Können wir es jemals richtig machen? Gegen ständiges Anprangern und Verurteilen

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Photo & Editing: No bilis

Es ist Mittag. Kaffeepause. Ich scrolle durch Facebook. Im Newsfeed: Ein Freund hat dieses Bild geliked.
Es zeigt eine bekannte deutsche TV-Moderatorin in einem Outfit, das aus einer Jeansbluse und einer Schlaghose aus Jeans im Stil der 70er Jahre besteht, brauner Gürtel, Sonnenbrille, charmantes Lächeln, an eine Wand gelehnt.
Die Bildunterschrift sagt so etwas wie “Mein Lieblingsoutfit momentan, cool und bequem, perfekt für Mamas”.
Also zunächst ein Mal bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich weiss, was die Dame mit “perfekt für Mamas” aussagen möchte. Vielleicht meint sie, dass dieses Outfit weit genug geschnitten ist um die Auswirkungen der Strapazen, die eine Geburt nun mal so mit sich bringt, wie Dehnstreifen und den vielleicht-noch-nicht-komplett-trainierten Bauch, perfekt zu kaschieren. Vielleicht meint sie, dass das Outfit bequem genug ist um all die Dinge zu tun, die man nun mal gern mit seinem Kind tun möchte, wie spielen, im Gras sitzen oder durch die Berge von Spielzeug krabbeln oder dergleichen. Vielleicht meint sie aber auch, dass es einfach zu waschen ist, sodass, sollte sich dein Baby dazu entschließen, sein Frühstück rückwärts zu essen und auf deiner Schulter zu platzieren oder dein Kleinkind es für eine großartige Idee halten, einen Schlammkuchen auf deinem Schoß zu bauen, Jeans das ideale, robuste Material ist, welches sich einfach säubern lässt. Vielleicht war sie auch einfach nur stolz, nicht nur darauf, ein schönes und gesundes Kind geboren zu haben, sondern auch ein Outfit gefunden zu haben, in dem sie sich wohl und attraktiv fühlt, denn, ja, auch nachdem man ein Kind zur Welt gebracht hat, ist man immer noch eine Frau und jeder freut sich, wenn er sich in der eigenen Haut wohl fühlt und vielleicht hat ebendieses Outfit dazu beigetragen, dass sie sich großartig fühlt.
Aber vielleicht, vielleicht, vielleicht.
Nun krempeln wir mal die Ärmel hoch und reiben uns die Hände und kommen zu dem wirklich interessanten Teil (den ihr vermutlich schon erahnt habt): Den Kommentaren.
Mal abgesehen davon, dass auch Kommentare dabei waren, die sagten, sie sehe nun besser aus als noch vor der Schwangerschaft und dass ihre Figur nun noch besser sei, waren auch viele kritische Kommentare dabei, um es mal nett auszudrücken. Da waren Kommentare dabei, die genau das Gegenteil von dem zuvor genannten besagten, nämlich, sie hätte vor der Schwangerschaft besser ausgesehen und sei nun zu dünn. Dass die Hose hässlich sei, wobei das noch einer der harmloseren Kommentare war, und okay, 70er Jahre Schlaghosen mögen nicht jedermanns Ding sein und wir sind ein freies Land, in dem man seine Meinung und seinen Geschmack äußern kann.
Die wirklich beachtlichen Kommentare allerdings waren ganz anderer Natur. Da war tatsächlich ein Kommentar dabei, der sagte “Im Röckchen siehst du besser aus” und ich möchte betonen, dass es nicht “Rock”, sondern “Röckchen” hieß, was mit dem Suffix “-chen” schon auf eine Verniedlichung hindeutet. Und seien wir ehrlich, bei einem niedlichen, kleinen Rock, denken wir vor allem an einen kurzen Rock, oder denkt irgendwer von euch bei dem Wort “Röckchen” an einen langen Hippierock, der bis über die Knie fällt und die Fesseln umspielt?
Ein anderer Kommentar, der wirklich..mir fehlt jegliches Adjektiv, war, sagte “Kauf dir lieber mal einen Push-up”.
Puh, ja, lassen wir das kurz sacken und atmen tief durch.
Bleiben wir kurz bei den Kommentaren, die sagten sie sehe nun besser aus als noch vor der Schwangerschaft. Ich spreche zwar nicht aus Erfahrungen aus erster Hand, aber ich kann mir vorstellen, dass eine Schwangerschaft Auswirkungen auf das Aussehen hat, ob nun im Guten oder Schlechten sei dahingestellt und wenn du danach strahlend und glücklich aussiehst, weil du glücklich bist, dann ist das wunderbar. Das Störende bei diesen Kommentaren ist eher, dass sie sich darauf beziehen, dass sie nun dünner als vorher ist. Und ich finde, das sagt eine Menge über die heutige Gesellschaft aus, in der jeder vom “After Baby Body” spricht und die Frauen am Wettbewerb “Wer ist am Schnellsten wieder in Form” teilnehmen. Das übt Druck aus und sorgt für Frustration bei denjenigen, die es nicht in den Top 100 dieses Wettbewerbs geschafft haben, was zu Kommentaren wie “Schön für dich, dass du wieder in Form bist, aber ich bin kein Promi, dessen Kapital im Aussehen liegt und einen Personal Trainer habe ich auch nicht” etc., etc., führt. Versteht mich nicht falsch, ich will den letzten fiktiven Kommentar nicht als unbegründet oder schwachsinnig darstellen, denn seien wir mal ehrlich, das ist immer das Argument, das auf den Tisch kommt, wenn solche Themen besprochen werden und es ist nun mal Tatsache, dass viele Promis sich einen Personal Trainer holen um so schnell wie möglich wieder in Form zu sein. Aber darum geht es hier grad nicht.
Egal, ob die Kommentare nun Neid, Frustration oder Bewunderung ausdrücken, beziehen sie sich alle auf den gleichen Hype, den gleichen Wahnsinn.
Könnten wir bitte mal für einen kurzen Augenblick uns Folgendes vor Augen halten: Die Frau hat vor ein paar Monaten ein Baby zur Welt gebracht! Das bedeutet, dass ihr Körper ein verdammt riesiges, natürliches Wunder vollbracht hat! Und vielleicht, ja, ganz vielleicht ist sie nicht so dünn, weil sie viel dafür getan hat und das ihre Absicht war, sondern vielleicht war die Geburt anstrengend, vielleicht gab es Komplikationen und sie war hinterher gestresst und um das Wohl ihres Kindes besorgt, vielleicht ging es ihr während der Schwangerschaft nicht gut, vielleicht ist ihr Baby nicht eins von der “Er schläft schon komplette Nächte durch”-Sorte, sondern erlaubt ihr es kaum mehr als zwei Stunden am Stück zu schlafen. All das hat auch Auswirkungen auf das Aussehen und die Figur. Nur mal so nebenbei.
Im Übrigen dient das letzte Argument auch als Antwort auf die Kommentare, die behaupten sie hätte vorher besser ausgesehen und sei nun zu dünn.
Kommen wir nun zu dem Röckchen-Ding. Und zu dem Push-up-Ding. Beides im Übrigen Kommentare von männlichen Nutzern. Ernsthaft jetzt?!
Okay Herr X, ich verstehe, das ist einzig und allein deine persönliche Meinung, dass ihr kurze Röcke besser stehen, weil…sie schöne Beine hat, die sie ruhig zeigen kann und es außerdem ihre Proportionen vorteilhaft aussehen lässt, ja? Nur deine persönliche Meinung, richtig?
Und Herr Y, ich nehme an, deine persönliche Präferenz liegt nun mal einfach eben bei großen Brüsten, hm? Okay, freies Land, freie Meinungsäußerung und jeder darf sagen, was er möchte. Und tut es auch. Vor allem in der breiten anonymen Welt des Internets.
Was ich meine ist, ist das das Bild der Frau? Wie es sein soll? Ist das, das, was eine Frau als Frau definiert: Große Brüste und kurze Röcke?
Nehmen wir uns mal einen ganz kurzen Augenblick Zeit und erinnern uns daran, dass egal, ob diese Frau nun ein Promi ist, der im Blick der Öffentlichkeit steht, über soziale Netzwerke Erfahrungen und Erlebnisse aus dem Alltag mit ihren Fans teilt und sich selbst da draussen präsentiert und performiert, oder nicht, sie mehr erreicht hat als einfach nur gut auszusehen? (Auch wenn das höchstwahrscheinlich Teil ihres Berufes ist)
Wenn sie sich dazu entschließt, ihr “perfekt für Mamas” Jeans-Outfit zur Arbeit zu tragen (was sie im Übrigen getan hat), dann macht sie das zu keiner schlechteren Moderatorin, dann ist sie dadurch nicht weniger kompetent, das ändert nichts an ihren Fähigkeiten oder den Kompetenzen, die sie während ihrer beruflichen Karriere erlangt hat, die in den 1990er Jahren begann.

