#sundaystory: Hautfarbe

IMG_9202

Die vorgegebenen Informationen waren:
a) Deutsch
b) Hautfarbe
c) Unbewusster Rassismus, Vorurteil, Unterschied
d) traurig

für Christian

Ich wandle durch die Straßen der Stadt. Einer Stadt der zivilisierten, aufgeschlossenen, westlichen Welt.
Ich schaue mich um. Und ich spüre die Blicke der Leute, wie sie an mir haften, sich nur schwer lösen, oder wie ich zufällig in ihr Blickfeld gerate und sie schnell den Kopf wenden um mich wieder auszublenden.
Ich wandle durch die Straßen eines Landes, das so viel zu bieten hat, das ich mag, in das ich gekommen bin, weil ich kommen wollte.
Ich wandle durch die Straßen eines Landes, deren Menschen mit dem Spiel “Wer hat Angst vorm schwarzen Mann” aufgewachsen sind. Und genauso starren mich manche an. Als seien sie ertappt worden. Nun müssen sie auf der Hut sein.
In ihren Blicken kann ich die Vorurteile förmlich sehen. Da steht es geschrieben: “Achtung, der ist gefährlich!”, “Mädchen, pass auf, der ist aggressiv!”, “Stell den bloß nicht ein, der ist bestimmt faul und vielleicht stiehlt er sogar. Seine Familie hat bestimmt nichts.”
Naja, also zum Einen kann ich keiner Fliege etwas zu Leide tun, zum Anderen bin ich so schüchtern, dass ich mich kaum traue Mädchen anzusprechen und wenn doch, dann käme ich im Leben nicht auf die Idee, ihnen etwas anzutun, und meiner Familie geht es gut, aber weil ich hier das Metier gefunden habe, in dem ich arbeiten möchte, das mich reizt und in dem ich gut bin, habe ich mich dazu entschlossen hierher zu kommen. Um mich selbst zu verwirklichen und das zu tun, was ich wirklich gerne tu, worin ich gut bin.
Aber das interessiert nicht.
Ich will nicht sagen, dass ich durch die Straßen eines rassistischen Landes wandle, um Himmels Willen, nein. Ich habe hier sehr nette Menschen getroffen, aufgeschlossene Menschen, die mich herzlich empfangen haben. Ich habe an der Uni mit Mädchen Kaffee getrunken, die keine Angst vor mir hatten, ja, die mich vielleicht sogar mochten. Ich habe Kinder getroffen, die mich angelacht haben und mir stolz ihr Kuscheltier entgegen hielten und mir sogar verrieten, wie es hieß. (Allgemeinhin sollte man anmerken, dass viele Kinder bei “Wer hat Angst vorm schwarzen Mann” überhaupt nicht an die Hautfarbe schwarz denken, sondern an einen großen unheimlichen Mann mit weißer Haut, der aber dunkle Kleidung trägt)
Aber ich kann mich des Eindrucks trotzdem nicht erwehren, dass ich hin und wieder, dann und wann und auch mal öfter mit unbewusstem Rassismus konfrontiert werde. Die Leute merken es vielleicht noch nicht mal. Aber wenn ich Zug fahre und neben mir ein Sitz frei ist, dann merke ich das kurze Innehalten der Einsteigenden, die einen freien Platz suchen, den neben mir betrachten, mich anschauen und dann doch weiterziehen. Interessant sind dann auch die, die sich doch widerwillig neben mich in den Sitz fallen lassen, weil sie denken, sie müssten es tun, damit ich sie nicht als Rassist abstempel.
Das ist doch verrückt.
Überall heißt es “Embrace Diversity”, Unterschiede machen das Land und das Leben bunter. Nur meins anscheinend eben nicht.
