges Gefühl im Magen und ihr wurde mulmig zumute. Wo war sie hier? Wo war Papa?
Sie drehte sich um und konnte in einiger Entfernung den Baum ausmachen, an dem sie hatte warten sollen, doch die Menschen standen so dicht an dicht, grölend und lachend und singend und Bonbonbs kauend. So einfach kam sie da jetzt nicht mehr zurück. Sie schaute wieder nach vorn. Da vor der Kneipe waren das Rettungszelt des Roten Kreuzes und die Tränke für die Pferde aufgebaut. Dort gab es etwas mehr Platz, die Leute wurden etwas ferngehalten, da es sich um einen Rettungsweg handelte und dieser frei bleiben musste, falls dringend ein Verletzter zu den Helfern gebracht werden musste.
Mias Kehle schnürte sich zu und sie bekam es mit der Angst zu tun. Wie sollte sie wieder zurück zum Baum kommen? Wo war Papa? Er musste sich bereits schreckliche Sorgen machen!
Sie lief ein paar Schritte weiter bis zu dem Platz, auf dem die Rettungszelte aufgebaut waren. Dort konnte sie ein Mal tief Luft holen, doch dann stiegen ihr die Tränen in die Augen.
„Na, na, na“, hörte sie jemanden neben sich schnalzen. „So eine hübsche Prinzessin sollte aber nicht weinen.“
Sie schaute auf und da stand ein junger Mann vor ihr, ein Pilot. Groß war er und starke Arme hatte er und ein sehr freundliches Lächeln. Er ging in die Hocke und schaute sie mit seinen freundlichen Augen an.
„Was ist denn passiert?“, fragte er.
Mia fing an zu schluchzen, sodass der Pilot Schwierigkeiten hatte, sie zu verstehen.
„Ich sollte am Baum auf Papa warten, aber dann hab ich das schwarze Pferd gesehen und als ich mich wieder umsah, war ich plötzlich ganz woanders und jetzt weiß ich nicht, wo mein Papa ist.“
Der Pilot lächelte.
„Haha, das schwarze Pferd, meinst du das dort?“, fragte er und zeigte auf den schönen Rappen, der da vorn bei der Tränke stand und sich ausruhte während er Wasser zu sich nahm.
Mias Augen weiteten sich und sie nickte.
„Das“, sagte der Pilot. „ist Arabas, er ist ein Freund von mir. Komm, wir gehen mal hin und schauen, ob wir dir nicht helfen können.“
Er stand auf, nahm Mia bei der Hand und ging mit ihr zur Pferdetränke.
Da stand sie nun, die kleine Mia, nur ein paar Zentimeter vom schönsten Wesen dieses Erdbodens entfernt und als es sie anblickte, seinen Kopf zu ihr neigte und ihr aus seinen Nüstern warme Luft entgegenschnaubte, versiegten auch ihre Tränen.
Sie streckte ihre Finger nach ihm aus und legte ihre Hand auf seine Blässe. Arabas schloss die Augen und genoss es.
„He, Felix.“, rief der Pilot.
Ein Polizist, der grad eine Bratwurst aß, wandte den Kopf. Mit vollem Mund fing er an zu grinsen und rief „Markus, das ist ja schön dich zu sehen.“
Der Polizist kam näher, schmatzend und kauend, blieb bei ihnen stehen und beobachtete die kleine Prinzessin, die da seinen Rappen streichelte, der es ganz offensichtlich toll fand.
„Diese kleine Prinzessin hier“, fuhr der Pilot fort. „scheint sich in Arabas verliebt zu haben und hat nun ihren Vater aus den Augen verloren.“
„Einen Augenblick“, sagte der Polizist, leckte den Rest Senf von seinem Finger und schluckte das letzte Stück Bratwurst hinunter. „So, also, wir suchen deinen Papa, ja?“ Mia nickte und die Tränen stiegen ihr wieder in die Augen.
„Keine Sorge Prinzessin, nicht weinen, alles wird gut! Wie sieht er denn aus? Was hat er an?“, fragte der Polizist.
Mia runzelte die Stirn, schaute an ihrem Kostüm hinunter und antwortete „Na, wenn ich die Prinzessin bin, dann ist er wohl der König.“
Da lachten der Pilot und der Polizist und der Pilot sagte: „Ja, Felix, das hättest du dir eigentlich ausrechnen können!“
„Na gut, Prinzessin, dann mach mal einen Schritt beiseite.“ sagte der Polizist und schwang sich auf den Rücken des Rappen. „Arabas, mein Freund, wir haben einen Auftrag.“
Als er fest im Sattel saß, breitete er die Arme aus und sagte zu dem Piloten „Gib sie mir mal an.“
Eh sich Mia versah, hatte der Pilot sie mit seinen starken Armen gepackt und ihre Füße baumelten in der Luft. Keine zwei Sekunden später saß sie vor dem Polizisten im Sattel. Sie konnte es nicht fassen, sie saß tatsächlich auf dem Rücken des wunderschönen Tieres, das sie zuvor so bewundert hatte und konnte seinen Hals streicheln.
„Gut festhalten!“, rief der Polizist. „Wir gehen jetzt den König suchen.“
Mia warf einen letzten Blick zu dem Piloten und rief ihm ein „Danke“ zu. Dann ritten sie davon.
„Da vorn an dem Baum“, sagte Mia. „Da sollte ich warten.“
Der Polizist saß mit aufrechtem Rücken da und spähte in die Gegend. Es waren so viele Menschen da. Es war schwer überhaupt jemanden auszumachen zwischen all den bunten Hüten, dem fliegenden Konfetti und den zum Bonbons fangen aufgespannten Regenschirmen.
Also räusperte er sich und rief ganz laut „Der König! Der König! Wo ist der König? Ich bringe ihm seine verlorene Tochter zurück! Die verlorene Prinzessin will zum König!“
Da sahen sie eine rote Samtrobe, die sich aufgeregt hin und her bewegte. Da war Mias Papa!
„Mia! Mia!“, rief er.
„Da“, schrie Mia. „Papa!“
Geradewegs ritten sie auf den König zu. Mias Papa staunte nicht schlecht, seine kleine Prinzessin da oben auf dem schönen Rappen zu sehen, als sie vor ihm hielten.
„Ich war krank vor Sorge, wo warst du denn?“, fragte Papa.
Doch bevor Mia etwas sagen konnte, ergriff der Polizist das Wort.
„Ich denke, ihre Tochter hat sich ein kleines bisschen verliebt.“ schmunzelte er und deutete mit seinem Blick auf das Pferd.
„Das ist Arabas.“, strahlte Mia. „Er ist jetzt mein Freund.“
Da musste selbst Mias Vater lachen und man konnte ihm die Erleichterung ansehen.
Er streckte die Arme aus und nahm Mia von Arabas’ Rücken entgegen, als der Polizist sie herunterhob.
„Ich freue mich,“ sagte Mias Papa „dass du einen neuen Freund gefunden hast, aber das nächste Mal warte bitte dort, wo wir es ausgemacht haben. Ich habe mich fürchterlich gesorgt!“
„Ja, Papa.“, sagte Mia. „Es tut mir leid, ich habe nicht gemerkt, dass ich mitgelaufen bin. Ich hatte auch Angst.“ Da war er wieder, der Kloß in ihrem Hals und sie fing an zu weinen, weil sie so froh war wieder bei ihrem Papa zu sein. Die Leute um sie herum fingen an zu klatschen und riefen „Der König hat seine Prinzessin wieder!“
Mias Papa schaute auf und sagte zum Polizisten: „Vielen, vielen Dank, dass Sie sie mir wiedergebracht haben!“
„Aber klar doch.“, antwortete der Polizist zufrieden lächelnd. „Die Polizei, dein Freund und Helfer.“ Und er zwinkerte Mia zu.
„Zum Dank“, fuhr Mias Papa fort, „würde ich Sie gerne auf ein Eis einladen.“
„Und den Piloten auch!“, rief Mia.
Mias Papa verstand nur Bahnhof aber nickte und sagte „Ja, den Piloten auch.“
„Und ein Stückchen Zucker für Arabas!“, rief Mia erneut.
„Ja auch das.“, entgegnete ihr Papa.
Und so kam es, dass Mia das schönste Karnevalsfest überhaupt verbrachte. Nachdem der Umzug vorbei war, saß die Prinzessin mit ihrem Vater, dem König, dem Polizisten und dem Piloten bei Spaghetti-Eis und Milchshakes und Kakao draußen bei der Eisdiele, während Arabas die Zuckerwürfel aus ihrer Hand schleckte und dabei wohlig warme Luft ausstieß.
An diesem Abend, als der König seine Prinzessin zu Bett brachte, schlummerte diese mit einem zufriedenen Lächeln ein und er nahm ihr die Krone ab und gab ihr einen Gutenachtkuss auf die Stirn.
Sie murmelte noch ein „Das glaubt mir keiner.“, dann schlief sie ein.