Das “Witzige” ist ja Folgendes: Spielen wir ein Spiel, seid ihr bereit?
Nehmen wir mal an, sie hätte ein Foto von sich in kurzem Röckchen gepostet, mit Push-up und vielleicht engem Tanktop oder lockerer Bluse mit Ausschnitt, stellen wir uns das einen Moment lang vor.
Wie hätten die Kommentare dann wohl ausgesehen? “Oh, du bist strahlend schön”, “Wunderschön”, “So sexy und das so kurz nach der Geburt”? Wahrscheinlich, ja.
Aber ist es komplett abwegig zu denken, dass auch Kommentare wie “Du bist nun eine Mutter, du solltest dich so nicht präsentieren, denkst du deinem Kind würde es gefallen, wenn seine Mutter so rumliefe” und ähnliche dabei wären?
Daher die Frage: Können wir es jemals richtig machen? Wie man’s macht, macht man’s verkehrt.
Und ja, wir wissen alle, dass wir es nicht jeder einzelnen Person auf diesem Planeten recht machen können, das ist normal.
Aber warum müssen Leute sich immer gegenseitig anprangern und verurteilen?
Egal wie man es dreht, es scheint immer etwas zu kritisieren zu geben, etwas zum lästern, zum schlechtreden. Aber warum?

