Über das Ruhrgebiet oder Tiswitis

As this is a text about the German area I grew up in and includes some colloquialisms, this entry is not available in English, sorry.

Gina (2)
Photo & Editing: hamedphotography

Über das Ruhrgebiet oder Tiswitis

Direkt vorweg und geradeaus: Ich komme aus dem Ruhrgebiet!
So, nun ist es raus.
Um genau zu sein, ich komme tief aus dem Westen, wo die Sonne verstaubt. (Wer nicht weiss, was damit gemeint ist, ja, sorry, aber dem werd ich es auch nicht erklären.)
Da bin ich groß geworden, aufgewachsen.

Nur um eins direkt vorweg zu nehmen: Ich plädiere hier weder für Lokalpatriotismus, noch liegt mir was daran, andere Regionen zu degradieren oder in matschige und aufgeweichte Fußstapfen zu treten und eine fette Klischeespur hinter mir herzuziehen.
Sowieso, was soll dieses “Ich komme aus dem Ruhrpott und bin stolz drauf.”? Ja sicher, ich bin voll stolz auf den Zufall, dass ich hier und nicht in Rheinland-Pfalz geboren und aufgewachsen bin, oder was? Also ich mein, als wäre das mein Verdienst, der einen Orden verdiene. Pfff.
Andersrum: “Ich komme aus dem Ruhrgebiet und schäme mich nicht dafür.” ist im Übrigen genauso Quatsch, weil dies ebenfalls auf Zufall beruht. Ja, es tut mir so leid, dass ich diese Missetat begangen habe und hier groß geworden bin, meine ersten Worte vermutlich entweder “Mama”, “Papa”, “ja”, “nein” oder “Ball” und nicht “Nee, Mutti, also so schon mal gar nicht, hast du dir mal die Klischees, Vorurteile und das Bildungssystem hier angeschaut? So kann aus mir ja nie was werden, also könnten wir bitte von hier wegziehen, meiner Zukunft zuliebe?” waren. Ebenfalls: Pfff.

Machen wir uns nichts vor, es herrschen Vorurteile.
Aber, ganz großes Aber, mit diesen bin ich erst konfrontiert worden, als ich meine wunderbare Kindheit, meine anstrengenden Teenagerjahre und mein Abi bereits – ja wer hätte das gedacht – hier im tiefsten Pott hinter mir gelassen habe.
Warum? Naja, weil ich hier rede wie ich rede und mich jeder versteht. Und dazu gehört ab und zu auch ein “Alter, haste die Ische gesehen, die vor der Kijeche steht? Die sieht auch aus wie bestellt und nicht abgeholt.” (ein zaghaftes Beispiel, ich weiss, es dient auch nur zur kleinen Veranschaulichung, wir steigen später nochmal tiefer in den Sprachpott, keine Sorge)
Und nur um einem Klischee auch vorzubeugen: Meine Kindheit bestand nicht darin, kohlverschmiert aus nem geschlossenen Pütt zu klettern oder Masten im Industriegebiet hochzuklettern (auch wenn ich jetzt scharf nachdenken müsste, ob ich dies wirklich noch nie getan habe). Nein, sie bestand hauptsächlich aus auf Bäumen herumklettern, hangeln auf dem Spielplatz, Gummitwist, Brettspielen, Hüpfkästchen, Fahrrad fahren, Rollschuhlaufen und all dem anderen Spaß, den man halt so macht. Das Highlight war allerdings immer das Feld. Und nein, das musste man nicht suchen, sondern das war sogar ganz nah, da gab es Bäume und Höhlen und sogar einen kleinen Tannenwald, in den sich nur die Mutigen wagten. Im Sommer war es das absolute Highlight und im Winter konnte man ebenfalls von dort durch den kaputten Zaun auf den Sportplatz schleichen, der die besten Hügel zum Schlittenfahren hatte (ja, damals gab es noch richtige Winter, mit dick Schnee und Rodeln und so, rechnet euch aus wie alt ich bin xD ). Dort gab es auch den “Todesberg”, jawohl ja, den fuhr man nur im Tandem mit den “Großen”, weil die Abfahrt steil war.
So, das war ein kurzer Abriss aus Kindertagen im oftmals als schmutzig und grau und trist bezeichneten Pott.