Gina Laventura ©2014

#sundaystory: Hautfarbe

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Die vorgegebenen Informationen waren:
a) Deutsch
b) Hautfarbe
c) Unbewusster Rassismus, Vorurteil, Unterschied
d) traurig

für Christian

Ich wandle durch die Straßen der Stadt. Einer Stadt der zivilisierten, aufgeschlossenen, westlichen Welt.
Ich schaue mich um. Und ich spüre die Blicke der Leute, wie sie an mir haften, sich nur schwer lösen, oder wie ich zufällig in ihr Blickfeld gerate und sie schnell den Kopf wenden um mich wieder auszublenden.
Ich wandle durch die Straßen eines Landes, das so viel zu bieten hat, das ich mag, in das ich gekommen bin, weil ich kommen wollte.
Ich wandle durch die Straßen eines Landes, deren Menschen mit dem Spiel “Wer hat Angst vorm schwarzen Mann” aufgewachsen sind. Und genauso starren mich manche an. Als seien sie ertappt worden. Nun müssen sie auf der Hut sein.
In ihren Blicken kann ich die Vorurteile förmlich sehen. Da steht es geschrieben: “Achtung, der ist gefährlich!”, “Mädchen, pass auf, der ist aggressiv!”, “Stell den bloß nicht ein, der ist bestimmt faul und vielleicht stiehlt er sogar. Seine Familie hat bestimmt nichts.”
Naja, also zum Einen kann ich keiner Fliege etwas zu Leide tun, zum Anderen bin ich so schüchtern, dass ich mich kaum traue Mädchen anzusprechen und wenn doch, dann käme ich im Leben nicht auf die Idee, ihnen etwas anzutun, und meiner Familie geht es gut, aber weil ich hier das Metier gefunden habe, in dem ich arbeiten möchte, das mich reizt und in dem ich gut bin, habe ich mich dazu entschlossen hierher zu kommen. Um mich selbst zu verwirklichen und das zu tun, was ich wirklich gerne tu, worin ich gut bin.
Aber das interessiert nicht.
Ich will nicht sagen, dass ich durch die Straßen eines rassistischen Landes wandle, um Himmels Willen, nein. Ich habe hier sehr nette Menschen getroffen, aufgeschlossene Menschen, die mich herzlich empfangen haben. Ich habe an der Uni mit Mädchen Kaffee getrunken, die keine Angst vor mir hatten, ja, die mich vielleicht sogar mochten. Ich habe Kinder getroffen, die mich angelacht haben und mir stolz ihr Kuscheltier entgegen hielten und mir sogar verrieten, wie es hieß. (Allgemeinhin sollte man anmerken, dass viele Kinder bei “Wer hat Angst vorm schwarzen Mann” überhaupt nicht an die Hautfarbe schwarz denken, sondern an einen großen unheimlichen Mann mit weißer Haut, der aber dunkle Kleidung trägt)
Aber ich kann mich des Eindrucks trotzdem nicht erwehren, dass ich hin und wieder, dann und wann und auch mal öfter mit unbewusstem Rassismus konfrontiert werde. Die Leute merken es vielleicht noch nicht mal. Aber wenn ich Zug fahre und neben mir ein Sitz frei ist, dann merke ich das kurze Innehalten der Einsteigenden, die einen freien Platz suchen, den neben mir betrachten, mich anschauen und dann doch weiterziehen. Interessant sind dann auch die, die sich doch widerwillig neben mich in den Sitz fallen lassen, weil sie denken, sie müssten es tun, damit ich sie nicht als Rassist abstempel.
Das ist doch verrückt.
Überall heißt es “Embrace Diversity”, Unterschiede machen das Land und das Leben bunter. Nur meins anscheinend eben nicht.
Es heißt, wir integrieren uns nicht, wir blieben eh nur in unseren Gemeinschaften. Und ja, ja ich treffe Freunde, deren Familien aus fast der gleichen Gegend stammen wie ich und wir kochen Gerichte von Zuhause und tauschen uns über Gemeinsamkeiten aus. Denn in dieser bunten Welt des Unterschieds ist es manchmal ungemütlich. Und einsam. Und Zuhause ist es warm. Zuhause ist weit weg. Das war, was wir alle in Kauf genommen haben um hier unsere Chancen wahrzunehmen; dass nun zwischen uns und unseren Familien wahrhaftig Welten liegen. Aber bitte, wie gern hätte ich die Mädchen vom Kaffeetrinken oder die Kommilitonen zu so einem Abend mal eingeladen, damit sie die Gerichte kosten können, die ich von meiner Mutter gelernt habe? Aber so groß ist die Freude am Unterschied dann wohl doch nicht, als dass sie das mal gern probieren würden. Leider, denn es schmeckt wirklich gut und ich würde gern meine Welt mit den Menschen teilen, in deren Welt ich mich bewege. Aber keins der Mädchen vom Kaffeetrinken und kein Kommilitone, dem ich bei seinen Aufgaben geholfen habe, hatte mal Lust mitzukommen. Weil sie dann ja doch recht einsam im Raum auffallen würden, mit ihrer anderen Hautfarbe. Haha, ja, das würden sie wohl. Einen Abend lang.
Und das, was sie dann einen Abend lang erleben würden, von dem herzlichen Empfang bis hin zu den komischen Blicken, eben weil sie anders wären, das ist das, was ich jeden Tag erlebe. Bienvenue dans ma vie. Willkommen in meinem Leben.
Aber so groß ist der Spaß am Unterschied und an der bunten Welt wohl nicht. Den hat man nämlich nur dann, wenn man selbst die Farben aussuchen und mischen darf.
Ich wandle durch die Straßen der Stadt. Einer Stadt der zivilisierten, aufgeschlossenen, westlichen Welt.
Einer Welt, die mich anscheinend nicht will. Oder wenn, dann nur bedingt.
Und wenn ich dann mal mit einem Menschen warm laufe, ihn beim Reden an die Schulter fasse oder wenn ich diese Person mit Wangenküsschen links und rechts verabschiede, dann schauen sie mich an, als hätte ich soeben den kompletten Teppich des guten Benehmens besudelt. Weil sie sie vielleicht befremdlich finden, diese Wärme, die ich von Zuhause kenne und die mich in manchen Momenten überkommt, in denen ich dann vergesse, dass man das hier meistens eher nicht so macht. Zaghaft setze ich wieder Fuß vor Fuß und bemühe mich, ordentlich auf dem vorgezeichneten Plan zu laufen. Ich sage artig “Guten Tag” und erkundige mich nach dem Befinden der Frau Mama, weil ich das als gutes Benehmen von klein auf beigebracht bekommen habe. Ich sage “Grüß deine Mutter”, weil sich das bei uns so gehört, als Antwort bekomme ich ein schallendes Lachen und ein “Aber du kennst sie doch gar nicht”. Wie oft habe ich mich gefragt, ob sie die Grüße wohl jemals ausrichten.
Es ist auch nicht so, als würden die Leute mich nicht mögen, manche sind sehr nett zu mir und laden mich sogar zu ihrem Geburtstag ein. Es ist auch nicht so, als wüsste mein Chef meine Arbeit nicht zu schätzen, ganz im Gegenteil, er ist sehr erfreut über meine Erkenntnisse und meinen Beitrag zum Firmenwachstum. Ein Kommilitone aus dem ersten Semester, den ich nach einiger Zeit wiedertreffe, freut sich mich zu sehen und komplimentiert meine sprachlichen sowie beruflichen Fortschritte. Ich arbeite viel, ich lerne viel, ich lese viel, ich übe die Sprache und setze mich mit der hiesigen Kultur auseinander. Möchte ein Teil davon sein und einen Teil von meiner Kultur, von mir, zurückgeben.
Embrace Diversity, Unterschied macht bunt. Aber anscheinend malen wir leider nicht gemeinsam.
Denn wenn das Verhältnis der Farben sich ändert, dann würdet ihr wohl im Raum auffallen, mit eurer anderen Hautfarbe. Einen Abend lang.
Und das, was ihr dann einen Abend lang erleben würdet, das ist das, was ich jeden Tag erlebe. Bienvenue dans ma vie. Willkommen in meinem Leben.

