#sundaystory: Alles wird gut

Die vorgegebenen Informationen waren:
a) Deutsch
b) Alles wird gut
c) Pferd, Polizist, Eis
d) kindgerecht

für Mathias und Lilly

Es war laut, es war bunt, die Welt stand Kopf, es war Karneval.
Die kleine Mia sprang freudig in ihrem Prinzessinnenkostüm an der Hand ihres Vaters auf und ab, während sie auf dem Weg zum Umzug waren.
Auf dem Weg dahin trafen sie den Polizeipräsidenten, der sich als Sträfling verkleidet hatte, Nachbar Heinrich hatte den Kittel seiner Frau an und seine Frau trug Schnurrbart und die Latzhose ihres Mannes.
Mias Papa hatte sich als König verkleidet, mit einem roten Samtumhang und einer Krone, die Mia selbst noch mit bunten Steinen besetzt hatte. Aus dem gleichen roten Samtstoff hatten sie sich Beutel geschneidert, in denen sie die gefangenen Kamelle nach Hause tragen wollten. Es war sonnig und Mia freute sich schon unglaublich auf den Umzug, der immer einer Parade glich. Sie liebte die ausgelassene Stimmung und bestaunte die einfallsreichen Kostüme der Anderen. Aber am Allermeisten liebte Mia die Pferde, die von Polizisten beritten immer den Umzug säumten. Sie war jedes Mal beeindruckt von den würdevollen Schritten, die diese Tiere machten während sie ihrer Aufgabe nachgingen und wie brav sie waren, obwohl es so unglaublich laut und verrückt um sie herum zuging. Ihr Papa und sie ergatterten noch einen Platz an einem Baum, von wo aus man einen guten Blick auf den Umzug hatte.
Die ersten prächtigen Wagen zogen mit lauter Musik vorbei, die Leute klatschten im Takt und sangen die Lieder mit. Alle waren munter und fröhlich und es regnete neben Bonbons und Schokolade auch Socken und Popcorn in Tüten.
Als gerade der zweite Wagen vorbeigefahren war, musste Mias Papa nötig zur Toilette.
„Mia, wir müssen mal ganz kurz hier zu den Toiletten gehen, komm!“ sagte er.
„Aber Papa!“, rief Mia entrüstet, „Dann verpassen wir doch den ganzen Zug! Kann ich nicht hier bleiben und auf dich warten?“
Mias Papa überlegte kurz. „Na gut, wenn du versprichst genau hier auf mich zu warten… Die Toiletten sind ja gleich hier um die Ecke und ich brauche nur fünf Minuten. Aber du musst versprechen genau hier an diesem Baum zu bleiben, Mia, hörst du?“
Mia war froh, dass sie bleiben durfte und strahlte. „Ja, Papa, ich warte hier.“
Da zog Mias Papa rasch los, da er es mittlerweile sehr eilig hatte.
Mia blieb bei dem Baum zurück und schaute zu, wie der nächste bunte Wagen vorbeifuhr und breitete ihre Tüte aus um ein paar Kamelle zu ergattern. Sie ging ein paar Schritte nach vorn um eine Tüte Bonbons aufzuheben, die dort gelandet war. Als sie den Blick wieder hob, konnte sie vor Staunen den Mund kaum schließen. In würdevollem Gang schritt das schönste Pferd, das sie je gesehen hatte, daher. Ein Rappe mit glänzendem Fell und wallender Mähne, die ordentlich gekämmt und aufwendig festgesteckt war. Stolz und anmutig schritt er voran, mit dem Polizisten in gerader Haltung auf seinem Rücken sitzend. Mia war fasziniert, sie konnte den Blick nicht von dem prächtigen Tier abwenden, dessen kurzes Fell im Sonnenlicht einen rötlichen Schimmer hatte. Und dann geschah das Unglaubliche: Der Rappe, der vorher seinen Blick brav und konzentriert nach vorn gerichtet hatte, wendete seinen Blick zu ihr und schaute sie an! Seine warmen goldbraunen Augen blickten sie direkt an. Da war es um Mia geschehen, keine Sekunde konnte sie ihn aus den Augen lassen, sie versuchte sogar nicht zu blinzeln um keinen Augenblick zu verpassen. Sie konnte sich nicht sattsehen an diesem Wesen, das ihr, und nur ihr, seine Aufmerksamkeit zukommen lassen hatte, bevor es sich wieder auf seine Choreographie konzentrieren musste und mit einer leicht schüttelnden Kopfbewegung seinen Blick nach vorn wandte und weiter voranschritt.
„He da! Pass doch auf, Prinzessin!“, rief plötzlich ein Mann, der als Mönch verkleidet war. Mia war ihm auf den Fuß getreten.
