Beat im Ruhrgebiet – Funkhaus Europa Odyssee 2015 –


Banda Senderos

Es ist warm und sonnig in der Parkstraße.
Wie weit ist es wohl noch bis zur Freilichtbühne? Muss ich noch mal irgendwo abbiegen? Wie kann es überhaupt sein, dass ich hier aufgewachsen bin, aber noch nie dort war?
Während mir solche und weitere Gedanken durch den Kopf schwirren, weisen mir die gut gelaunt pilgernden Menschen jeden Alters, Sonnenbrille im Haar und Bier in der Hand, den Weg.
Ein dumpfer Bass beginnt meinen Brustkorb zu füllen, dann folgt der Rhythmus, der meinen Gang noch etwas beschwingter werden lässt. Die Sonne, die mein Gesicht wärmt und die nun immer lauter werdenden Latino-Rhythmen lassen eine vage Idee von Urlaub im Süden, einen Hauch von Ferien und Sorglosigkeit aufkommen.
Als ich den Eingang erreiche, muss ich mich zwischen der Schlange für die Wertmarken und den Grüppchen am Bierstand hindurchlavieren, um einen Blick auf die Bühne zu erhaschen. Die Ränge der Amphitheater ähnlich aufgebauten Freilichtbühne sind mäßig gefüllt, aber vor der Bühne, direkt hautnah vor der Band haben sich bereits mehrere Menschen eingefunden und schwingen unbeschwert die Hüften zum Takt der Banda Senderos.
Ich bin neugierig und die Musik zieht magisch an, also schreite ich die breiten Steinstufen hinunter zur Bühne und lasse immer wieder meinen Blick schweifen. Am Rande stehen Fotografen, die das Geschehen mit großen Kameras festhalten, das Klientel in den Rängen breit gefächert und bunt gemischt, von fünf bis fünfundsiebzig alles mit dabei und alle haben sie eins gemeinsam: Ein Lächeln im Gesicht und das – mal mehr mal weniger auffällige – rhythmische Wippen zur Musik.
Ich erreiche die Menge vor der Bühne und kann endlich die Jungs der Band auch deutlich erkennen. In jeder Bewegung, jeder Note, jedem Takt spürt man die Leidenschaft, die von Lied zu Lied das Publikum immer mehr ansteckt, sodass sich nach und nach immer mehr Menschen vor der Bühne versammeln und tanzen, was das Zeug hält. Drei Frauen mittleren Alters, die scheinbar alle allein gekommen sind, in weiten Hosen mit Stickerei lassen sich zur Musik gehen, eine Frau mit raspelkurzen grauen Haaren, modischer Brille und Jeanskleid wird von ihrem Tanzpartner schwungvoll auf die inoffiziell als solche deklarierte Tanzfläche gezogen und für einen Mann mit Schiebermütze scheinen wir alle gar nicht mehr zu existieren, es gibt nur ihn und die Musik. Vor mir eine Gruppe von jungen Frauen, Mitte zwanzig, von der die Hälfte kurzerhand beschlossen hat, barfuß tanze es sich besser und zwar bis die Sohlen schwarz sind, schräg hinter ihnen eine Gruppe von jungen Männern mit Bandanas und in Rockerkluft, die sich synchron genüsslich einen ordentlich Hieb Bier gönnen und vergnügt in die Menge schauen.
Die Atmosphäre sorgt für pure Entspannung und das Urlaubsgefühl stellt sich wieder ein, diesmal mit größerer Intensität.
Diesen Gedanken scheint auch einer der Sänger gehabt zu haben, denn dieser nimmt einen riesengroßen Luftballon in Form eines Globus und fragt eine Dame aus der ersten Reihe, wo sie denn gerade gerne hinreisen würde. Er dreht den Ballon und sie tippt auf Südamerika und während seine Bandkollegen sich bereit machen, um das nächste Lied im lateinamerikanischen Stil anzustimmen, versäumt er es nicht, sinngemäß zu sagen “Urlaub ist da, wo wir gerade sind”. Dann spielt er den federleichten Globus in die Menge und die Weltkugel wandert durch die tanzende Menschenmenge.