Gina Laventura © 2015

#sundaystory: Light at the End of the Tunnel

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The information given was:
a) English
b) Light at the end of the tunnel
c) hope, end, tired
d) sarcastic

dedicated to Mathias

Work is done. I’m hitting the road with my car. Rush hour. Traffic.
I’m tired, I’m stressed, I’m exhausted.
Red lights in front of me. On the other lane white and yellow lights staring at me. Inch by inch we move.
How much this situation resembles my life at the moment, I think. I’m moving, but barely do I get forward. Everywhere I look I see red lights, stop and go, slow movement, while on the other side of the road it’s going quicker, people rushing by, leaving me behind.
I just want to get home, it’s my daughter’s birthday and I hope I make it in time to see her opening all the gift boxes. And I still need to prepare a presentation for the meeting tomorrow. Big client. Important client. Sleep is overrated anyway.
All those obligations, musts, have tos. What makes a man a good man? What makes a father a good father? What makes an employee a good employee? Here’s the path. This is how it has to be done.
No options, just obligations.
Similar to my ride in the car. You want to rush, but you can’t, unless you want to crash the car in front of you. You want to turn right, but the lane goes straight forward. Only options are the junctions, the exits. But somebody else established them.
A look on the clock. Tic toc. Time’s running, but nothing’s moving. I get nervous, angry, my hands start sweating.
Deep breath. I put my head on the steering wheel.
Oh, we’re moving again. Slowly, but moving, entering a tunnel.
The darkness embraces me as one of its own. Red lights blinding my eyes. We stop again.
I’m trapped.
In a dark tunnel.
The black walls swallow all my hope, all my senses, all my sanity.
And what they spit out is fear. A fear that creeps up my chest. Barely can I breath.
What if it is going to stay like this forever? Stop and go, but no real forward movement? Blackness around me, lost hopes, and the only thing that stays is a pain in the leg from trying to push the pedal. In vain.
The further we get into the tunnel, the more lost I feel. The more I can only think of black walls surrounding me, the red light directly in front of me, the white light directly behind me.
Everything blurs and turns.
I can’t look ahead. I can’t think ahead. I. am. stuck.
While I’m pushed and pulled by darkness, red and white dots dancing around me, mocking me, I suddenly perceive a beam. Is that the sun?
I close my eyes for a minute. I open them slowly. Inch by inch.
Yes, indeed, it must be the sun.
Beeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeep!
Oh!
The red light that beforehand was so close in front of me had moved further away.
We were moving!
Not only were we moving, but we were moving towards the sun.
Its beautiful radiance becoming bigger and bigger, smiling at us.
The darkness vanishes. Slowly. Inch by inch.
I see the light at the end of the tunnel.
Finally, I can breath again.

#sundaystory: Einsamkeit

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The information given was:
a) English
b) Einsamkeit
c) death, music, dance
d) sarcastic