Wie aus einem Traum gerissen schaute sie ihn entgeistert an. Sie schaute sich um, aber die Leute sahen nicht aus, wie die, die sie vorher umgeben hatten. Da war ein Baum, aber es war nicht der gleiche, an dem ihr Papa sie zurückgelassen hatte. Sie musste, fasziniert von dem Rappen, wie in Trance den anmutigen Schritten des Pferdes gefolgt sein. Nun bekam Mia ein flatteriges Gefühl im Magen und ihr wurde mulmig zumute. Wo war sie hier? Wo war Papa?
Sie drehte sich um und konnte in einiger Entfernung den Baum ausmachen, an dem sie hatte warten sollen, doch die Menschen standen so dicht an dicht, grölend und lachend und singend und Bonbonbs kauend. So einfach kam sie da jetzt nicht mehr zurück. Sie schaute wieder nach vorn. Da vor der Kneipe waren das Rettungszelt des Roten Kreuzes und die Tränke für die Pferde aufgebaut. Dort gab es etwas mehr Platz, die Leute wurden etwas ferngehalten, da es sich um einen Rettungsweg handelte und dieser frei bleiben musste, falls dringend ein Verletzter zu den Helfern gebracht werden musste.
Mias Kehle schnürte sich zu und sie bekam es mit der Angst zu tun. Wie sollte sie wieder zurück zum Baum kommen? Wo war Papa? Er musste sich bereits schreckliche Sorgen machen!
Sie lief ein paar Schritte weiter bis zu dem Platz, auf dem die Rettungszelte aufgebaut waren. Dort konnte sie ein Mal tief Luft holen, doch dann stiegen ihr die Tränen in die Augen.
„Na, na, na“, hörte sie jemanden neben sich schnalzen. „So eine hübsche Prinzessin sollte aber nicht weinen.“
Sie schaute auf und da stand ein junger Mann vor ihr, ein Pilot. Groß war er und starke Arme hatte er und ein sehr freundliches Lächeln. Er ging in die Hocke und schaute sie mit seinen freundlichen Augen an.
„Was ist denn passiert?“, fragte er.
Mia fing an zu schluchzen, sodass der Pilot Schwierigkeiten hatte, sie zu verstehen.
„Ich sollte am Baum auf Papa warten, aber dann hab ich das schwarze Pferd gesehen und als ich mich wieder umsah, war ich plötzlich ganz woanders und jetzt weiß ich nicht, wo mein Papa ist.“
Der Pilot lächelte.
„Haha, das schwarze Pferd, meinst du das dort?“, fragte er und zeigte auf den schönen Rappen, der da vorn bei der Tränke stand und sich ausruhte während er Wasser zu sich nahm.
Mias Augen weiteten sich und sie nickte.
„Das“, sagte der Pilot. „ist Arabas, er ist ein Freund von mir. Komm, wir gehen mal hin und schauen, ob wir dir nicht helfen können.“
Er stand auf, nahm Mia bei der Hand und ging mit ihr zur Pferdetränke.
Da stand sie nun, die kleine Mia, nur ein paar Zentimeter vom schönsten Wesen dieses Erdbodens entfernt und als es sie anblickte, seinen Kopf zu ihr neigte und ihr aus seinen Nüstern warme Luft entgegenschnaubte, versiegten auch ihre Tränen.
Sie streckte ihre Finger nach ihm aus und legte ihre Hand auf seine Blässe. Arabas schloss die Augen und genoss es.
„He, Felix.“, rief der Pilot.
Ein Polizist, der grad eine Bratwurst aß, wandte den Kopf. Mit vollem Mund fing er an zu grinsen und rief „Markus, das ist ja schön dich zu sehen.“
Der Polizist kam näher, schmatzend und kauend, blieb bei ihnen stehen und beobachtete die kleine Prinzessin, die da seinen Rappen streichelte, der es ganz offensichtlich toll fand.
„Diese kleine Prinzessin hier“, fuhr der Pilot fort. „scheint sich in Arabas verliebt zu haben und hat nun ihren Vater aus den Augen verloren.“
„Einen Augenblick“, sagte der Polizist, leckte den Rest Senf von seinem Finger und schluckte das letzte Stück Bratwurst hinunter. „So, also, wir suchen deinen Papa, ja?“ Mia nickte und die Tränen stiegen ihr wieder in die Augen.
„Keine Sorge Prinzessin, nicht weinen, alles wird gut! Wie sieht er denn aus? Was hat er an?“, fragte der Polizist.
Mia runzelte die Stirn, schaute an ihrem Kostüm hinunter und antwortete „Na, wenn ich die Prinzessin bin, dann ist er wohl der König.“