Im Übrigen haben wir auch keinen Schrebergarten.
Und ich habe meine Mutter noch nie mit Lockenwicklern im Haar und im Kittel die Suppe umrühren sehen.
Und mein Vater trägt keine beschmierten Unterhemden, Joggingbuchsen aus Fliegerseide und Adiletten.
(auch wenn mich persönlich weder das eine noch das andere sonderlich stören würde, denk ich)

Ich hab im Prinzip auch kein Problem mit Klischees, gerade als Kreativer kommen die einem ganz besonders gut zu Pass, weil man wunderbar mit ihnen spielen kann.
Was mich allerdings konsterniert hat war die Reaktion, mit der ich wie gesagt erst nach dem Abi konfrontiert wurde. Naja, selbst Schuld, wieso komm ich auch auf die Idee, dass die kleine Zugfahrt von unter einer Stunde keinen Unterschied mache, wobei ich geflissentlich außer Acht gelassen habe, dass mit dieser Fahrt auch das Überfahren der Grenze von Ruhrgebiet zu Rheinland einhergeht.
Zum ersten Mal hörte ich Sätze wie “Du kommst nicht von hier, oder? Man hört das.” oder wurde mit einem schief gelegten Kopf fragend angeschaut, wenn ich Wörter wie “Ische” benutzte.
Zum ersten Mal dachte ich wirklich darüber nach, vorher gab es nie einen Anlass dazu. Plötzlich hörte ich selbst die Unterschiede heraus.
Naja, was geschieht? Man probiert sich aus, in beiden Extremen. Man probiert mal, wie es so ist, mit Klischees zu spielen und redet extra in seinem eigenen Dialekt, den man dank solcher Konversationen ja ausreichend analysiert und deduziert hat und man probiert aus, wie es ist, den ganzen Tag besonders “ordentlich” zu sprechen, aber nicht so super künstlich, sondern noch auf dem Level, wo es natürlich klingt. (im Übrigen ganz schön anstrengend, kann ich euch sagen, das erfordert eine Menge Konzentration)
Das Gute daran ist, dass sich der Blick auf das, was man sonst selbstverständlich als Zuhause angesehen hat, ändert. Man ist plötzlich wacher, aufmerksamer, geht bewusster mit Dingen um. Wie gesagt, mir liegt weder was daran eine Abscheu und eine Arroganz der Region über zu entwickeln, die mir so viele wundervolle Tage in so unterschiedlichen und abenteuerlichen Umgebungen ermöglicht hat, noch einen Lokalpatriotismus zu entwickeln, indem ich weite Pullis mit “Ruhrpott” oder “Pottgöre” oder dergleichen trage und extra mit extremer Kodderschnauze daherrede. Wozu auch? Wem beweis ich was damit? Und was beweis ich damit? Richtig, nix, eben.

Allerdings will ich auch nicht von der Hand weisen, dass manche Klischees definitiv da sind, weil sie immer und immer wieder bestätigt werden.
Ja, sicher, hier gibt es “dat” und “wat”, hier gibt es “aaaaaalter!”, hier gibt es den Mottek mit dem man mal ordentlich auf dat Dingen draufwemsen muss und manche Leute haben wirklich n Schlach mitta Wichsbürste. Aber, ganz großes Aber, die Mentalität des Malochens hat sich auch über die Püttzeit hinaus weiter fortgetragen und auch wenn die Leute hier mal schroff wirken können, so kann ich doch sagen, dass es hier herzensgute und warme Menschen gibt, die, wenn du dich im Bus langlegst und dir das Knie böse aufschlägst, dich am Arm packen, aufstellen, dir n Taschentuch in die Hand drücken und fragen “Mensch Mädel, was machst’n für Sachn? Gehtet denn?”.
Ich will nicht sagen, dass man das in anderen Regionen nicht hat, Quatsch, überall gibt es die herzlichen und warmen und halt die, die n Schlach mitta Wichsbürste haben, ne? ^^
Aber was ich meine ist, dass einfach zu sagen, die Leute hier seien alle asi, schroff, schlicht oder Proleten, ist einfach nicht wahr. Und das, worauf sich manch andere Regionen Deutschlands was einbilden ist mehr Schein als Sein.
Bei jeder Region gibt es Vorurteile, Klischees (die dann und wann immer wieder erfüllt werden).
Aber eins kann ich euch sagen, mein Ruhrgebiet ist nicht dreckig, grau und trist und asozial. Wer sagt, meine Heimatstadt sei hässlich, bloß weil er die Unigegend und die Innenstadt gesehen hat, den lade ich herzlich zu nem Rundgang zu den wirklich schönen Ecken ein. Hier gibt es Felder, Wälder, Naturschutzgebiete, Schloßparks, Theater, Industriekultur, und am Wochenende ist hier der Bock fett und das macht ziemlich Laune!