dedicated to Benjamin

Ein-sam-keit. German for Lone-li-ness.
Did you ever feel lonely? By all respect, I don’t mean alone, I said lonely.
You ask where the difference is?
Ok, let me try to explain. Alone is when you feel a lack of company, when you wish being surrounded by people. No, no, when you wish for a particular person to stick around, that is called missing. That’s not the same! Lonely is when you even feel alone, lost, misunderstood or not understood amongst a mass of people, say, you dance and swing and sway to the music in a club, surrounded by all your friends, but somehow there is still this hollow place inside your chest and you feel a lack of something, but you can’t really define it. That comes closer to feeling lonely, yeah.
Okay, now that we have discussed the formalities, I ask you again: Have you ever felt lonely? Alone? Ever missed someone?
‘Yes’ you say? Good.
‘No’, you say? Well, I’ve met people like you before. People who didn’t know loneliness, who never felt alone, who never knew missing. Let me tell you, I taught them missing of the worst kind. I taught them loneliness of the bitterest kind. They were never more alone than at that moment I came around.
Whether I felt sorry for that? Hell, no! Why should I? That’s my job! Plus, call me mean or nasty or unfair, but, it’s not my decision you know?! That is something that you have to understand. I’m not the one writing the book, I’m not the one setting the time and once the timer rings it’s over. I’m just there when the timer rings. I’m there when it’s over. And looking back over my shoulder I see the pain start for those who remain. But if you ask me whether I feel sorry for it, no, really, I don’t. Why should I? I’m as old as time and it has always been that way.
See, now you call me nasty and cold hearted. (Funny enough my friends, who ever said I had a heart, huh?)
But in fact it’s you who are so nasty and egocentric. You ask the wrong questions. You ask whether I feel sorry for it and I answer honestly, honestly no. And you condemn me. But you never ask whether I feel happy about it or whether I feel joy. Because, guess what, the answer is also no. No, I neither feel sorry, nor do I feel joy.
Okay, okay, I have to admit, sometimes I feel a little satisfied. Especially when meeting people who never knew missing, who never knew loneliness. Because, I think it’s unfair, you know. No one ever asked me whether I felt lonely. I mean, yes it is my job, and I do not complain, and it’s been like that since forever, basically. But guess what, walking the streets and wandering the paths until another timer goes off, rings, and I know another job’s awaiting me, can become quite a lonely journey. And then, when it’s over and the ones who remain are taught the lesson of loneliness and missing, at that very moment, we share something. And you know what? That makes me feel less lonely.
So, now you start calling me an egotistic and nasty bastard, you see, there we are again. It’s always me. I’m always the bad guy.
But you failed to ask the right questions!
I do not particularly enjoy it and I’m not sadistic, I just say, sometimes, rarely ever but sometimes it gives me a little satisfaction. But more often than not, it’s just a job.
And sometimes, when meeting those cocky, stupid numpties who don’t know shit about missing and loneliness, I teach a lesson. That’s also part of my job.
On the other hand, let me be clear about one thing.. If you belong to those who say they knew missing and loneliness.. we have to have a word or two as well…
What you call missing or loneliness sometimes, my friends, is purely ridiculous! I mean, hello-ho, you miss someone? Don’t you all have those cute little or big devices for communicating? Tell them. Meet them. Oh, oh, yeah, I see, not possible, yeah, sure. Screw it! The only thing not possible here, is you getting over your close minded assumptions of what is possible and what is not! I never thought it would be possible to hold someone in my hands and suddenly they would slide away and vanish from my fingers, where they had been lingering a minute before, but hey, it happened! Yeah, okay, okay, you do not miss a particular person, but you miss “the old times”, got it. Well, erm, how do I put it nicely… get over it!
I urge you, don’t wait for me to come around to teach you the true and honest meaning of missing and loneliness. It’s harder to get over that one, believe me!
You know, you call me egotistic and nasty, but actually, I’m more generous than you are. I embrace you all, the cocky numpties and the ones who exaggerate and complain a lot, the ones who fight me (by the way, sometimes I even like it when they win, keeps me in shape), the ones who wave ‘hello’ to me, the ones who jump into my arms, the kind ones, the nasty ones. You are all the same in front of me. When you meet me, there is no difference. And I embrace you all. See, I’m generous. Why can’t you embrace me as a matter of fact? Why can’t you embrace the fact that I will be there when your timer rings? We could listen to some sweet music, maybe I’d even let you choose the tune, and we could dance together. Both not lonely for the short rush of a moment that we share.
But yeah, I think, this gap is not so easy to be bridged and I will always be on the darker end of the scale. I mean, I’m competing with bright life, huh. That’s a tough competitor. On the other hand, sometimes some of you don’t appreciate my competitor as much as he deserves, really, I mean it. I know a good man when I see one! And I know a good competitor. You guys really should love him a little more. He gives a whole lot to you, offers you so many possibilities. In comparison to what he offers, what do I have to offer?
Open arms for you and a lesson about missing and loneliness for those who remain.
Your choice, my friends. I will be waiting, anyway.

Gina Laventura © 2015

(inspired by and in honour of Markus Zusak’s The Book Thief, whose approach towards narration through Death’s perspective was an extraordinary piece of art to work with.)

#sundaystory: Sparrow

The first sundaystory I’ve written in October 2014, hope you like it.

The information given was:
a) English
b) Sparrow
c) church, beer, Frankenstein
d) dramatic