Da lachten der Pilot und der Polizist und der Pilot sagte: „Ja, Felix, das hättest du dir eigentlich ausrechnen können!“
„Na gut, Prinzessin, dann mach mal einen Schritt beiseite.“ sagte der Polizist und schwang sich auf den Rücken des Rappen. „Arabas, mein Freund, wir haben einen Auftrag.“
Als er fest im Sattel saß, breitete er die Arme aus und sagte zu dem Piloten „Gib sie mir mal an.“
Eh sich Mia versah, hatte der Pilot sie mit seinen starken Armen gepackt und ihre Füße baumelten in der Luft. Keine zwei Sekunden später saß sie vor dem Polizisten im Sattel. Sie konnte es nicht fassen, sie saß tatsächlich auf dem Rücken des wunderschönen Tieres, das sie zuvor so bewundert hatte und konnte seinen Hals streicheln.
„Gut festhalten!“, rief der Polizist. „Wir gehen jetzt den König suchen.“
Mia warf einen letzten Blick zu dem Piloten und rief ihm ein „Danke“ zu. Dann ritten sie davon.
„Da vorn an dem Baum“, sagte Mia. „Da sollte ich warten.“
Der Polizist saß mit aufrechtem Rücken da und spähte in die Gegend. Es waren so viele Menschen da. Es war schwer überhaupt jemanden auszumachen zwischen all den bunten Hüten, dem fliegenden Konfetti und den zum Bonbons fangen aufgespannten Regenschirmen.
Also räusperte er sich und rief ganz laut „Der König! Der König! Wo ist der König? Ich bringe ihm seine verlorene Tochter zurück! Die verlorene Prinzessin will zum König!“
Da sahen sie eine rote Samtrobe, die sich aufgeregt hin und her bewegte. Da war Mias Papa!
„Mia! Mia!“, rief er.
„Da“, schrie Mia. „Papa!“
Geradewegs ritten sie auf den König zu. Mias Papa staunte nicht schlecht, seine kleine Prinzessin da oben auf dem schönen Rappen zu sehen, als sie vor ihm hielten.
„Ich war krank vor Sorge, wo warst du denn?“, fragte Papa.
Doch bevor Mia etwas sagen konnte, ergriff der Polizist das Wort.
„Ich denke, ihre Tochter hat sich ein kleines bisschen verliebt.“ schmunzelte er und deutete mit seinem Blick auf das Pferd.
„Das ist Arabas.“, strahlte Mia. „Er ist jetzt mein Freund.“
Da musste selbst Mias Vater lachen und man konnte ihm die Erleichterung ansehen.
Er streckte die Arme aus und nahm Mia von Arabas’ Rücken entgegen, als der Polizist sie herunterhob.
„Ich freue mich,“ sagte Mias Papa „dass du einen neuen Freund gefunden hast, aber das nächste Mal warte bitte dort, wo wir es ausgemacht haben. Ich habe mich fürchterlich gesorgt!“
„Ja, Papa.“, sagte Mia. „Es tut mir leid, ich habe nicht gemerkt, dass ich mitgelaufen bin. Ich hatte auch Angst.“ Da war er wieder, der Kloß in ihrem Hals und sie fing an zu weinen, weil sie so froh war wieder bei ihrem Papa zu sein. Die Leute um sie herum fingen an zu klatschen und riefen „Der König hat seine Prinzessin wieder!“
Mias Papa schaute auf und sagte zum Polizisten: „Vielen, vielen Dank, dass Sie sie mir wiedergebracht haben!“
„Aber klar doch.“, antwortete der Polizist zufrieden lächelnd. „Die Polizei, dein Freund und Helfer.“ Und er zwinkerte Mia zu.
„Zum Dank“, fuhr Mias Papa fort, „würde ich Sie gerne auf ein Eis einladen.“
„Und den Piloten auch!“, rief Mia.
Mias Papa verstand nur Bahnhof aber nickte und sagte „Ja, den Piloten auch.“
„Und ein Stückchen Zucker für Arabas!“, rief Mia erneut.
„Ja auch das.“, entgegnete ihr Papa.
Und so kam es, dass Mia das schönste Karnevalsfest überhaupt verbrachte. Nachdem der Umzug vorbei war, saß die Prinzessin mit ihrem Vater, dem König, dem Polizisten und dem Piloten bei Spaghetti-Eis und Milchshakes und Kakao draußen bei der Eisdiele, während Arabas die Zuckerwürfel aus ihrer Hand schleckte und dabei wohlig warme Luft ausstieß.
An diesem Abend, als der König seine Prinzessin zu Bett brachte, schlummerte diese mit einem zufriedenen Lächeln ein und er nahm ihr die Krone ab und gab ihr einen Gutenachtkuss auf die Stirn.
Sie murmelte noch ein „Das glaubt mir keiner.“, dann schlief sie ein.

Gina Laventura ©2014

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