Es heißt, wir integrieren uns nicht, wir blieben eh nur in unseren Gemeinschaften. Und ja, ja ich treffe Freunde, deren Familien aus fast der gleichen Gegend stammen wie ich und wir kochen Gerichte von Zuhause und tauschen uns über Gemeinsamkeiten aus. Denn in dieser bunten Welt des Unterschieds ist es manchmal ungemütlich. Und einsam. Und Zuhause ist es warm. Zuhause ist weit weg. Das war, was wir alle in Kauf genommen haben um hier unsere Chancen wahrzunehmen; dass nun zwischen uns und unseren Familien wahrhaftig Welten liegen. Aber bitte, wie gern hätte ich die Mädchen vom Kaffeetrinken oder die Kommilitonen zu so einem Abend mal eingeladen, damit sie die Gerichte kosten können, die ich von meiner Mutter gelernt habe? Aber so groß ist die Freude am Unterschied dann wohl doch nicht, als dass sie das mal gern probieren würden. Leider, denn es schmeckt wirklich gut und ich würde gern meine Welt mit den Menschen teilen, in deren Welt ich mich bewege. Aber keins der Mädchen vom Kaffeetrinken und kein Kommilitone, dem ich bei seinen Aufgaben geholfen habe, hatte mal Lust mitzukommen. Weil sie dann ja doch recht einsam im Raum auffallen würden, mit ihrer anderen Hautfarbe. Haha, ja, das würden sie wohl. Einen Abend lang.
Und das, was sie dann einen Abend lang erleben würden, von dem herzlichen Empfang bis hin zu den komischen Blicken, eben weil sie anders wären, das ist das, was ich jeden Tag erlebe. Bienvenue dans ma vie. Willkommen in meinem Leben.
Aber so groß ist der Spaß am Unterschied und an der bunten Welt wohl nicht. Den hat man nämlich nur dann, wenn man selbst die Farben aussuchen und mischen darf.
Ich wandle durch die Straßen der Stadt. Einer Stadt der zivilisierten, aufgeschlossenen, westlichen Welt.
Einer Welt, die mich anscheinend nicht will. Oder wenn, dann nur bedingt.
Und wenn ich dann mal mit einem Menschen warm laufe, ihn beim Reden an die Schulter fasse oder wenn ich diese Person mit Wangenküsschen links und rechts verabschiede, dann schauen sie mich an, als hätte ich soeben den kompletten Teppich des guten Benehmens besudelt. Weil sie sie vielleicht befremdlich finden, diese Wärme, die ich von Zuhause kenne und die mich in manchen Momenten überkommt, in denen ich dann vergesse, dass man das hier meistens eher nicht so macht. Zaghaft setze ich wieder Fuß vor Fuß und bemühe mich, ordentlich auf dem vorgezeichneten Plan zu laufen. Ich sage artig “Guten Tag” und erkundige mich nach dem Befinden der Frau Mama, weil ich das als gutes Benehmen von klein auf beigebracht bekommen habe. Ich sage “Grüß deine Mutter”, weil sich das bei uns so gehört, als Antwort bekomme ich ein schallendes Lachen und ein “Aber du kennst sie doch gar nicht”. Wie oft habe ich mich gefragt, ob sie die Grüße wohl jemals ausrichten.
Es ist auch nicht so, als würden die Leute mich nicht mögen, manche sind sehr nett zu mir und laden mich sogar zu ihrem Geburtstag ein. Es ist auch nicht so, als wüsste mein Chef meine Arbeit nicht zu schätzen, ganz im Gegenteil, er ist sehr erfreut über meine Erkenntnisse und meinen Beitrag zum Firmenwachstum. Ein Kommilitone aus dem ersten Semester, den ich nach einiger Zeit wiedertreffe, freut sich mich zu sehen und komplimentiert meine sprachlichen sowie beruflichen Fortschritte. Ich arbeite viel, ich lerne viel, ich lese viel, ich übe die Sprache und setze mich mit der hiesigen Kultur auseinander. Möchte ein Teil davon sein und einen Teil von meiner Kultur, von mir, zurückgeben.
Embrace Diversity, Unterschied macht bunt. Aber anscheinend malen wir leider nicht gemeinsam.
Denn wenn das Verhältnis der Farben sich ändert, dann würdet ihr wohl im Raum auffallen, mit eurer anderen Hautfarbe. Einen Abend lang.
Und das, was ihr dann einen Abend lang erleben würdet, das ist das, was ich jeden Tag erlebe. Bienvenue dans ma vie. Willkommen in meinem Leben.

Gina Laventura © 2015

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s