dedicated to Tammy

Frank sat in his office organizing the upcoming appointments when his secretary Susie entered to bring him coffee.
“Thanks, Susie. So, what’s the plan for today?”
Susie opened her notepad and started.
“So, first of all Dr Robinson asked for the record of Miss Donald, the patient you’ve sent to him, Mr Fuller had another panic attack and asks for an emergency appointment with you and then there’s this persistent journalist who’d like to interview you about the organisation.”
“Ok, please send a copy of Miss Donald’s record to Dr Robinson as soon as possible, then tell Mr Fuller that he should be here round about six and call the journalist and tell him that we should meet here on Saturday at 12 o’clock.”
“But Dr Steiner, on Saturday at 1pm you are supposed to give a speech about the organisation in the frame of the conference.”
“Ah, yes, sure. Well, okay, then tell the journalist to be here at 8.30.”
“Yes, Sir.”
“Thank you, Susie.”
After Susie had closed the door, Frank leaned back in his chair, looked outside the window and smiled.
Frank Steiner really had done enough in his life to be proud of. He was a well-known psychotherapist, the journals filled with his theories and his methods of practice, the tabloids full of information about organisation Sparrow, the organisation he had founded years ago, the organisation best known for being against genetic engineering, animal testing and in general against people playing God.
He sipped his coffee and smiled again before he turned to concentrate on the record of the patient that was the first one on the list for today. He wasn’t really looking forward to meeting Mr Fuller at six, a time he normally closes the office, but he had dedicated himself to his work and so he couldn’t leave his patients in trouble. Plus, they paid too well to be let down.
The first three patients were gone and he had another hour before the next one was to arrive, so he went through the speech he was to give on Saturday. About the philosophy and the aims of Sparrow and the reasons why it is important not to play God. He was halfway through the speech, when Susie knocked shortly at the door before she entered. She looked bewildered.
“What’s the matter, Susie?”
“I was just about to organise the patients’ records again, when someone slid this envelope under the door crack. I opened the door quickly to see who it was but I was too slow, I only saw a person with a dark hoodie turn left and away he was.”
“Let me see.”
Susie was hesitant to hand the envelope to her boss.
“But Sir, I don’t feel well about it. You know there are enough people who are against Sparrow’s principles and who threatened you. And not all of your patients are mentally stable. What if someone wants to harm you?”
Frank patted Susie’s shoulder and went to pour her a cup of tea. When he handed her the tea, he took the envelope within the same movement.
“Susie, it wouldn’t be the first time that a future patient asks for my help this way. Some of them are embarrassed to enter the office and admit that they need help. Probably it is just another poor creature who wants my aid. Don’t worry.”
He shook the envelope but the only thing perceivable was the noise of paper scratching against paper. He opened the envelope and took a piece of paper out.
Susie, sipping her tea with a nervous twitch in her eye, rose her eyebrow quizzically.
“You see, it just says ‘meet me at the church tonight, 9pm, come alone.’. As I told you, it’s not the first time that I get a message like that and it took me several meetings in bizarre places like parks and graveyards before I could convince the people to come into my office.”
Susie didn’t seem convinced but she nodded and said “Just be careful, Sir.”
After he had managed to calm Susie down and she went off, Frank sat down and took a closer look at the piece of paper. It was a neat handwriting. But no trace of intention or what this person might want from him. Back to the speech for Sparrow, he told himself and practiced a little more before the next patient entered.
At quarter to six the last official patient left and Frank stretched himself and walked around the room yawning.
He went to the front room and told Susie that he’d be able to take care of Mr Fuller alone and that she could go home.
Mr Fuller came punctually, like always, six o’clock standing in front of the Doctor like a tin soldier, mechanic movements and a nervous smile when he shook his hand.
It nearly took two hours to take care of Mr Fuller and to calm him down and convince him that he can overcome his panic attacks by using breathing techniques and mantras and that no one meant to do him harm in public.
Frank locked the door firmly after Mr Fuller had left.
“Poor soul”, he said, looked at his watch, shook his head and started brewing a strong coffee.
The church was nearby, so there was no time or reason to head back home before the meeting with Mr Anonymous. Or Mrs?
While sitting down with his coffee, Frank went through the questions the journalist had sent him in advance, so that he could prepare his answers for the interview.
He read aloud.
“’Is it out of religious reasons that Sparrow’s aim is to prevent people from playing God?’”, Frank laughed whole heartedly, took his pen and wrote his notes down. “’No, it’s out of human reasons, the church or religion has nothing to do with it. It’s just a coincidence that Sparrow’s principles seem similar to those of the church. But from a psychological point of view, the human brain and mental condition is not created for such a burden as to play God, as to make decisions that include creating artificial intelligence or maintaining a superiority above other beings. People are cruel, and they like to demonstrate their superiority and strength, but sooner or later their mind will not be able to carry the burden of these events anymore, and this is when they come to my office. Insert wink and smile.’ Have to shape and shift the words a bit, but yeah, that should answer it.” Another look at his watch. Now he had to hurry a bit to be at the church in time.
He took his coat from the wardrobe and swung a scarf around his neck.
It was just a twenty minute walk and the cool wind in combination with the dry and golden autumn air revived Frank’s senses.