“Urlaub ist überall da, wo man gerade ist”

Einer der Gäste scheint so in Schwung gekommen zu sein, dass er kurzerhand – nach kurzem Austausch von Handgesten mit anderen Gästen im Publikum – beschließt, sich vom Rand der Bühne in die Menge zu Stürzen. Die Menge tobt und applaudiert, während der Gast auf den Händen der anderen über die Köpfe der Masse schwebt. Einer der Fotografen, die zunächst noch am Rand standen, ist direkt zur Stelle und hält den Moment fest. Vielleicht für die Ewigkeit. Der mutige Gast zumindest kann nun Crowd-Diving von seiner Bucket-List streichen und wer weiss, vielleicht hat er den ein oder anderen dazu inspiriert, beim nächsten Konzert das Gleiche zu wagen. Nicht denken, einfach machen. Nicht denken, tanzen.

Währenddessen in Wattenscheid

Nachdem sich die Ränge und auch die Fläche vor der Bühne mehr und mehr gefüllt haben und die Band eine wirklich ansteckende und großartige Performance abgeliefert hat, wissen wir, dass ihr Auftritt gleich vorbei sein wird, da die Bandmitglieder alle vorgestellt werden.
Aber so einfach macht das Publikum es den Essener Jungs nicht, denn dieses fordert vehement eine Zugabe, die es auch bekommt.
Es folgt eine Pause, in der sich neu geknüpfte Bekanntschaften und wiedergefundene Freunde auf den Sitzflächen niederlassen und austauschen, nicht aber ohne sich erneut Wertmarken zu besorgen und vorher noch ein Mal mit Getränken, Pommes oder Wurst zu versorgen. Kulinarisch gesehen bleibt der Pott dann eben doch Pott. Und gerade diese Mischung, wie sie auch im Gesang der Banda Senderos zum Ausdruck kommt, macht diese Stimmung und Atmosphäre zu etwas ganz Besonderem. Daheim und gleichzeitig im Urlaub, nah und doch fern, Meltingpot im Pott, globales Wattenscheid.
So global und doch so lokal, dass mich plötzlich ein neugieriger Blick, ein zögerndes Winken und dann ein breites Grinsen anspringt, als ich ein paar Freundinnen treffe, die ich Jahre nicht gesehen habe. Gemeinsam versorgen wir uns mit Getränken und suchen uns einen guten Platz recht am Rande der Tanzfläche bevor Doctor Krapula die Bühne betritt. Die Band aus Bogotá überzeugt mit einer tanzbaren Rock-Pop-Punk-Mischung, deren Texte wohl politisch ausgerichtet sind und in einem Artikel sogar als “tanzbarer Protest” bezeichnet wird, doch meine Spanischkenntnisse beschränken sich vornehmlich auf “no hablo espagñol”. Ebenso setzt sich die Band für die Rettung des Amazonasgebiets ein und so schlägt die Kunst mal wieder eine Brücke zu der sozialen und politischen Umgebung.
Das Publikum ist nach wie vor in Bewegung, animiert durch die einprägsamen Klänge und egal, ob man nun Spanisch spricht oder nicht, kaum jemand kann sich des Tanzdrangs erwehren.


Doctor Krapula
Um kurz vor zehn dann das spektakuläre Finale, bei dem Banda Senderos und Doctor Krapula gemeinsam dem Publikum ein letztes Mal einheizen und durch großen Applaus verabschiedet werden.
Die Gäste trotten die Stufen des Amphitheaters hinauf, Pfandrückgabe, ein kleiner Schnack hier, ein letzter kleiner Tanz da, bevor der Schwarm auf die Parkstraße gespült wird und die Wege sich trennen.
Grüppchenweise zerstreut sich die Masse, alle warm, euphorisch, lachend, immer noch tanzend, obwohl die Musik bereits verstummt ist.

Diese Woche geht es dann weiter bei der Funkhaus Europa Odyssee mit Bukahara und Riders Connection, mal sehen, wie das wird.

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