Und hierbei handelt es sich nur um ein Foto, das in einem sozialen Netzwerk hochgeladen wurde, ein kleines Beispiel.
Ziehen wir die Blende etwas weiter auf:
Wenn du eine karriereorientierte Geschäftsfrau bist, wirst du dafür verurteilt, dass du keine Kinder willst. Und hier der Knackpunkt: Meist von anderen Frauen, nicht Männern! Von deinen eigenen “Kameradinnen”.
Wenn du sagst, du willst definitiv Kinder haben, da sie für dich zur Erfüllung deines Lebens beitragen, wirst du dafür angeprangert altmodisch und nicht emanzipiert zu sein, etc.
Dieses Paradox ist allerdings nicht allein für Frauen reserviert. Männer sind ebenfalls mit dieser Kontroverse konfrontiert.
Wenn du dich dazu entscheidest das Familienunternehmen zu übernehmen, obwohl dein ursprünglicher Plan gewesen ist, deiner Leidenschaft zu folgen und etwas anderes zu machen, wirst du dafür verurteilt deinen Traum aufgegeben und dich den Wünschen und Erwartungen anderer Menschen gebeugt zu haben, selbst wenn es deine freie Entscheidung gewesen ist, die du aus vollem Herzen umgesetzt hast.
Wenn du dich dagegen entscheidest das Familienunternehmen weiterzuführen und stattdessen deinem Traum zu folgen, wirst du dafür angeprangert dich selbst an erster Stelle zu sehen, egoistisch zu sein und deine Familie im Stich gelassen zu haben.
Ja, wundervoll! Seht ihr? Anscheinend gibt es keinen Weg, wie man es richtig macht oder machen kann.

Aber warum versuchen Menschen es dennoch?
Warum ist dieser Drang, allen gefallen zu wollen, nach wie vor so präsent?
Als ob der Kampf darum, den eigenen Wunsch danach sein Leben bestmöglich zu leben, sein Potential auszuschöpfen und den “richtigen und vernünftigen Weg” zu gehen nicht schon anstrengend genug wäre.
Warum machen wir uns ständig gegenseitig fertig, prangern uns an, verurteilen uns gegenseitig?
Liegt es daran, dass wir uns selbst ständig fertig machen und verurteilen, sodass wir es auf jemand anderen projizieren müssen um der Frustration und dem Druck Luft zu verschaffen?
Liegt es daran, dass wir so hart zu uns selbst, sodass wir auch hart zu den anderen sind?
Und falls das zutrifft, hieße das dann nicht, dass wir mehr daran arbeiten sollten uns selbst gegenüber geduldiger, liebevoller, fürsorglicher und freundlicher zu sein?
Was, wenn die Art und Weise, wie wir mit anderen umgehen, auch die Art und Weise ist, wie wir mit uns selbst umgehen? Was, wenn die Art und Weise, wie wir mit uns selbst umgehen, auch die Art und Weise ist, wie wir mit anderen umgehen? Was, wenn das eine wechselseitige Wirkung ist?
Vielleicht ein Weckruf unser Benehmen nicht nur anderen gegenüber, sondern auch uns selbst gegenüber, zu überdenken.

Seid freundlich. Verbreitet Liebe.
Be kind. Spread the love.

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One thought on “Können wir es jemals richtig machen? Gegen ständiges Anprangern und Verurteilen

  1. Pingback: CAN WE EVER MAKE IT RIGHT? AGAINST CONSTANT BLAMING AND SHAMING | gina laventura

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