When he came to the church, he looked around, but saw no one waiting for him. He walked around the church to make sure he didn’t stand in front of the wrong entrance. But no one was there. He took the piece of paper out of his pocket again, checked the time, checked his watch. “No, it says 9pm and it is 9pm.” But then he took a closer look again and tapped his forehead. “It says IN the church, meet me IN the church. Doctor, doctor, you should pay more attention.”
Frank opened the door and even before he was completely inside the wind pressed against the door and shut it with a slam behind him. He just had enough time to prevent his coat from being caught in the door. He looked around, some candles still burning, other than that: darkness. He shortly thought about taking some holy water and crossing his chest, but then he dismissed the thought as he made out a person sitting on a bench.
He went over, stood in the aisle and waited for the person to move.
“Good evening, Dr Frankenstein.”, it said. Only now did Frank realise that it was a woman. She turned around and took the dark hood from her head and smiled at him. Her wavy hair that was halfway stuck inside her hoody had the colour of a deer’s fur, red-brownish and framed her friendly face perfectly. While greeting him she rose her other hand, holding a beer and cheered to him.
“Oh, it’s Dr Steiner. Frank Steiner. Good evening, Mrs?”
The woman smiled and took another sip of her beer. She must be in her mid-twenties, Frank thought. Who is she, he wondered.
“Don’t you wanna sit down, Dr Frankenstein?” the woman said and tapped on the wooden bench.
Frank cleared his throat and sat down beside her.
“How can I help you, Mrs?”
“Miss.”
“I beg your pardon?”
“It’s Miss, not Mrs!” Her smile vanished.
“Ok, Miss…”
“Frankenstein, you’re really persistent with these formalities, aren’t you?”
Frank was about to give one of his smart, psychological-theoretical answers, but a raising eyebrow of the woman somehow stopped him and he fell silent. This is not just another poor creature asking for my help, he thought, this is different. What does this woman want from me?
“If you insist, Sir, Shelley.”
“Pardon?”
“Call me Shelley, that’s what I said.”
“Ok, Miss Shelley. You wanted to see me.”
“Yup, that’s correct. And here you are.” She took another sip of her beer, emptied the can, and let it drop to the floor. The echo was deafening. She reached for her bag, took out another can, opened it with a quick movement, took a new sip and hunched over the backrest of the bench before her, watching the candles.
“Amazing, huh? All this silence. And the warm candlelight.”
“I agree. Miss Shelley, is there a reason why you picked the church for our meeting?”
“Yup.”
“And may I ask what the reason was?”
“Yup.”
“Well, so, what was the reason?”
Silence.
“Miss Shelley?”
She smiled again. “Well, Frankenstein, you asked whether you may ask for the reason and I agreed. But I never agreed on giving you an answer, did I?”
Frank was baffled.
“Haha, Doctor, what’s wrong? Table’s turning? One time it’s not you being the smartass and tricking people through language, huh?” She looked truly amused.
Frank looked around. It was just the two of them. He looked at her, but her look was again fixed on the candles, the corner of her mouth still slightly amused.
Frank tried to look at his watch without being noticed. But Shelley suddenly awoke from her tranquil trance and turned towards him.
“So, Doctor, as it seems you are a busy man with a tight schedule, huh?”
Frank cleared his throat. “Well, it was a busy day today and the patients will be waiting for me early in the morning tomorrow.”
“Well, let them wait.”
“Miss Shelley, I’m sorry, but I can’t. These people are depending on my help.”
“Haha, oh, are they, yes?”
“Yes. So, I would be really pleased if you told me why I am here. How can I help you, Miss Shelley?”
A burst out of laughter that shocked Frank to the bones, the echo pulsating through the whole church.
“Haha, you? Help? Me? Haha, Frankenstein, I knew you were a witty and smart man, but I didn’t know you were a funny one, too.”
Frank was bewildered and he could feel a twitch coming up in his eyelid. With all his profound knowledge, he felt incapable of figuring out what this young woman wanted from him.
“So, you know me? Have you read about me?”
“Sure.”
“Miss Shelley, will you tell me why I am here? I am really willing to…”
“Shush, Frankenstein. You had a busy day. You must be exhausted, huh? Helping all those ‘poor creatures’ as you tend to call them, huh? Structuring texts for your organisation Sparrow, huh? This beautiful idea of yours that we’re not supposed to play God.”
“Is this why you chose the church as a meeting point?”
“Nope. Or, maybe. Who knows?”
“You know.”
“Haha, being a smartass again, huh, Doctor? But before you take another look at your watch, I’m not gonna waste your time, Frankenstein.”
“Could you maybe stop calling me Frankenstein? Frankenstein is a fictional character, who…”
“….was a smartass, just like you.”
“Yes, but he created a…”
“….monster, I know. I thought you didn’t wanna waste time? So, your decision, do you wanna discuss fiction or listen to a real story?”
Frank fell silent.
“Wonderful, decision made, wise guy. So, back to the topic. Your office running well, Mr Best-Psychotherapist-in-Town?”
“Yes, I’d say so.”
“Great. And your organisation running well, huh? People listening to you, agreeing with you, following your ideas?”
“Ahem, well, it’s not only my ideas, but..”
“..but it’s the ones you spread, the ones you support, the ones your organisation stands for, right?”
“That is correct.” Frank answered and couldn’t prevent his chest from raising a bit out of pride.
Shelley smiled again.
“Fancy a beer, Frankenstein?”
“No, thank you, Miss Shelley.”
“You knew my mother.” Ah, there we go, Frank thought. Maybe a former patient.
“Who is your mother?”
“Was.”
“Pardon?”
“My gosh, Frankenstein, what’s wrong with you? Is your head tired? Was, I said, was. The correct question according to the circumstances is ‘Who WAS your mother?’, got it?”
“I’m sorry.”
“Yeah, sure you are.”
“So, who was your mother?”
“The more important question is, who were you?”
“You mean who I am?”
“No, I said who you WERE. Back then. I tell you who you were. You were the first man in my mother’s life. Her name was Mary.”
Frank sighed. This must have been decades ago, maybe twenty, thirty years. But to make sure, he asked “Which Mary?”
“Ok Doctor, little wrap up, just to make this process quicker: You were a young student of Psychology, keen on making new discoveries, convinced of your own ideas and ideals. That’s when you met my mother and became the first man of her life.”