Und genau wie der Mensch nicht nur eins ist, sondern facettenreich daher kommt, so ist es auch mit Gegenden. Natürlich, wenn man nur die eine Facette des Menschen kennt oder gar nur diese eine sehen will, dann wird man den gesamten farbenfrohen Facettenreichtum womöglich nie sehen. Aber wer nur die Uni und die Innenstadt anguckt, der kann auch nicht behaupten, die ganze Stadt sei hässlich.
(kleine Randbemerkung: Fast alle Bilder hier auf meinem Blog sind mit wenigen Ausnahmen im Ruhrgebiet entstanden, sowohl die, die von Fotografen geschossen wurden, als auch die, die ich selbst gemacht habe, und ja, auch die Landschaften und der schöne blaue Himmel.)

Ich mein, ja, sicher, ich kann Hochdeutsch (ist auf Dauer aber wirklich anstrengend, und mal ehrlich: wer spricht den ganzen Tag feinstes Hochdeutsch?!), aber es ist verdammt entspannend, wenn ich frei Schnauze daherreden kann und weiss, dass ich verstanden werde.
Es ist allerdings genauso amüsant mit Leuten unter einem Dach zu wohnen, die aus anderen Regionen kommen und dabei zu sein, wenn sie nach Hause telefonieren und man deren Dialekt hört, man selbst freundlich darauf aufmerksam gemacht wird, dass man gerade hört, dass ich soeben ein Gespräch nach Hause hatte und dass es “gesagt” und nicht “gesacht” heißt.
Und ja ladylike ist auch drin, aber ganz ehrlich: es gibt Tage, da geht ladylike nur so weit, sich in Schale zu schmeissen, das feinste Kleid und die hohen Hacken anzuziehen, auf dem Hinweg zur Freundin die Strumpfhose so zu schrotten, dass sie eine einzige Laufmasche ist, nur um von den Freundinnen liebevoll mit einem “Alter, was ist passiert, ich hoffe du hast noch ne andre Strumpfhose dabei, du siehst aus wie ne Crack-Hure!” begrüßt zu werden, bevor man sich aufgetakelt ins Auto setzt und fünf Minuten nach Abfahrt eine von Schimpfwörtern geschwängerte Diskussion darüber beginnt, wer zum Henker so nach Knoblauch rieche.
Sind wir deshalb jetzt asozial? Proleten?
Die passendste Antwort, die mir einfällt ist nur ein mit einem charmanten Lächeln von meiner Freundin abgekupferter Satz: “Ich geb dir gleich Prolet, du Opfer! Komm ma auf n Meter ran damit ich dir ins Gesicht rotzen kann!”
(bitte alle mal kurz durchatmen und lachen, das war n Witz! Also von mir, nicht von ihr, bei ihr müsst ihr vorsichtig sein^^ )
Eins kann ich versprechen: Es gibt hier kaum Kompromisse. Wenn ihr mal einen Abend mit mir und diesen Ladies verbringt, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder ihr wollt es direkt wiederholen, oder ihr sagt “nein, danke, ein Mal und nie wieder.”. Und das ist okay. Hier ist es ehrlich, direkt, frech und humorvoll. Und warm. Und herzlich. Aber bloß, weil man vielleicht ab und zu in anderen Gegenden aufgrund ebendieser Art unangenehm auffällt, wie Torsten Sträter es so schön in einem seiner Texte formuliert, heißt das noch lange nicht, dass es asozial und proletenhaft zugeht.

Das hier ist keine Ode an das Ruhrgebiet.
Es ist einfach nur ein Statement.
Wir kommen von hier. Tiswitis. (wer das analysieren kann, verdient ne Tüte Gummibärchen!)

Das hier ist keine Ode an das Ruhrgebiet.
Es ist einfach nur ein Statement.
Ich mein, in den großen Metropolen dieser Welt wird von “Melting Pot” geredet und “Diversity” gefeiert, und hier? Hier sitzt ein Freundeskreis bestehend aus Paul Wischnewski, Emre Öztürk, Elena Dombreva, Lena Schäfer, Mandy Schneider, Tobias Ludwig und Emma Rosental (*) an einem Samstagabend zusammen in einer Bar von der aus man die Strommasten, die Industriefassaden und den spröden Asphalt sehen kann, alle denselben Dialekt sprechend, während sie sehnsüchtig von den großen Metropolen dieser Welt träumen.
Manchmal muss man eben erst weggehen um nach Hause zu kommen.

Das hier ist keine Ode an das Ruhrgebiet.
Aber wenn man weiss, woher man kommt, ist es einfacher zu entscheiden wohin man geht.

Gina Laventura ©2014

(*) alle Namen frei erfunden

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2 thoughts on “Über das Ruhrgebiet oder Tiswitis

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