Frank tried to recreate his first years as a student. But he had never been living the life of a monk, especially not in those days, but suddenly he remembered: Mary, Mary was special, she wasn’t one of the quick ones, he had spent one or two years with her. A beautiful little woman with a fragile body shape.
“Yes, I remember her.”
“You should.”
“I’m sorry to hear about your loss.”
“Loss…Tell me, Doctor, isn’t it like this: You need to have something in order to lose it?”
“Excuse me?”
“I mean, I can’t lose something that I never had, right?”
“Well, no. But, you did know your mother didn’t you?”
“Oh, Frankenstein, how much can you know a person when this person doesn’t know herself and likewise you don’t know yourself?”
Frank looked quizzically.
“I thought you liked theoretical approaches, Doctor.”
“How did she die?”
“Killed herself.”
“Oh, I’m sorry to hear that. Did she suffer from depression?”
“She suffered from existence.”
“Pardon?”
“Doctor, there is a difference between existing and living, don’t you think?”
“Yes.”
“Are you sure you don’t fancy a beer?”
“Yes, thank you. So, your mother was suicidal.”
“Doesn’t suicidal imply that she had those tendencies where she tried it several times? No, my mother made her decision and did it without mistakes, no need for a second try. What she did, she did properly.”
Frank cleared his throat several times. The feeling that there was more to this story than a young girl having lost her mother crawled up from his feet, through his knees, to his chest and throat.
“So, you remember her, right?”
“Yes, I do. Beautiful young lady.”
“Young enough, huh? How many years between you?”
“Erm, I don’t know, maybe four or..”
“Seven, Frankenstein, seven!”
“Well, but, yeah, as I said beautiful young woman, very mature for her age, supporting me in my studies and..”
“You mean being your experiment.”
“Pardon?” The words got stuck in Frank’s throat.
“You and your high ideals, your ideas of peoples’ minds not having the capacity to carry the burden of playing God. Everything leading to your oh so perfect and successful life, Doctor.” Shelley replied sarcastically, waving her beer can around and looking at Frank with despite.
“But, I mean, what are you talking about? What kind of experiment? I wished she had come to see me, maybe I could have helped her and then…”
“Helped her?” Shelley got angry. “Frankenstein, you smart numpty, what you don’t get is, that you are the reason. If you hadn’t been, there wouldn’t have been a reason to help her.”
“Pardon? Well, erm, I mean, I don’t understand. Your mother and I had a wonderful time together, some twenty, thirty years ago and..”
“Twenty-Seven.”
“Okay, yeah, twenty-seven and then we separated and never kept in contact. So how could I be…”
“How could you be what? Responsible you mean?” Shelley clicked her tongue.
“Oh Frankyboy. You picked a weak young girl you could form according to your needs and wishes. You infected her with your ideas, she was amazed by your profound knowledge, which was a mere doctrine you established to maintain this feeling of superiority. Yes, superiority, the thing you condemn with others, but that your gut and ego is craving for. You became the whisper that poisoned her.”
“Well, Miss Shelley, I think you are mistaken…”
“Shush, Frankenstein, you don’t wanna enrage me, believe me. Sit down and listen. Take a spoonful of your own history. Listen and learn, Mr Sparrow. My mother was young, fragile, but she had the best potential to have an outstanding personality, character. But in younger years it’s so fragile, so easy to be bent or broken. And that’s where you came into her life. A man seven years older than her, a man that was supposed to take care of her, to be better, to help her living up to her potential, especially a man in your position, studying psyche and mental stuff and so forth. But you were just interested in your ideas, your ideals that were to become the doctrine of your organisation. You told her what was wrong and right, you told her how to live, how to be, everything. You robbed her of her personality. And you created a monster.”
“How dare you speak of your own mother like that?”
“Shut, the, fuck, up, Frankenstein and swallow your lesson! You created a monster, so lost and forgotten in this world. She was lost after you left. Infected by your doctrine, by your thoughts, your philosophy. You played God and created her. She never came back to a point where she would have been able to create or establish a personality. Living according to the utterances of others. Lost. Yeah, lost and helpless.” Shelley took a deep breath and another sip of beer. “So, that’s what you did, Doctor, out of your egotistic experimenting you infected a young woman and created a monster. This has a double-layered meaning by the way, haha. But you don’t seem to be down for jokes right now, are you?”
Frank’s nervous twitch in the eyelid had now become visible and he swallowed with difficulty. A million thoughts, pictures and impressions running through his mind.
“I think,”, he whispered. “I’d like to have a beer now.”
Shelley let her palm fall down on his shoulder and smiled a tired smile.
“Finally, Frankenstein, you get reasonable.”
She handed him a beer and he took a big gulp.
“Yeah, take a draught, that’s better now, huh? Can you taste it?”
“What?”
“The taste of guilt.”
Frank just looked down on the beer in his hands and cleared his throat again.
“I wish I…”, he started.
“Shush, shush, shush. Isn’t it funny how paradoxical life is?” Shelley said, smiled and watched the candles, the wax nearly swallowing the rest of the fire.
“What do you mean?”
“I mean, your office, your patients, organisation Sparrow, everything you’ve lived for now becomes everything you’re going to die for.”
Frank lifted his head quickly, and his pale face looked at Shelley in shock.
“We are not supposed to play God, you said, Doctor, but you did, didn’t you? And sooner or later the human mind is not capable of carrying the weight of this burden anymore, right?”
“What? What, what did you…?”
“Take another sip, Doctor, it’s gonna help you.” Shelley said, while getting up from the bench and winking at him. She took her bag over her shoulder and made her way towards the end of the aisle. Frank tried to get up but his knees forsook him.
“You are a monster!”
Shelley held the door knob in one hand, turned around once more, drew the hood over her deer-ish hair and smiled.
“I know.”, she said.
The door shut with a slam.

Gina Laventura © 2014

#sundaystory: What is the sundaystory?

Dieser Eintrag ist auch auf Deutsch verfügbar

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Basically it’s a game I started.

Here is how it goes:
You give me basic information and I write a story for you.

You give me the following information in the comments below or on Facebook:
a) language: either English or German
b) 1 keyword that serves as the main topic
c) 3 further keywords that have to be mentioned in the text
d) tone (funny, melancholic, sad, sarcastic, saucy…)

There is a deadline for your submissions and afterwards I’m going to draw by lot which submission I’m going to work on, and on one of the following Sundays I’ll be posting the story on my blog and dedicate it to you.

So far, I have done it several times and people seem to have liked it, so probably this is going to happen on a regular basis.

#sundaystory: Was ist die sundaystory?

This entry is also available in English

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Es ist ein Spiel.

So funktioniert’s:
Ihr gebt mir grundlegende Informationen und ich schreibe eine Geschichte für euch.

Ihr gebt mir die folgenden Informationen hier in den Kommentaren oder auf Facebook:
a) Sprache: Entweder deutsch oder englisch
b) 1 Stichwort, das als Thema dient
c) 3 weitere Stichwörter, die im Text vorkommen müssen
d) Stimmung (lustig, melancholisch, traurig, sarkastisch, anzüglich…)

Es gibt eine Deadline für eure Vorschläge, dann lose ich aus, an welchem Vorschlag ich arbeiten werde und an einem der darauf folgenden Sonntage veröffentliche ich die Geschichte auf meinem Blog und widme sie euch.

Bisher habe ich dies einige Male gemacht und es schien gut angekommen zu sein. Also wird dieses Spiel höchstwahrscheinlich in regelmäßigen Abständen stattfinden.